Schweiz : Entlang der „heiligen Wasser“

Der Aletschgletscher im Schweizer Wallis: Die Eisstraße zieht sich über eine Länge von 23 Kilometern durch die Alpen.
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Der Aletschgletscher im Schweizer Wallis: Die Eisstraße zieht sich über eine Länge von 23 Kilometern durch die Alpen.

Auf den Suonen, den uralten, traditionellen Wasserfuhren an den Berghängen des Wallis, lässt sich wunderbar wandern.

svz.de von
12. September 2015, 09:10 Uhr

Wasser gibt es zwar reichlich im Schweizer Gletscherland Wallis. Doch nicht unbedingt gleich verteilt. Darum führen die Walliser seit Jahrhunderten das Gletscherwasser mit Hilfe von Suonen auf trockene Wiesen- und Weidenhänge. Ohne diese Kanäle, die das kostbare Wasser auf zum Teil abenteuerliche Art und Weise – auf Holzgerüsten und in steile Felswände geschlagen – ans Ziel tragen, wären große Teile der Walliser Bergregion buchstäblich vertrocknet. Heutzutage kann man entlang der geschichtsträchtigen Wasserwege besonders schön wandern. Noch gelten die Wege als Geheim-Tipp. Besonders empfehlenswert sind die geführten Suonen-Touren, welche die Geschichte „der heiligen Wasser“ auf spannende Weise erlebbar machen.

Der Aletschgletscher ist der bedeutendste Wasserspeicher der Alpen, und wenn es in trockenen Sommern kaum regnet, dann ist es sein Schmelzwasser, das für Ausgleich sorgt. Der Eisgigant ist mit seinen 23 Kilometern Gletscherstraße der längste Eisstrom der Alpen. An seiner dicksten Stelle misst er 900 Meter. Würde man den ganzen Gletscher abtauen, könnte mit seinem Schmelzwasser die gesamte Erdbevölkerung sechs Jahre jeden Tag mit einem Liter Wasser versorgt werden. 2001 hat die Unesco das Gletschergebiet als erste Region in den Alpen überhaupt unter Welterbeschutz gestellt.

Hier ist auch Edelbert „Ed“ Kummers Heimat. Der 76-jährige „Wanderführer im Unruhe(zu)stand“, wie er sich selbst bezeichnet, führt von Mai bis Ende Oktober wöchentlich zur Massaschlucht, auf den Spuren mittelalterlicher Wasserwege. „Eine eindrückliche Tour“, so Kummer. „Der Weg zeigt auf, wie die Menschen hier in früheren Generationen, in schwierigem Gelände mit tiefen Schluchten, das Wasser geholt haben.“ Und es zeigt, dass Wassernot erfinderisch macht!

In die wilde Massa ergoss sich früher das Schmelzwasser und floss im Tal in die Rhône – Wasser, das auf den Almwiesen und in der Landwirtschaft dringend gebraucht wurde. Aber wie bekommt man es dort hin? Ed Kummer zeigt auf ausgehöhlte Baumstämme, die hintereinander gereiht am steilen Fels entlanglaufen. Abenteuerliche Konstruktionen, clever ausgetüftelt, technisch ausgereift. Dort, wo der Weg breit genug ist, münden sie in Wassergräben. „Suonen“ werden diese Leitungen im Wallis genannt.

Die traditionellen Wasserfuhren sind uraltes Kulturgut und menschliche Meisterwerke. Oft kühn an steilen Berghängen angelegt, reichen sie mehr als 1000 Jahre zurück. Die „Bisses“, so ihr französischer Name, durchziehen das Land wie Blutbahnen den menschlichen Körper. „Ohne Bewässerung würde hier kaum etwas wachsen“, erzählt Kummer. „Heilige Wasser“ werden die Kanäle daher seit alters her genannt. Neben der Bewässerung dienten die Suonen auch zur Trinkwasserversorgung für Mensch und Vieh.

Die mit dem Bau und Betrieb der Suonen beschäftigten Arbeiter hatten ein hohes Ansehen bei der Bergbevölkerung, denn das Leitungsnetz war überlebenswichtig für sie, der Bau und der Unterhalt der Kanäle war jedoch äußerst gefährlich. Über die Jahrhunderte entwickelten sie spezielle Techniken, die ein Überwinden von steilsten Felswänden und Geröllhalden ermöglichten.

In Felswänden verlaufen die Suonen in Holzkanälen, an Balken mit einem Laufsteg aufgehängt. Die Balken sind in Fels geschlagenen Löchern verkeilt. Oft werden kleine Wasserräder zur Überwachung des Wasserflusses eingesetzt. Sie treiben einen auf Holz schlagenden Hammer an, sind damit über große Entfernungen zu hören und bestätigen den Wasserfluss. Interessant ist zudem das Wissen um den Verwaltungsapparat hinter den Suonen, der schon früh ausgeprägte demokratische Strukturen erkennen lässt.

Noch heute erstreckt sich dieses Wasseradernetz im Wallis über eine Länge von fast 2000 Kilometern. Inzwischen werden die Wege touristisch genutzt. Schließlich werden die Wasserläufe von Wegen gesäumt, die in landschaftlich reizvolle, abgeschiedene Hochtäler und durch geheimnisvolle Schluchten führen. Entlang der Suonen entwickelte sich über die Jahrhunderte eine einzigartige Tier- und Pflanzenwelt. Ein weiterer Vorteil: Die Pfade, die dem Lauf des Wassers folgen, sind meist flach – sie machen wenig anstrengende Wanderung in Höhenlagen möglich. Wer schwindelfrei ist, kann den Oberriederi-Suonenweg erkunden. Das ist eine relativ wenig begangene Strecke, die über besonders exponierte Passagen führt. Die Route trägt den Namen „Knebelbrückenweg“, da sie über mehrere kleine Brücken aus Holzknebeln führt. Auf dem heutigen, 1996 eröffneten Massaweg führt Kummer häufig seine Gruppen. Es ist der bekannteste Suonenweg der Aletsch Arena. Hier gab es die „Riederi“, eine um das Riederhorn führende sechs Kilometer lange Leitung, die von 1385 bis 1940 das Gletscherwasser kanalisierte.

Seit 1946 fließt das Gletscherwasser durch einen drei Kilometer langen Tunnel auf die dürstenden Wiesen der Bergbauern. „Das Wasser vom Gletscher ist milchig und so nahrhaft, dass die Menschen hier oben keine Sorge mehr über Ernteausfälle haben mussten“, erzählt Kummer. Weiter geht es durch den Tunnel unterm Tälligrat, vorbei an tropfenden Wänden entlang einer dicken Rohrleitung, die seit 1988 das Trink- und Tränkewasser vom gestauten Märjelensee auf die Riederalp leitet. Am Ende durchschreitet er eine liebliche grüne Berglandschaft bis die Tour an der Seilbahn-Mittelstation in Ried endet. Es geht zurück zur Riederalp; in die moderne Welt, wo das Wasser ganz selbstverständlich aus der Leitung kommt.

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