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Reise und Tourismus

15. Dezember 2017 | 23:00 Uhr

Reise : Drei Wege auf den Mount Washington

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Dieser amerikanische Berg ist ein Touristenziel ersten Ranges – mit seinem extremen Wetter aber auch ein gefährlicher Ort.

svz.de von
erstellt am 09.Jul.2016 | 16:00 Uhr

Direkt vor dem Gipfelzeichen: Turnschuhe. Sogar Flipflops sind zu sehen, nur selten reihen sich schwere Bergstiefel ein. Wer den Menschen auf die Füße schaut, die sich ganz oben auf dem Mount Washington in Neuengland fotografieren lassen möchten, bekommt einen ganz guten Eindruck davon, wie zugänglich dieser höchste Berg im Nordosten der USA schon seit vielen Jahren ist. Die Mehrzahl der Besucher erreicht den 1917 Meter hoch gelegenen Gipfel bequem mit dem Auto oder mit der Zahnradbahn. Die Wanderer sind klar in der Minderheit.

Im Sommer ist das Gedrängel oft groß vor der kleinen Steinpyramide am Gipfel. Bei Sonnenschein vergisst man leicht, wo man hier ist: in einer der gefährlichsten Wetterzonen Nordamerikas. Fast jeder Wanderer hat unterwegs das gelbe Schild am Wegesrand gesehen: „Das Gelände voraus hat das schlimmste Wetter Amerikas. Viele sind dort an Unterkühlung gestorben, auch im Sommer. Dreht um bei schlechtem Wetter“, warnt darauf der US Forest Service.

Die Warnung ist absolut ernst gemeint. Der Mount Washington, der mit seinen nicht einmal 2000 Höhenmetern in den Alpen keine große Rolle spielen würde, ist ein Berg der Extreme. Er ist nicht nur der höchste der White Mountains in New Hampshire, sondern auch ein besonders windiger und kalter Ort. Im Januar 1934 wurden minus 43,9 Grad Celsius gemessen. Und bis 1996 hielt der Mount Washington den Weltrekord bei der Windgeschwindigkeit: Mit 231 Meilen pro Stunde – mehr als 376 Kilometer – tobte der Sturm damals um den Gipfel. Das Mount Washington Observatorium, wo rund um die Uhr das Wetter beobachtet wird, bietet am Gipfel meteorologische Workshops an.

Touristische Attraktion seit dem 19. Jahrhundert: Die „Cog  Railway“.
Touristische Attraktion seit dem 19. Jahrhundert: Die „Cog Railway“.
 

Etwa 280  000 Menschen stehen jedes Jahr auf dem Gipfel, fast alle in der Sommersaison von Mitte Mai bis Oktober. Die meisten fahren mit dem Auto hinauf, mit im Schnitt 11,6 Prozent Steigung. Die Betreiber vermarkten die 1861 erbaute Mount Washington Auto Road als „Amerikas älteste von Menschen gebaute Attraktion“.

Ein zweiter Weg, am Mount Washington ohne große Anstrengung bis nach ganz oben zu kommen, ist die auch schon seit dem Jahr 1868 betriebene Zahnradbahn, die Cog Railway. Es kann passieren, dass der Berg plötzlich in den Wolken hängt, während im Tal die Sonne scheint. Den Gipfel von unten nicht zu sehen, muss dagegen nicht heißen, dass sich die Fahrt nicht lohnt: „Manchmal kann man vom Mount Washington bis zum Atlantik schauen, aber nicht 300 Meter nach unten. Jeder Tag ist anders“, erklärt Dan Houde von der Mount Washington Auto Road.

grafik reise dpa mount washington 6-2016
 

Die dritte Art, den Mount Washington zu erklimmen, kostet viel Kraft und dauert am längsten, sie ist aber auch die schönste Methode: zu Fuß. Schon 1819 wurde der Crawford Path genutzt, der am Highland Center des Appalachian Mountain Club (AMC) in Crawford Notch beginnt. Auf der Ostseite des Berges wird der Tuckerman Ravine Trail von Wanderern stark genutzt. Von Südwesten führt der Ammonoosuc Ravine Trail auf den Mount Washington, ab der Zahnradbahn-Talstation.

Oft ist der Aufstieg hier sehr steil, gefährlich wird es aber an keiner Stelle. Vorbei geht es an kleinen Wasserfällen, weit reicht der Blick vom Trail in Richtung Westen. Bald ist die Baumgrenze erreicht – nirgendwo auf der Welt liegt sie in diesen Breitengraden so tief wie in New Hampshire. Etwas oberhalb duckt sich die „Lake of the Clouds“-Hütte des AMC in den Sattel zwischen Mount Eisenhower und Mount Washington. Von hier aus führt der schattenlose Weg über Geröll zum höchsten Punkt der White Mountains.

Zurück ins Tal zu laufen wäre jetzt machbar, aber auch schon wieder ein kleiner Kraftakt. Also: Übernachten in der AMC-Hütte, was mit 131 Dollar (118 Euro) für Nicht-Clubmitglieder kein Schnäppchen ist. Dafür gibt es Abendessen, Frühstück, einen Platz im Schlafsaal und die Unterhaltung durch die zehnköpfige Hüttencrew aus Studenten, die ihren Ferienjob mit viel Witz und Begeisterung erledigen.

Abends sitzen etwa 60 Wanderer bei Graupensuppe mit Champignons, überbackenem Rinderhacksteak und Schokoladenkuchen auf den hölzernen Bänken. Während des Essens schlägt draußen das Wetter um, plötzlich ist die Hütte von Nebel umhüllt und mitten in den Wolken. Starker Regen setzt ein, der auch noch gegen das Schlafsaalfenster peitscht, als um 6.30 Uhr geweckt wird. Die Hüttencrew nimmt es mit Humor und stimmt auf dem Flur „You are my sunshine, my only sunshine“ an. Bei Haferbrei, Pancakes, Rührei mit Speck und dampfendem Kaffee liest Crewchef Peter Christoffersen um 7.15 Uhr den Wetterbericht vor. Es bleibt regnerisch und windig, die Sicht reicht keine 20 Meter weit. Niemand plant nun einen schnellen Aufbruch, vom „schlimmsten Wetter Amerikas“ draußen kann dennoch zumindest heute nicht die Rede sein.

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