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Kanadische Arktis : Die Rückkehr der Einhörner

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die kanadische Arktis ist die Heimat der geheimnisvollsten aller Wale.

„Sie werden kommen“, sagt der Inuit-Jäger, „sie müssen kommen. Es kann nicht mehr lange dauern. Sie kommen jedes Jahr um diese Zeit zurück.“ Die schmalen Augenschlitze von David Oyukuluk tasten den Horizont ab. Der Jäger hält Ausschau nach Qilalugaq, Einhörnern. Die Narwale mit ihrem geheimnisvollen gedrehten Stoßzahn gehören zu den wichtigsten Beutetieren der Inuit von Arctic Bay.

„Die große Wanderung“ nennen die Inuit die Zeit der Sommermonate, wenn Tausende Wale aus dem Lancastersund im äußersten Norden Kanadas in die Buchten und Fjorde im Süden vordringen. Dann beginnt die große Jagdsaison.

„Seit meinem sechzehnten Lebensjahr habe ich jedes Jahr einen erlegt“, sagt der 25-Jährige, „das längste Horn war fast zwei Meter lang.“ 190 Narwale dürfen die Einwohner von Arctic Bay jährlich jagen, mehr als jede andere Inuit-Gemeinde Kanadas. Die Jagd ist allein den Indigenen erlaubt. Sie handeln auch mit den wertvollen Stoßzähnen. Ihr Export in eine Reihe an Ländern ist allerdings aus Artenschutzgründen verboten.

Es ist das spiralförmig gedrehte Einhorn, das den Narwal zum rätselhaftesten aller Wale macht. Jahrhundertelang rankten sich Mythen um den Ursprung des seltenen Strandguts aus dem Eis. Dass das schraubenförmige Horn nicht wie in der Legende auf der Stirn eines Pferdes wuchs, sondern der Eckzahn im Oberkiefer eines Wals ist, wurde erst im 17. Jahrhundert bewiesen.

„Die Bewohner von Arctic Bay jagen die Wale seit vielen Generationen“, sagt Oyukuluk. „Wenn sie im Sommer in die Eisspalten wandern, warten wir mit den Harpunen und Gewehren auf sie.“

Bis vor wenigen Jahren war es Forschern und den indigenen Völkern in Grönland und im äußersten Norden Kanadas vorbehalten, je einen Narwal zu Gesicht zu bekommen. Inzwischen ist es auch einer kleinen Anzahl an Touristen möglich, die Tiere vor der Baffin-Insel zu beobachten. Das Polarexpeditionsunternehmen „Arctic Kingdom“ baut im Mai auf dem Packeis des Admiralty Inlets ein Camp auf.

In diesem Jahr begleitet David Oyukuluk zum ersten Mal eine Gruppe Touristen an die Treibeiskante. Aus dem Lautsprecher des Hydrophons, das über ein Kabel die Stimmen des Eismeers für das menschliche Ohr hörbar macht, mischt sich plötzlich ein leises Klopfen in das arktische Unterwasserkonzert der Robben, Belugas und Grönlandwale. Bald tönt ein Knarren wie eine alte ungeölte Tür, die sich nach Ewigkeiten wieder öffnet. Qilalugaq, flüstert Oyukuluk, Narwale. Am Horizont sind ihre bräunlich grau gefleckten Körper und bald auch die gedrehten Stoßzähne zu erkennen. Es gibt sie wirklich, die Einhörner der Meere.

Wenn die letzten Touristen alle verschwunden sind, wird das Eis im Admiralty Inlet langsam brechen. Wie tiefblaue Adern werden sich dann mehr und mehr Spalten durch die geschlossene Eisdecke ziehen, ein Netz aus Kanälen bis weit ins Landesinnere. An einem von ihnen wird David Oyukuluk mit Harpune und Gewehr auf seinen Narwal warten. Er hofft, dass der Stoßzahn des Tiers, das er in diesem Jahr töten wird, einmal mehr als zwei Meter misst.

Reise-Informationen

Hin und zurück: Zum Beispiel mit Air Canada (www.aircanada.com), Condor (www.condor.de) oder Icelandair (icelandair.com) nach Toronto und Ottawa. Von Ottawa oder Toronto geht es mit First Air (www.firstair.ca) oder Canadian North (www.canadiannorth.com) nach Arctic Bay im Norden Nunavuts.

Unterkünfte: Der kanadische Spezialist für Polarexpeditionen Arctic Kingdom bietet im Juni die Reise „Great Migrations of the Northwest“ an, mit der Möglichkeit Narwale, Belugas und Eisbären an der Treibeiskante zu beobachten. Arctic Kingdom, PO Box 6117, Iqaluit NU X0A 1H0, Canada, Tel. +1 (888) 737-6818, E-Mail adventures@arctickingdom.com, www.arctickingdom.com

Essen und trinken: Fast alle Lebensmittel mit Ausnahme von Fisch und Fleisch durch Wildfänge werden mit dem Schiff oder Flugzeug nach Arctic Bay gebracht, dementsprechend ist alles äußerst teuer. Restaurants gibt es in der Inuit-Siedlung nicht. Arctic Kingdom bekocht seine Gäste mit einem eigenen Küchenteam auf dem Packeis.

Weitere Infos: www.meinkanada.com, www.nunavuttourism.com

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