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Reise und Tourismus

20. November 2017 | 22:29 Uhr

Reisen : Die Bahn auf dem Wartegleis

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erstellt am 28.Feb.2013 | 09:52 Uhr

Schwerin/Rostock | Déjà-vu am Bahndamm: der Ausbau des Verkehrsprojekts Deutsche Einheit Nummer 1 auf der Strecke Lübeck-Bad Kleinen-Rostock-Stralsund, der Bau eines Gleisbogens nahe Bad Kleinen für einen Nord-Süd-Verkehr, die Sanierung der Strecke Berlin-Pasewalk-Stralsund, eine schnelle Ost-West-Verbindung von Stettin nach Westmecklenburg, zusätzliche Bahnverbindungen im Fernverkehr, die Südanbindung der Insel Usedom - die Wunschliste der Wirtschaft und des Fahrgastverbandes Pro Bahn für den Bahngipfel heute in Schwerin dürfte Bahnchef Rüdiger Grube vertraut sein. Schon 2011, als Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) den Konzernchef zum ersten Mal zum Bahngipfel bestellte, standen die meisten Projekte zur Debatte. Nur, die Realisierung lässt auf sich warten.

Seit Jahrzehnten stehe der nach der Wiedervereinigung auf den ersten Rang der wichtigsten Verkehrsprojekte gesetzte Ausbau der Küstenstrecke zwischen Lübeck-Bad Kleinen-Rostock-Stralsund auf dem Plan. Realisiert worden sei es nur halbherzig, kritisiert Dorothee Crayen, Verkehrsexpertin der Industrie- und Handelskammer (IHK) Schwerin. Der einst zugesagte vollständige zweigleisige Ausbau bis Stralsund fehle noch immer. Eine verhängnisvolle Entscheidung: Ohne den Bau der seit Jahren geforderten Streckenprojekte gerate das ganze Schienennetz in MV ins Bröckeln, meint Crayen. Die Gefahr steigt: Die Bahn setze längst andere Schwerpunkte - in Bayern, in Hessen, beobachtet Johann-Georg Jaeger, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen-Landtagsfraktion. MV werde von Deutschlands größtem Logistikkonzern abgehängt. "Die Bahn steht auf dem Wartegleis", meint Marcel Drews, Landeschef des Fahrgastverbandes Pro Bahn. Da, wo die Bahn Eigenverantwortung trage, mache sie nur noch das, was sich rechne.

So fehlten ausreichende Zugverbindungen auch in den Randzeiten, damit Urlauber per Bahn die Tourismusorte in MV erreichen könnten, beklagt Drews: "Das Angebot reicht nicht." Die Zeit drückt: Durch den sich verzögernden Ausbau der Strecke Rostock-Berlin seien in den nächsten Monaten z. B. massive Einschränkungen für Radtouristen, die die Bahn benutzen wollen, zu befürchten, so Jaeger. Er fordert daher die Kapazitäten für die Fahrradmitnahme auf der Ausweichstrecke zu erhöhen. "Wir brauchen kurzfristige Lösungen", erwartet er vom heutigen Bahngipfel.

Dass es gehe, habe die Bahn selbst bewiesen. Die Angebote der Usedomer Bäderbahn - eine 100-prozentige Tochter der Deutschen Bahn - werde von den Reisenden "super angenommen" und sei ein Erfolgsmodell, sagte Jaeger. Beim letzten Bahngipfel hatte Bahnchef Grube Investitionen ins Eisenbahnnetz sowie den Ausbau der Bahnhöfe und der Hinterlandanbindungen der Häfen zugesagt. Investitionen von 169 Millionen Euro hat die Bahn in diesem Jahr für MV angekündigt. Und doch bleibt die Bahn hinter den Erwartungen der Wirtschaft zurück. Trotz aller Finanzierungsprobleme müsse es unabhängig von Kosten-Nutzen-Rechnungen Lösungen geben, damit der Bahnverkehr in MV nicht zum Erliegen komme. Dazu zählten beispielsweise der sogenannte Gleisbogen bei Bad Kleinen. "Das wichtigste Projekt", sagt IHK-Bereichsleiterin Crayen, das mit der neuen Fehmarnbelt-Querung nach Skandinavien künftig im Nord-Süd-Güterverkehr eine entscheidende Bedeutung erhalte. Gebraucht würden aber auch schnellere Verbindungen im Ost-West-Verkehr MV. Rostock sei nicht das einzige wirtschaftliche Zentrum im Land. Auch Schwerin und Neubrandenburg müssten auf der Schiene besser miteinander verknüpft werden, fordert Crayen. Dazu gehöre eine schnelle Verbindung zwischen Lübeck, Bützow, Güstrow, Pasewalk und Stettin, meint Jaeger. Nach Expertenschätzungen ließen sich auf der Strecke mit einem "überschaubarem" Aufwand die Fahrzeiten verkürzen. Ausbaubedarf bestehe auch für die Anbindung der Insel Usedom. So fordern die Kammern in MV seitlangem eine direkte Verbindung von Berlin zur Insel über die am Ende des 2. Weltkrieges gesprengte und nun neu zu errichtende Karniner Brücke. Den Kammern zufolge sei das Projekt bereits vor zehn Jahren in den Bundesverkehrswegeplan aufgenommen worden, aus Kostengründen aber bislang zum Opfer gefallen. Schwer umzusetzen, hieß es schon beim letzten Bahngipfel in Schwerin. Dabei sei die auf 150 Millionen Euro geschätzte Südanbindung der Insel angesichts von sechs Milliarden Euro für einen einzigen Bahnhof in Stuttgart doch wohl machbar, sagt Johann-Georg Jaeger.

 

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