Lake Murray in Papua-Neuguinea : Der See der Monster

Botoa Island: Der Lake Murray im Westen Papua-Neuguineas ist fast viermal so groß wie der Bodensee.
Botoa Island: Der Lake Murray im Westen Papua-Neuguineas ist fast viermal so groß wie der Bodensee. Fotos: Fabian von Poser

Der Lake Murray in Papua-Neuguinea bedeutet den Einheimischen alles – und liefert mystische Geschichten

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14. Dezember 2019, 16:00 Uhr

Spätestens als Slim Baro, ein hagerer Mann vom Stamm der Kuni, begann, mit einem verkrüppelten Ast die Fußabdrücke gleich dreier Lebewesen in den Sand zu zeichnen, fing ich an, an der Geschichte zu zweifeln: den Fußabdruck eines riesigen Menschen, den eines Krokodils und den eines Wallabys. Doch es gab keinen Grund, Baro die Geschichte nicht zu glauben, denn das ganze Dorf war überzeugt, dass es so gewesen war, wie er sagte.

Die Sonne brennt, als unser Boot auf Pangoa anlegt, eine Insel mit ein paar Dutzend Holzhütten am Westufer des Sees. Baro war zwölf, als ihm das Monster begegnete. Er sah es nicht, er spürte es nur. Er spürte wie der Boden unter ihm vibrierte, die Füße keinen Halt mehr fanden, er glaubte zu stürzen.

Die Geschichte von Mangai-Eve

Doch fangen wir von vorne an. Zwei Tage vor der Audienz bei Slim Baro waren wir mit einer in die Jahre gekommenen PAC 750 XL vom Hochland Papua-Neuguineas über watteweiche Wolken hinunter an den Lake Murray an der Grenze zu Indonesien geschwebt. Bei der Landung auf einer Wiese waren wir umringt von Hunderten von Menschen. Mit der „Lake Murray“, einem 60-PS-Außenborder aus Aluminium, glitten wir eine halbe Ewigkeit über den See. Und jetzt stehen wir an einem der abgelegensten Orte der Erde und hören die Geschichte eines Monsters, das die Einheimischen Mangai-Eve nennen.

Mit 2000 Quadratkilometern ist der Lake Murray in der Regenzeit der größte See in Papua-Neuguinea. Die 7000 Menschen an seinen Ufern leben ein einfaches Leben. Mit Pfeil und Bogen stellen sie Baumkängurus, Wallabys, Kasuaren, Hirschen und Wildschweinen nach. Sie durchpflügen den See mit selbst gezimmerten Kanus, um zu den besten Fischgründen zu gelangen. Und sie pflanzen auf frei gejäteten Lichtungen im Wald Maniok, Mais, Süßkartoffeln und Wasserbrotwurzeln an.

„Der See ist alles, was wir haben“, sagt Baro. „Wir fischen in ihm, wir waschen uns in ihm, wir trinken sein Wasser.“ Baro trägt löchrige Shorts und ein fleckiges Poloshirt, als wir mit ihm die Insel abschreiten. Dabei war Pangoa einst ein fortschrittlicher Ort. Es gab eine Missionsstation der London Missionary Society (LMS), ein Elektrizitätswerk, eine Krankenstation, ein Geschäft und eine Kirche. Doch als die Missionare nach der Unabhängigkeit Papua-Neuguineas von Australien im Jahr 1975 nach und nach das Land verließen, war schnell Schluss. Nicht einmal ein Jahr verging, da lief nichts mehr, denn niemand konnte die Technik bedienen.

Baro sieht blass aus im gleißenden Sonnenlicht, als wir uns mit ihm auf die Suche nach irgendeiner Evidenz für die Existenz des Monsters machen. Nichts! Nach einer halben Ewigkeit zeichnet Baro die Spuren selbst in den Sand. „Mangai-Eve kann ein Krokodil sein, ein Wallaby, eine Schlange oder auch ein Mensch“, sagt er.

Gaben für den „Schöpfer des Ortes“

Je länger wir ihm zuhören, desto schwerer fällt es, die Geschichte zu glauben, denn Baro widerspricht sich immer wieder selbst. Doch niemand im Dorf hinterfragt seine Worte, denn Mythen und Aberglaube sind in Papua-Neuguinea weit verbreitet. Oft werfen die Fischer einen Teil ihres Fangs zurück in den See, um Mangai-Eve, was in der Sprache der Kuni so viel bedeutet wie „Schöpfer des Ortes“, gewogen zu machen.

Vor einigen Jahren stand Baro schon einmal hier und suchte nach den Spuren. Denn wenn schon die Naturwissenschaft die Phänomene am See nicht zu erklären vermag, so kann es vielleicht die Kirche. Am 11. Dezember 1999 berichteten Bewohner einer der Inseln im See, dass sie im flachen Wasser ein Monster gesichtet haben wollten: schlanker Hals, mächtiger Körper, die Hinterbeine so dick wie die Stämme von Kokospalmen.

Die Sonne steht beinahe senkrecht über Pangoa, als ich mit Baro vor seiner Hütte stehe. Bis zum Horizont nichts als Wasser. Wir blicken gebannt auf den sSee. Kaum zehn Meter vor uns kräuselt sich plötzlich etwas im Wasser, so als ob gleich etwas Großes auftauchen würde. Ein Fisch, ein Krokodil oder vielleicht etwas noch Größeres? Doch so schnell, wie das Etwas erschienen ist, ist es auch wieder verschwunden.

Geschichten, die sich mit der Logik nicht erklären lassen

Wo wir auch hinkommen: Über unseren Besuch freut sich jeder. Wir schütteln Hunderte Hände. In langen Reihen stehen die Menschen in den Dörfern zur Begrüßung Spalier. Viele haben noch nie Weiße gesehen. Aber wahrscheinlich werden wir nicht die letzten sein, denn ein mutiger Australier hat es gewagt, 2016 auf einer Insel im See eine Lodge zu errichten. Bob Bates hofft auf Vogelliebhaber, denn etwa die Hälfte aller Vogelarten Papua-Neuguineas leben am See. Und er hofft auf Sportfischer, denn der Lake Murray gilt als einer der heißesten Angelspots weit und breit.

Als wir wieder in unserem 60-PS-Geschoss sitzen, um in unsere Welt zurückzukehren, stehen sie alle da: die federgeschmückten Frauen, die johlenden Kinder und Baro, der Monsterentdecker. Wenn man den 45-Jährigen fragt, ob er wirklich an das Monster glaube, sagt er: „Natürlich. Weil ich ihm selbst begegnet bin.“ Es sind diese Legenden, wie sie sich in vielen abgelegenen Teilen der Erde erhalten haben. Geschichten, die sich mit der Logik nicht erklären lassen. Das Monster des Lake Murray ist mir nicht begegnet. Aber wenigstens einen Augenblick lang hatte ich das Gefühl, ihm ganz nahe zu sein.

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