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Prag : Das Ufer der Moldau wird zur Flaniermeile

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Karlsbrücke und die Prager Burg gehören zu den beliebtesten Zielen.

Unter einer der Moldau-Brücken ist am besten zu beobachten wie die Prager ihre Stadt allmählich wieder erobern: Martin Kontra steht hier, den Blick über das Wasser auf die Prager Burg gerichtet, neben ihm eine lange Schlange vor dem Bierausschank.„Als wir hier angefangen haben“, ruft er in die Musik der Live-Band, „war das hier ein toter Ort. Daran wollte ich etwas ändern.“

An jedem Sommerabend pulsiert nun das Prager Leben hier am Fluss, bis weit in die Nacht sind die Flaneure unterwegs. Bajkazyl heißt der Laden, den Martin Kontra eröffnet hat – eine Mischung aus Fahrradwerkstatt, Kulturforum und Freiluft-Bar.

Am Uferstreifen mitten in der Innenstadt treffen sich bei gutem Wetter Tausende Prager. Manche bringen ihre eigene Weinflasche mit, andere versorgen sich an einem der Stände mit frisch gezapftem Bier.

Und alle genießen die Live-Bands, die jeden Abend spielen. Von der Moldau weht eine frische Brise herüber. So beliebt ist der Treffpunkt inzwischen, dass umfunktionierte Lastkähne am Ufer festmachen: Mit Bierbänken oder einem schwimmenden Theatersaal verlagern sie das Geschehen auf den Fluss.

„Das kulturelle Leben spielt sich wieder mehr an der Moldau ab, vielleicht ein bisschen nach dem Pariser Modell“, sagt Martin Ourednicek. Der Wissenschaftler von der Karls-Universität forscht zur sozialen Geographie der Stadt. „Da trifft das alte Sprichwort wieder zu, nach dem die Prager in der Moldau getauft sind – das ist ein Teil unserer Identität.“

Vor allem aber ist der Wandel des Uferstreifens das sichtbarste Zeichen einer Neuerung in der Stadt: Die Prager fangen an, sie als Lebensraum zu nutzen – anders, als sie es seit der Zeit des Kommunismus gewöhnt waren. Da war Prag vor allem eine Stadt zum Arbeiten und Schlafen. In jeder freien Minute zog es die Bewohner raus auf ihre Datsche auf dem Land.

„Im Sozialismus hatte die Stadt vor allem die Aufgabe, den Menschen Wohnraum zur Verfügung zu stellen“, erklärt Forscher Ourednicek. Wer ein paar Zimmer in einer der Satelliten-Siedlungen ergattert hatte, war froh darüber.

Die staatlich verordnete Zuteilung von Wohnraum habe den Umgang mit der Stadt beeinflusst: „Der Rhythmus war fremdbestimmt. Man fuhr morgens in der Rush-Hour zur Arbeit, abends wieder zurück – das war für das sozialistische System kennzeichnend. Und am Wochenende war man auf der Datsche.“

Heute, erklärt Ourednicek, ändere sich dieser Rhythmus: Die Prager hätten schönere Wohnungen, sie wollten das Leben nicht nur an ihren freien Tagen genießen. Davon zeugen auch die vielen Restaurants und Cafes, die ihre Tische auf die Straße stellen und Prag zum ersten Mal seit vielen Jahrzehnten zu einer Stadt der Flaneure machen.

Auch Marek Belor beschäftigt sich mit dem Wandel der Stadt. Er ist Experte der Initiative „Auto-mat“, die sich für eine bessere Verkehrssteuerung einsetzt. „Das grundlegende Dilemma von Prag ist, dass die Gassen zu schmal sind für den Ansturm von Autos“, sagt er.

An der Moldau-Promenade ist inzwischen die Nacht eingebrochen. Die Musik spielt, das Bier fließt. Die Prager genießen ihre Stadt – jeden Abend aufs Neue.

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