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Reise und Tourismus

22. August 2017 | 18:51 Uhr

Alaska : Das Mecklenburg Amerikas

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Alaska ist ein bisschen wie Mecklenburg-Vorpommern – nur ganz anders

Wenn man in Alaska gefragt wird, was denn wohl Mecklenburg-Vorpommern sei, erklärt man es am besten mit zwei Dingen: Heimat von Angela Merkel und weites, dünnbesiedeltes, wunderschönes Land. Allerdings funktioniert in Alaska der zweite Teil nicht ganz, schließlich ist Alaska viel weiter, viel dünner besiedelt – vielleicht sogar schöner? Es gibt Gemeinsamkeiten. Ist Alaska das Mecklenburg Amerikas?

Immerhin sind Alaska und Hawaii die „neuen Länder“ der USA. Erst 1959 wurden beide zum Staat, lange nach den anderen 48 Staaten der USA, die man hier „the lower 48“, die „unteren 48“ nennt. In einem lebe ich, in New York. Mitten in Manhattan. Manhattan ist von der Fläche kleiner als Neustadt-Glewe, hat aber mehr Einwohner als MV. Alaska hat nicht einmal die Hälfte der Einwohner Mecklenburg-Vorpommerns - ist aber fast 75 Mal so groß.

Also los, vier Wochen Alaska, mit Frau, Tochter (2) und Sohn (5 Monate), möglichst viel sehen. Anchorage und Fairbanks, Valdez und Seward, Talkeetna und Wasilla. Und natürlich all das, was eben gerade nicht Stadt ist. Berge, Ozeane und weite Täler. Bären, Wale und Elche. Ölpipelines, Truckrennstrecken und vor allem Menschen. Urwüchsige Menschen, nicht spontan und nicht überschwänglich, aber offen und freundlich. Eben ein bisschen Mecklenburg.

Billy Williams ist so einer. Sein Bart reicht fast zum Gürtel und die ganzen Mücken im Sommer sind ihm inzwischen egal. Er ist 59 und betreibt eine Kneipe, die zugleich Bank, Post, Tankstelle und vor allem Treffpunkt ist. „Ich war neun, als ich hier ankam. Es waren 50 Grad minus und ich heulte den ganzen Tag.“

Mittlerweile ist er längst „Alaskan“. „Das Leben ist gut hier. Härter, aber gut.“ Kälter ist es, na klar. Und auch dunkler, wenn es im Winter monatelang nicht hell wird. „Man lernt einfach, sich besser einzuteilen. Zum Beispiel seine Zeit. Oder sein Benzin, wenn die nächste Tankstelle weit ist.“ Dass Alaska so dünn besiedelt ist, könne nur ein Alaskan verstehen. „Ich hatte gerade eine Gruppe Japaner da und habe ihnen erzählt, dass die nächsten 50 Meilen nichts kommt. Sie haben mir nicht geglaubt.“

Die Entfernungen sind in Alaska in der Tat schwer zu fassen. Von der nordwestlichsten zur südwestlichsten Ecke sind es 2400 Kilometer – mehr als von Schwerin nach Lissabon. Einige der Straßen nennen sich zwar stolz „Highway“, sind aber nicht einmal geteert. So wie der Dalton Highway, der bis zum Polarmeer führt. Der Spitzname als „Amerikas gefährlichster Highway“ mag unfair sein, dennoch ist er etwas für Profis. Mit der Ostseeautobahn hat er so viel zu tun wie Malchow mit Manhattan.

Dustin Reyna fährt einen Zementlaster. „Man sieht immer wieder Autowracks liegen. Dabei ist der Süden aber übler. Der Norden ist ständig unter Eis, aber halbwegs eben. Der Süden ist steil und kurvig. Wenn dann noch Regen oder Eis dazukommen, ist es die Hölle.“ Warum macht er es dann trotzdem? „Gutes Geld und viel Spaß.“

Wir sind ihn gefahren, fast bis zum Polarkreis. Einmal am Yukon stehen, der Fluss, der so viel gesehen hat. Stolze und geschlagene Ureinwohner, reiche und arme Goldsucher, erfolgreiche und gescheiterte Auswanderer. Es rumpelt und scheppert. Die Straße ist aus Lehm, Kamau Leigh nennt es einfach „Dreck“. Leigh ist Statetrooper, ein Polizist, der viele wertvolle Tipps gab. „Du bist Four-Wheeler“, erklärt er, weil mein Geländewagen vier Räder hat, nicht 18 wie die Trucks. „Wenn Du überholen willst, rufe den Lastwagen per CB-Funk: „He, 18-Wheeler, Four-Wheeler will bitte überholen.“ Und er wird Dir Platz machen, die Fahrer sind fair.“

Einer der unsinnigsten Ratschläge meines Lebens. Ich bin Gelände gewohnt, aber auf dem Dalton zeigt meine Nadel nie mehr als 40 Meilen. Das sind 70 km/h. Die Trucks mit ihren gewaltigen Aufliegern mit Öltanks, Stahlträgern oder Containern donnern mit Tempo 110 vorbei. Wenn hier einer überholt wird, bin ich das. Mein „Four-Wheeler“, den man in Deutschland als Amischiff, Spritschlucker oder Riesenkiste beschimpfen würde, wirkt hier wie eine Maus unter fauchenden Katzen.

Als die Russen als erste Europäer Alaska sahen, waren sie begeistert. „Die Russen“ waren allerdings der dänische Seefahrer Vitus Behring und der deutsche Naturforscher Georg Steller, die unter russischer Flagge segelten. Behring war ein knorriger Seemann, Steller ein versessener Forscher. Der Däne starb an Skorbut an der Meeresstraße, die heute seinen Namen trägt. Den Deutschen beschuldigten die Russen, er habe die Völker gegen ihre Fremdherrschaft aufgewiegelt. Er starb mit 35, nicht einmal ein Bild von dem brillanten Geist ist erhalten.

„Er war ein großer Mann“, sagt Chris Thoma über Steller. „Ich begegne ihm jeden Tag.“ Thoma ist Kapitän in Valdez. „Nach Steller sind ein Dutzend Arten benannt und eine ganze Menge davon leben hier.“ Thoma schippert Touristen durch einen der vielen Nationalparke Alaskas. Von Mecklenburg hat er noch nie etwas gehört. „An der Ostsee, ach so. Dann ist es sicher ’ne wunderschöne Gegend“, sagt er. „Aber eines haben wir, was Ihr nicht habt.“ Er zeigt lächelnd über seine rechte Schulter – und da erhebt sich der Columbia-Gletscher.

Die Hälfte der Gletscher der Erde ist in Alaska. Sie sind zusammen fast zweimal so groß wie MV. Der Columbia ist gut 50 Kilometer lang und 550 Meter dick. „Das Eis ist Jahrtausende alt und wir sehen es hier. Ist das nicht unglaublich“, fragt Thoma. „Ich bin fast jeden Tag hier, aber die Faszination nimmt nicht ab. Die Schönheit der Natur ist unglaublich.“

Genau diese Schönheit war bedroht, als vor 25 Jahren ein Supertanker auf Grund lief, weil der Kapitän besoffen in der Koje lag. 37  000 Tonnen Rohöl liefen aus der „Exxon Valdez“ aus und verdreckten 2000 Kilometer Küste. Aus der Entschädigung wurde das Alaska SeaLife Center gegründet, ein Meeresmuseum, nur nicht in Stralsund, sondern in Seward. Es ist auch Waisenheim: „Wenn verletzte oder verlassene Tiere gefunden werden, pflegen wir sie hier und setzen sie dann wieder aus“, sagt Jenna Miller. „Mit Seelöwen oder Seeottern geht das nicht. Sie sind sehr auf ihre Mutter fixiert und die Rolle übernimmt hier der Mensch. Draußen würden sie sich nicht mehr zurechtfinden.“

Das SeaLife Center ist ein amerikanisches Museum, heißt: Bitte alles anfassen! Nicht nur Muschelschalen, Walbarten und Seehundfelle, sondern auch Tiere. Der Streichelzoo ist unter Wasser und wer will, kann Seesterne, Langusten oder Einsiedlerkrebse tätscheln. Kinder sind begeistert, Erwachsene zögerlich.

Der Star heißt Woody und ist eine gute Tonne schwer. Er ist ein Stellerscher Seelöwe – eine der nach Steller benannten Arten. Pfleger Derek hat den gleichen Schnurrbart wie Woody und die Fütterung ist das zweittollste, was man hier sehen kann. Imposanter ist nur noch, wenn Woodys Frau kommt. Beide bölken sich dann laut an und schnell wird deutlich, dass er mehr will als sie. Sollte der Zuchterfolg gelingen, wäre das eine Sensation.

Dann könnte Alaska mal wieder in die Schlagzeilen kommen. Im Rest Amerikas gilt der nördlichste Staat als anders: Wunderschön, aber nicht gerade das Zentrum von allem. Alaska ist eben doch das Mecklenburg Amerikas.

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