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Winzige Mitreisende : Blinde Passagiere an Bord

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Sie sind oft winzig klein und doch schwer zu bekämpfen: Tierische Schwarzfahrer in der Schifffahrt.

Die Zeiten für blinde Passagiere sind paradiesisch: Shanghai? Dubai? Oder doch lieber Los Angeles? Etwa 60  000 größere Schiffe fahren weltweit um den Globus. Die reisewillige Muschellarve oder der winzige Fadenwurm müssen lediglich im rechten Moment an Bord gehen und schon gibt es eine kostenlose Passage vom ostchinesischen Meer in den Nordostatlantik. Oder wohin auch immer. Statt Kabine mit Meerblick müssen sie sich zwar mit dunklen Ballastwassertanks zufrieden geben. Doch das scheint viele nicht zu stören. Allein in Nord- und Ostsee, so schätzen Experten, leben 200 neue Arten, die der menschliche Transport hierher gebracht hat.

Sogenanntes Ballastwasser nehmen Schiffe immer dann auf, wenn sie zu wenig Ladung an Bord haben und daher nicht stabil im Wasser liegen. Auf diese Weise werden mehrere Milliarden Tonnen an Süß- und Meerwasser weltweit umverteilt. Und mit ihnen vieles anderes: Larven, Algen oder auch winzigste Organismen, die mit bloßem Auge gar nicht zu sehen sind. Allein in einem Milliliter Meereswasser, so erklärt der Hamburger Biologe und Experte für Ballastwasser, Stephan Gollasch, könnten mehr als 1000 Organismen sein. Nicht jedem Auswanderer bekommen zwar die ungewohnte Umgebung, das Klima, die Wasserqualität am Zielort. Doch diejenigen von ihnen, die sich einrichten können, haben dies in der Vergangenheit oft auf Kosten anderer Arten getan. Auch auf Kosten derer, die diese ganze kostenlose Kreuzfahrerei überhaupt erst zur Verfügung stellen: die Menschen. Aus einer kleinen Larve wird dann ganz schnell eine Qualle, die den Fischen die Nahrung wegfrisst, eine Muschel, die sämtliche Rohrleitungen verstopft, oder eine Krabbe, die auf die Größe eines Medizinballs anwächst und Löcher in die mühsam errichteten Deiche gräbt. Allein in Europa, so wird geschätzt, beläuft sich der Schaden durch Rippenqualle, Muschel, Wollhandkrabbe und Co jährlich auf zwei Milliarden Euro.

Daher sollen die Zeiten nun anders werden: „Ballastwasserbehandlungsanlagen“ heißt das Gegenmittel. Hinter diesem sperrigen Wort verbirgt sich eine Vorrichtung, mit der die ungebetenen Gäste an der Einreise gehindert werden sollen. Freundlich formuliert. Wenn man ehrlich ist, geht es darum, möglichst alles, was in dem Ballastwasser herumschwimmt, abzutöten. So hat es die Internationale Schifffahrtsorganisation IMO im Jahr 2004 beschlossen und seitdem jede Menge Richtlinien und Testverfahren entwickelt, damit die Anlagen ihre Aufgabe auch wirklich erfüllen. Die Zeiten für blinde Passagiere werden rauer.

Oder sollen es zumindest werden. Denn obwohl die IMO das sogenannte Ballastwasserabkommen bereits vor zwölf Jahren verabschiedet hat, gibt es bisher nur wenige Schiffe, die tatsächlich eine Ballastwasserbehandlungsanlage an Bord haben. Betrieben wird sie aufgrund der Energiekosten so gut wie gar nicht. Muss sie auch nicht. Denn das Abkommen ist zwar verabschiedet, aber noch nicht in Kraft. Und das, obwohl seit mehr als zwei Jahren beinahe täglich mit der Ratifizierung gerechnet wird. Stattdessen treten zwar immer mehr Staaten dem Abkommen bei, doch unter den Flaggen der Unterzeichnerstaaten fahren nicht genügend Schiffe. Die Mühlen der Bürokratie mahlen eben langsam, könnte man meinen. Doch es gibt auch andere Ursachen dafür, dass Länder mit größeren Schiffsflotten dem Abkommen noch nicht beitreten.

Denn der Kampf gegen die zumeist winzigen Mitreisenden, die den Weg durch die Ansaugstutzen der Schiffe ins Innere finden, ist zäher als zunächst gedacht. In einer ersten Stufe versucht man es – scheinbar ganz simpel – mit Filtern. Doch jeder, der schon einmal das Flusensieb einer Waschmaschine gereinigt hat, weiß: Wo viel gefiltert wird, geht irgendwann gar nichts mehr. Und bei einem großen Containerschiff geht es nicht um den Wasserablauf einer Waschmaschine: Es kann bis zu 100  000 Tonnen Ballastwasser aufnehmen. Eine solche Filteranlage für den alltäglichen Betrieb herzustellen, ist schon die erste Hürde.

Für die Hersteller zumindest. Viele der blinden Passagiere zeigen sich indes wenig beeindruckt von den High-Tech-Filtern und schlüpfen einfach hindurch. Damit erreichen sie Level 2, die sogenannte „Hauptstufe“ einer Ballastwasserbehandlungsanlage. Hier sind fast alle Mittel erlaubt: Mit UV-Licht, Ultraschall, Peressigsäure, Chlor oder Hitze versuchen die Hersteller der Anlagen den winzigen Organismen zu Leibe zu rücken. Die Gewinner dieses aufwändigen Kampfes sind allzu häufig: die Winzlinge. Denn einige von ihnen finden fast immer den Weg ins Freie, ganz gleich welche Methode angewendet wird. Deshalb hat man Grenzwerte für die Lebewesen festgesetzt, die nicht überschritten werden dürfen.

Womit allerdings das nächste Problem auftaucht: Wie zählt man eigentlich diese winzigen Organismen? „Die größeren Organismen, die größer als 0,05 Millimeter sind, werden unter einem Stereomikroskop gezählt“, erklärt Gollasch. „Bewegt sich ein Tierchen nicht, wird es mit der Nadel vorsichtig angestoßen. Bewegt es sich dann immer noch nicht, gilt es als tot.“ Bei der kleinsten Stufe werden die Proben mit Hilfe von Einfärbungen auf Enzyme untersucht, die wiederum Rückschlüsse auf die Anzahl der lebenden Organismen zulassen. Bei den Bakterien werden Kulturen angelegt und ausgewertet.

Eine Zertifizierung von der Internationalen Schifffahrtsorganisation IMO erhält eine Anlage nur, wenn sie es schafft, die Zahlen der blinden Passagiere innerhalb dieser Grenzwerte zu halten. Doch ob dies nachher auch im Alltag, in allen Gewässern, bei jedem Seegang und jeder Witterung funktioniert, daran gibt es Zweifel. Rund 60 Prozent der zertifizierten Anlagen würden nicht in allen Wasserqualitäten und -temperaturen die Grenzwerte erreichen, beklagt etwa der Verband deutscher Reeder. Zudem könnte der Einbau ein weiteres Problem werden: Wenn das Übereinkommen in Kraft tritt, müssen über 50  000 Schiffe auf eine Werft, um überhaupt erst einmal eine der Anlagen einbauen zu lassen. Einem Szenario, dem der Schiffstechnikexperte Michael Thiemke von der Fachhochschule Flensburg mit einiger Skepsis entgegen schaut: „Es wird mit großer Wahrscheinlichkeit ein Run auf diese Ballastwasserbehandlungsanlagen losgehen und das wird einen kurzzeitigen Auftragsboom mit sich bringen, der kaum zu bewältigen ist. Ich vermute mal, dass sich das auch auf die Preise auswirkt.“

Selber schuld, könnte man meinen, schließlich hatten die Reeder genug Zeit, sich Anlagen zu beschaffen und einbauen zu lassen. Doch hier gehen die Meinungen auseinander. Denn nicht nur der Verband der Reeder, auch die zuständige amerikanische Behörde meldet Kritik an der derzeitigen Zertifizierung der Anlagen an und fordert strengere Zulassungsverfahren. Für die Reeder bedeutet dies, dass sie möglicherweise eine Anlage kaufen, die je nach Größe 250  000 bis zwei Millionen Euro kostet, aber nicht richtig funktioniert oder für US-Gewässer nicht zugelassen ist.

Die blinden Passagiere kümmern sich indes wenig um diese Sorgen. Gerade die robusten unter ihnen, die sich schnell vermehren und schnell wachsen, profitieren von der Kreuzfahrerei und werden sich auf lange Sicht, so die Sorge der Biologen, an den Küsten breit machen und weniger anpassungsfähige Arten verdrängen. Insofern, da herrscht weitgehende und seltene Einmütigkeit, müssen die Zeiten für blinde Passagiere nun tatsächlich bald rauer werden. Und das solle schon sehr bald geschehen. Hört man – mal wieder.
 

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erstellt am 14.Mai.2016 | 16:00 Uhr

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