Beim Wandern bleibt der Schaalsee verborgen

Ursula Gröttrupp und Karl-Heinz Mintert wandern auf dem Weg zwischen Schaliß und Techin.
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Ursula Gröttrupp und Karl-Heinz Mintert wandern auf dem Weg zwischen Schaliß und Techin.

In den Wiesen rund um den Schaalsee gibt es noch kleine Wanderwege, die schon seit Jahrhunderten existieren. Für ihren Erhalt setzen sich Bürger aus Zarrentin und der Umgebung ein.

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21. September 2009, 01:22 Uhr

Schaalsee | Der Schaalsee mit seiner geschützten Biosphärenlandschaft, einer Vielzahl an Tieren und Pflanzen lockt etliche Touristen in die Region, die diese Natur mit dem Rad oder zu Fuß erkunden wollen. Und auch viele Einheimische leben deswegen hier oder sind her gezogen.

Sie hören allerdings immer wieder von Angereisten: "Wo bitte ist denn hier der See?" Denn tatsächlich führen nur wenige Wander- oder Radwege an den Schaalsee. Vielmehr leiten sie oft von ihm weg. "Stattdessen sind Aussichtstürme gebaut worden, von denen aus man auf den Schaalsee blicken soll", sagt Ursula Gröttrupp aus Techin. Sie kennt wie einige andere auch einen schönen Wanderweg, der vom Landgraben bei Techin bis nach Schaliß bei Zarrentin führt. Doch zum einen wird er wenig genutzt und droht so, bald zu verkrauten. Zum anderen taucht er in Karten des Biosphärenamtes, das für den Schaalsee und seine Umgebung zuständig ist, nicht auf. "Aber in vielen anderen Karten", weiß Henning Schüler aus Lassahn. Auch er möchte den historischen Wanderweg zwischen den Feldern erhalten. "Er verbindet die Dörfer seit Jahrhunderten", sagt er und zeigt den an manchen Stellen langsam verschwindenden Pfad.

Wilhelm Hanebeck, Tierarzt aus Zarrentin, kennt den Weg noch aus seiner Kindheit. Auf einer der Wiesen hat er Kühe gehütet. "Bis zur Wende vor 20 Jahren durfte der Weg nur von Grenzsoldaten befahren werden; für uns Bürger gehörte er zur verbotenen Zone. Nach der Wende hätten wir ihn gehen können, aber es dauerte nicht lange, bis da ein Schild stand ,Durchgang verboten. Es war nie klar, wer das Schild aufgestellt hatte und ob es überhaupt hätte aufgestellt werden dürfen", berichtet Hanebeck, während er und seine Mitwanderer genau an dieser Stelle stehen. "Das Schild tat seine Wanderer zurückweisende Wirkung mit der Folge, dass der Weg mehr und mehr überwuchert. Und eben diese Überwucherung in Folge der Sperre nimmt das Amt für das Biosphärenreservat heute als Beweis, das da schon seit DDR-Zeiten kein Weg mehr war." Dass der Weg aber bis zur Wende von Grenztruppen und Landwirtschaftsverkehr breit ausgefahren war, hat er selber gesehen und in seiner Einlassung zur Änderung des Zarrentiner Flächennutzungsplans geschildert.

Henning Schüler sieht das ganze noch pragmatischer. Er habe beim zuständigen Ministerium in Schwerin nachgefragt, ob der alte bisher noch erkennbare Weg benutzt werden dürfe. Die Klare Antwort war: "Wo ein Weg zu sehen ist, da ist ein Weg." Daran anschließend bezieht sich der Lassahner auf die Bestimmungen für Naturschutzgebiete. "In ihnen gibt es ein Wegegebot. Das heißt, Wege dürfen genutzt, aber nicht verlassen werden", sagt Schüler und erkennt den Nutzen, dass Pflanzen und Tiere abseits der Wege ihre Ruhe haben sollen. Trotzdem sieht er auch ein Problem darin. "Wo in Naturschutzgebieten keine Wege mehr sind, wird aus dem Wegegebot unter der Hand ein Betretungsverbot."

Kritische Stellungnahme abgegeben Noch sieht er mit seiner Gemeinschaft von Wanderern eine Chance, den historischen Pfad zu erhalten. Im Zuge der Änderung und Ergänzung des Flächennutzungsplanes der Stadt Zarrentin haben sie kritische Stellungnahmen abgegeben. Schließlich befindet sich der Weg auf städtischem Grund. "Und für Mitarbeiter des Bauhofes wäre es eine Arbeit von einem oder zwei Tagen, den Pfad wieder vollends begehbar zu machen", sagt auch Karl-Heinz Mintert. Er war bis zum Sommer Amtsvorsteher von Zarrentin und engagiert sich unter anderem in der Arbeitsgruppe Tourismus. Er weist deutlich auf den bewusst formulierten Kernsatz hin: "Die Schaalseeregion bekennt sich dazu, Tourismus als tragende Säule zu fördern und zu entwickeln." Das werde seiner Ansicht nach oft aus den Augen verloren.

"Die Touristen werden von bunten Bildern angelockt, auf denen sie Kraniche sehen, die irgendwo mit dem Teleobjektiv aufgenommen worden sein können", sagt Mintert. "Sie wollen das auch erleben, können aber nichts sehen, weil die kurzen Wanderwege sie immer wieder zu einer viel befahrenen Straße führen, anstatt an den See. Die Menschen kommen aber wegen dem Schaalsee und nicht wegen des Biosphärenreservates. "

Ähnliche Worte findet auch Ursula Gröttrupp. "Wirkliches Wandern ist hier nicht möglich. Von den angeblichen 400 Kilometern Wanderwege sind etwa 60 bis 70 Prozent Betonwege und Straßen", sagt die Techinerin. Sie kann sich wie andere Einheimische engagieren, damit sich daran etwas ändert. Doch sie sagt: "Die Touristen haben keine große Chance, sich zu äußern. Sie zeigen ihre Unzufriedenheit, indem sie nicht wiederkommen."

Das Biosphärenamt wehrt sich gegen den pauschalen Vorwurf vieler, dass es Wanderwege heimlich verschwinden lasse. Das Gegenteil sei der Fall hatte Amtsleiter Klaus Jarmatz erst vor wenigen Tagen in einem Gespräch mit der Schweriner Volkszeitung klargestellt. Allerdings habe sich gerade sein Amt an Gesetze zu halten, doch das würde vielen nicht passen.

Noch ist der Weg, um den die Wanderfreunde kämpfen, im Kataster verzeichnet. Noch ist er auch auf anderen Karten zu finden, als eine feine graue Linie. Auf den Karten, die das Amt fürs Biosphärenreservat hat aufstellen lassen, findet man ihn allerdings nicht.

Alternativvorschläge für einen Ersatzweg erregen bei Ursula Gröttrupp und den anderen Naturfreunden hauptsächlich Heiterkeit. "Es soll ein neuer Weg praktisch zwischen dem historischen und der Landstraße entstehen, der dann mitten durch unzertrennte Felder führen würde", sagt Henning Schüler und schüttelt mit dem Kopf.

Auch Wilhelm Hanebeck kritisiert den erneuten Vorschlag einer Alternativroute aus mindestens drei Gründen. "Die landwirtschaftliche Nutzfläche würde dadurch für den Landwirt unzumutbar zerstückelt und zweckentfremdet. Die Alternative ist aus touristischer Sicht des Landschafts- und Naturerlebens unattraktiv und sinnlos. Der Weg müsste mit hohem Aufwand neu geschaffen werden, obgleich ein besserer Weg vorhanden ist." Zarrentin wird in nächster Zeit über die Änderung ihres F-Plans entscheiden. Gestern endete die Frist, Einwände einzureichen.

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