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Reise und Tourismus

21. November 2017 | 07:22 Uhr

Kodiak : Adler, Bären und Zwiebeltürme

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Wer nach Kodiak an der Südküste Alaskas kommt, trifft auf viel Natur, große Tiere und ein russisches Erbe.

Wir sind noch keine fünf Minuten durch den Hafen von Kodiak spaziert, da landen auf dem Laternenmast zwei Exemplare des amerikanischen Wappenvogels. Die beiden Weißkopfseeadler beobachten interessiert, was die heimkehrenden Fischerboote geladen haben. Ein leichtes Salzaroma liegt in der Luft, die so klar und sauber ist wie durch einen Hochleistungsfilter gezogen. Und auch das Spiel des frühen Abendlichts auf dem dunkelgrauen Nordpazifik wirkt in seiner kühlen Schönheit so erfrischend unverkitscht, dass man vermutlich nie wieder einen bonbonfarbenen Sonnenuntergang in tropischen Breiten ernst nehmen kann.

Von einem Garten Eden zu sprechen, wäre gleichwohl übertrieben. Die Insel Kodiak an der Südküste Alaskas ist – wie der 49. Bundesstaat der USA insgesamt – kein Ort für Anhänger lieblicher Natur. Die Luft hat hier im Jahresschnitt acht Grad, Nieselregen durchweicht fast täglich Jacken und Hosen. Ein dunkler Regenwald überzieht den Nordosten der Insel mit dicht bemoosten Bäumen wie aus einem nordischen Schauermärchen.

Große Tiere sollte man auch mögen. Hier lebt der Kodiakbär, eines der größten Raubtiere der Erde. „Entweder du liebst Kodiak, oder du hasst es“, fasst Sue Rohrer die gegensätzlichen Empfindungen über das Leben am 58. Breitengrad zusammen. Zum Trost für schlechtes Wetter gibt es in „Henry's Great Alaskan Restaurant“ am Hafen für sechs Dollar einen halben Liter „flüssigen Sonnenschein“ – so heißt ein lokales obergäriges Bier.

14 000 Einwohner verteilen sich auf einer Fläche halb so groß wie Sachsen. Die nächste größere Stadt, Homer, ist 300 Kilometer entfernt. Alles ist so weit weg von Kodiak, dass das Football-Team der High School den Schulmannschaften vom Festland die Anreise bezahlt, damit überhaupt jemand kommt. Sue kam – unbezahlt – vor 44 Jahren aus Pennsylvania in diese raue Einsamkeit. Der Liebe wegen. „Ich mag die Ruhe, die Berge, Wälder und Fjorde.“ Nirgendwo anders wolle sie mehr leben. „Es ist so schön hier!“ Das sagt sie nicht ganz ohne Eigennutz, denn Sue arbeitet im Nebenberuf als Fremdenführerin.

Touristische Hauptattraktionen sind das Fischen und die Bären. Von Kodiak aus fliegen verschiedene Tour-Anbieter mit Wasserflugzeugen in einer Dreiviertelstunde zu den Jagdgebieten der gewaltigen, bis zu 700 Kilogramm schweren Tiere an der gegenüberliegenden Katmai-Küste.

Ein weiterer Grund, Kodiak auf einer Alaska-Rundreise zu besuchen: Hier ereignete sich ein wesentlicher Teil der Kolonialgeschichte im ehemaligen nordamerikanischen Reich des Zaren. Für 100 Jahre gehörte Alaska, nur 80 Kilometer von der Küste Ostsibiriens entfernt, den Russen. 1867 verkauften sie es für 7,2 Millionen Dollar an die USA. Das waren nicht mal fünf Dollar pro Quadratkilometer für ein Land, das drei Jahrzehnte später einen Gold- und dann einen Öl-Boom erlebte.

Ein gewisser Alexander Andrejewitsch Baranov aus der Nähe von St. Petersburg errichtete Ende des 18. Jahrhunderts in Kodiak eine erste russische Siedlung mit Kirche, Schule und Handelsniederlassung. Von der Insel aus regierte er das weite subpolare Land und schickte Expeditionen auf der Jagd nach wertvollen Pelzen bis hinunter nach Kalifornien.

Ein weißes Holzhaus von 1808 am East Marine Way, fußläufig vom Hafen entfernt, erinnert als Baranov-Museum an den russischen Gouverneur. Es erzählt nicht nur die Kolonialgeschichte, sondern dokumentiert auch Kodiaks drei große Katastrophen der Neuzeit. 1912 ein Vulkanausbruch, der die Insel unter einem halben Meter Asche begrub; am Karfreitag 1964 ein großes Erdbeben mit Tsunami; 1989 schließlich ein menschengemachtes Übel: die Ölflut des auf Grund gelaufenen Tankers „Exxon Valdez“. Aus den Reparationszahlungen des Tankerunglücks wurden ein Museumsbau für Geschichte und Kultur der Ureinwohner und ein maritimes Forschungszentrum finanziert.

Das russische Erbe ist auch noch im Stadtbild erkennbar. Die blauen Zwiebeltürme der orthodoxen Kirche und des Priesterseminars ragen in den grauen Himmel, manche Straßennamen erinnern an die Vorfahren vom anderen Ufer der Beringsee. Russisch gesprochen wird freilich so gut wie nicht mehr – dafür aber Französisch, in einer kleinen Bäckerei an der Mill Bay Road. Kodiak kann sich einer Pariser Gastronomin rühmen! Martine Chenet, eine elegante grauhaarige Dame mit rosenroten Lippen, ließ sich vor 16 Jahren hier nieder. Ebenfalls der Liebe wegen. Mit ihrem Mann Joel bereitet sie großartige Sandwiches und Kuchen zu. Sogar frisch eingelegten grünen Spargel und kleine Walderdbeeren bietet sie an – woher auch immer sie die hat. Kodiak statt Paris. Kann das gutgehen? Statt Millionen Menschen nur 14 000 und statt Opern und Museen eine Raketenabschussbasis. Statt Frühling an der Seine vier Jahreszeiten, die sich nach der Fischernte richten: Hering, Heilbutt, Lachs und Krabben? „Ich bin mitten in Paris in der Nähe des Louvre aufgewachsen“, erzählt Martine. Das einzige, was ihr fehle, seien in der Tat die Museen. Die Einsamkeit und Naturverbundenheit Kodiaks will sie jedoch nicht mehr missen: „Müsste ich wählen, träfe ich heute lieber auf einen Braunbären als auf einen hektischen Pariser.“

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