Unterhaltsrecht : Zwischen Patchwork und Pflege

Wie stark müssen Kinder ihre pflegebedürftigen Eltern finanziell unterstützen?
Wie stark müssen Kinder ihre pflegebedürftigen Eltern finanziell unterstützen?

Aktuelles Urteil des Bundesgerichtshofs stärkt Unverheirateten den Rücken bei Pflegekosten.

svz.de von
12. März 2016, 16:00 Uhr

Es geht darum, was passiert, wenn die eigenen Eltern alt werden, um den Wert eines Trauscheins und auch um eine Ungerechtigkeit. Am Ende rückt der Bundesgerichtshof (BGH) vergangenen Mittwoch das deutsche Unterhaltsrecht näher an die Lebenswirklichkeit von Patchwork-Familien. Aber von vorn:

Um was genau dreht sich der Fall?

Ein Familienvater aus der Nähe von Regensburg streitet sich mit dem Land Berlin um inzwischen rund 15 000 Euro für Sozialleistungen an seinen pflegebedürftigen Vater. Die Behörden sind der Ansicht, dass der Vater, der seit Jahren in seiner Berliner Wohnung von einem Pflegedienst versorgt wird, von seinem Sohn mit monatlich 271 Euro unterstützt werden muss. Der sieht das nicht ein. Denn wäre er mit seiner Lebensgefährtin verheiratet, dürfte er für seine Familie mehr Geld zurückbehalten.

Wie funktioniert das mit dem Elternunterhalt?

Ein Pflegedienst oder ein Platz in einem Altenheim sind teuer. Reichen Rente und Pflegeversicherung nicht und sind die Ersparnisse des Betroffenen aufgebraucht, springt der Staat mit Sozialhilfe ein. Gut 450 000 Menschen in Deutschland waren im Laufe von 2014 zusätzlich noch auf „Hilfe zur Pflege“ angewiesen. Allerdings ist jeder grundsätzlich verpflichtet, seinen Eltern Unterhalt zu zahlen, wenn die nicht mehr selbst für sich sorgen können. Das Sozialamt verlangt das Geld also unter Umständen von den Kindern zurück. Was man für ein Verhältnis zu seinen Eltern hat, interessiert dabei kaum: Nach einem BGH-Beschluss von 2014 musste ein Mann für seinen Vater zahlen, obwohl der seit vier Jahrzehnten keinen Kontakt zu ihm hatte.

Wie viel Geld müssen Kinder für ihre Eltern aufbringen?

Das hängt ganz von der persönlichen Lebenssituation ab. Denn Unterhalt zahlen muss nur, wer dazu auch in der Lage ist. Zentrale Größe ist dabei das eigene Jahreseinkommen, das noch um bestimmte Faktoren bereinigt wird. Vorrang vor den Eltern haben außerdem die eigenen Kinder und der Ehepartner.

Wie viel Geld man für sich selbst und die Familie behalten darf, lässt sich aus der „Düsseldorfer Tabelle“ ablesen. Dort werden aktuell mindestens 1800 Euro im Monat und noch einmal 1440 Euro für den Partner als angemessen festgesetzt. Nur von dem, was am Ende übrig bleibt, muss man Unterhalt zahlen. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz weist deshalb darauf hin, dass die Hauptlast bei den Kommunen und damit beim Steuerzahler liegt.

An was entzündet sich der Streit im konkreten Fall?

Der Betroffene steht dem pflegebedürftigen Vater nicht negativ gegenüber, sagt sein Anwalt Peter Beutl: „Er sagt einfach: Ich habe eine Familie zu versorgen, ich denke eher an meinen eigenen kleinen Mikrokosmos – mein Vater ist ja versorgt.“ Seit 2007 lebt Beutls Mandant mit seiner Lebensgefährtin zusammen, die beiden haben eine siebenjährige Tochter. Die Frau hat aus einer früheren Ehe zwei Kinder. Die Frage ist: Warum soll für diese Patchwork-Familie anderes gelten als für Eltern mit Trauschein? „Er sieht sich faktisch in einer vergleichbaren Situation“, sagt Beutl.

Sehen die Karlsruher Richter das genauso?

Nicht ganz. Sie betonen in ihrer Entscheidung vom Mittwoch durchaus, dass Ehe und nichteheliche Lebensgemeinschaft mit Recht anders behandelt werden.

Denn wer sich das Ja-Wort gibt, übernimmt damit auch Unterhaltspflichten für den Partner. Ohne Trauschein haben nur Mütter kleiner Kinder unter drei Jahre Anspruch auf Unterhalt – es sei denn, sie haben auch danach noch gute Gründe, warum sie zum Beispiel nicht wieder Vollzeit arbeiten können.

Die Richter stellen aber erstmals klar, dass unverheiratete Eltern – anders als Alleinerziehende – dabei frei wählen dürfen, wie sie sich ihr Familienleben vorstellen.

Wenn beide Partner wollen, dass etwa die Frau noch ein paar Jahre zu Hause beim Kind bleibt, kann das als guter Grund gelten.

Was bedeutet das für den Vater und seine Patchwork-Familie?

Er kommt unter Umständen um die Pflegekosten herum. Das Oberlandesgericht Nürnberg muss sich noch einmal anschauen, ob seine Partnerin nicht doch Anspruch auf Unterhalt hat und damit Vorrang hat – dabei muss das Gericht die neuen Richtlinien aus Karlsruhe beachten.

Az. XII ZB 693/14

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