Schlusslicht in Deutschland : In MV kaum Erbschaftsteuer

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Präsident der Steuerberaterkammer: Mit lediglich 5 Euro pro Kopf der Bevölkerung ist das Land Schlusslicht in Deutschland

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31. März 2014, 08:00 Uhr

Die Deutschen erben in diesem Jahrzehnt voraussichtlich 2,6 Billionen Euro, deutlich mehr als in den zehn Jahren zuvor. Das geht aus einer Studie des Deutschen Instituts für Altersvorsorge hervor. Allerdings erben nur wenige wirklich große Vermögen. Nur in 0,2 Prozent der Fälle ist die Erbschaft mehr als 250 000 Euro wert, in 33 Prozent der Fälle liegt der Wert zwischen 150 000 und 250 000 Euro. Über das Erben und die anfallenden Steuern sprachen wir mit Dr. Holger Stein, dem Präsidenten der Steuerberaterkammer Mecklenburg-Vorpommern.
Wer muss zahlen und wem kommt das Geld aus der Erbschaftsteuer zugute?
Dr. Stein: Ob und in welcher Höhe Erbschaftsteuer zu zahlen ist, richtet sich nach dem Wert des Erwerbs (Erbfall, Vermächtnis, Pflichtteil usw.) und dem Verwandtschaftsverhältnis. Es muss der zahlen, der etwas erbt oder geschenkt bekommt. Das Geld kommt den einzelnen Bundesländern zugute, in denen die Erbschaft anfällt. Die Deutschen zahlen jährlich etwa 4 Milliarden Euro, allerdings territorial sehr unterschiedlich.

Das Aufkommen an Erbschaftsteuer war in den letzten Jahren in Mecklenburg-Vorpommern sehr gering. Hat sich das verändert?

Nein. Mit fünf Euro Erbschaftsteuer pro Kopf der Bevölkerung im Jahr 2012 liegt das Land gemeinsam mit Sachsen-Anhalt am Schluss aller Bundesländer. Die meiste Erbschaftsteuer pro Kopf zahlen in Deutschland die Hamburger mit 83 und die Bayern mit 79 Euro. Auch die anderen neuen Bundesländer liegen weit hinten. In Brandenburg zahlt man im Durchschnitt 8, in Sachsen 7 und in Thüringen 6 Euro. Nach der Wiedervereinigung werden in den neuen Bundesländern die Vermögenswerte erst aufgebaut. Die hohen Freibeträge können kaum ausgeschöpft werden.

Wie hoch sind die Freibeträge?

Für Ehegatten ist beispielsweise ein Vermögenserwerb von 500 000 Euro von der Erbschaftsteuer befreit, für Kinder bis 400 000 Euro, für Enkel bis 200 000 Euro. Für andere Verwandte und nicht eingetragene Lebenspartner sinkt der Freibetrag dann erheblich.

Warum lohnt es sich trotzdem, rechtzeitig an den Vererbungsfall zu denken?

Durch kluge Vorsorge können viele Streitigkeiten zwischen den Angehörigen vermieden werden. Derzeit muss jeder sechste Streitfall von einem Gericht geklärt werden. Besonders wichtig ist die Vermögensregelung für Firmenchefs.

Können Sie das erklären?

Wer als Unternehmer frühzeitig alle Dinge regelt, hat auch für den Fall vorgesorgt, dass eine durch Krankheit oder Todesfall plötzlich notwendig werdende Übergabe nicht das Unternehmen und die Mitarbeiter in Gefahr bringt. Eine geordnete Übergabe hilft, ein Lebenswerk zu erhalten und fortzuführen. Wichtig ist eine gesellschaftsvertragliche Verzahnung mit testamentarischen Verfügungen. Nur so können das Vermögen und Führungsaufgaben gezielt auf geeignete Personen übertragen werden.
Ein Beispiel: Hinterlässt ein Unternehmer eine Ehefrau, mit der er im gesetzlichen Güterstand der Zugewinngemeinschaft lebte, und drei Kinder, so erbt die Ehefrau die Hälfte und die Kinder erhalten je ein Sechstel. Das bedeutet, es gibt mehrere Erben und damit eine Erbengemeinschaft, wobei alle Miterben gemeinschaftlich Nachfolger der Firma hinsichtlich ihres gesamten Nachlasses sind. Unternehmerische Entscheidungen können dann nur noch gemeinschaftlich getroffen werden. Jeder der Miterben kann grundsätzlich jederzeit eine Auseinandersetzung in der Erbengemeinschaft bewirken, was im Streitfall zum Verkauf des Betriebes führen kann. Die Ausgestaltung von Nachfolgeregelungen ist in einem Unternehmen sehr komplex und gehört in Expertenhand.

Derzeit steht eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes über die Regelung zur Vererbung von Firmenvermögen aus. Worum geht es konkret?

Der Bundesfinanzhof (BFH) hat einen Vorlagebeschluss gegen das seit 2009 geltende Erbschaftsteuerrecht eingereicht, weil es Betriebsvermögen „über das verfassungsrechtlich gerechtfertigte Maß hinaus“ begünstigt, wie es in der Begründung heißt. Zum Hintergrund: Der Gesetzgeber hatte 2009 Steuerverschonungen eingeführt, weil die Erben bei der Übernahme eines Unternehmens die Erbschaftsteuer häufig nicht zahlen konnten, ohne den Betrieb selbst zu gefährden. Die Vergünstigungen sollten daher den Übergang erleichtern und die Arbeitsplätze sichern. Mit der Klage gegen diese Regelung hat der BFH das Erbschaftsteuergesetz insgesamt infrage gestellt. Es wird allerdings nicht damit gerechnet, dass das komplette Regelungswerk geändert wird.

Weshalb wird von Steuerexperten das Schenken zu Lebzeiten empfohlen?

Der Erblasser kann zu Lebzeiten einen Teil oder sein gesamtes Vermögen den künftigen Erben schenken. Zum einen werden dadurch künftige Wertzuwächse nicht mehr von der Erbschaftsteuer erfasst. Zum anderen lässt sich der persönliche Freibetrag der Erben nach Ablauf von zehn Jahren erneut in Anspruch nehmen.

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