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Recht und Gesetz

23. November 2017 | 08:52 Uhr

Ratgeber Finanzen : Abzocke beim Dispozins?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Streit über teure Kontoüberziehung: Über Ursachen und Alternativen sprachen wir mit dem Schweriner Finanzexperten Andreas Borsch

svz.de von
erstellt am 08.Sep.2016 | 12:00 Uhr

Wie hoch darf der Dispozins (der Zins, den die Kunden zahlen müssen, deren Konto ins Minus rutscht) sein? Über diese Frage tobt seit Jahren ein Streit. Im Sommer 2013 zeigte eine Leserumfrage von „Zeit“ und „Zeit online“, dass viele Banken horrende Zinsen verlangten, teils mehr als 13 Prozent. Und das, obwohl der Leitzins der Europäischen Zentralbank schon damals nahe null lag. Kritiker riefen „Abzocke“ und forderten eine gesetzliche Obergrenze. Ist der Aufschrei berechtigt? Wir fragten dazu Andreas Borsch, gelernter Bankkaufmann und unabhängiger Honorarberater aus Schwerin.

Betreiben die Banken mit dem Dispozins Wucher?
Nicht generell. Die Dispozinsen bewegen sich derzeit im Bereich von 3,99 und 13,06 Prozent. Auffällig ist, dass sich Sparkassen und Genossenschaftsbanken regelmäßig im oberen und die meisten Direktbanken im unteren Bereich befinden.

Warum ist der Unterschied so groß?
Das hat unterschiedliche Ursachen. Die vereinbarte Kreditlinie muss von der Bank vorgehalten werden – auch wenn der Kunde sie gerade nicht nutzt. Die Bank hat daher keine Möglichkeit, den Liquiditätsbedarf für ihre Dispokredite und damit auch die Zinsmarge verlässlich zu planen. Dazu kommen Kosten, wie Refinanzierungs- und Eigenkapitalkosten, Risikoprämien, Kosten für die nicht ausgenutzten Dispokredite und für das operative Geschäft. Da allen Kunden ein einheitlicher Dispozins angeboten werden muss, muss dieser die mittlere Ausfallwahrscheinlichkeit aller Kunden der Bank abdecken. Beim Ratenkredit hingegen wird der Zinssatz individuell anhand der Bonität des Kreditnehmers ermittelt, weshalb die Zinsen dort meist deutlich niedriger sind.

Aber die Kosten haben doch alle Banken.
Grundsätzlich ja. Regionalbanken wie Sparkassen und VR-Banken müssen jedoch aufgrund ihres dichten Filialnetzes deutlich höhere Personal- und Infrastrukturkosten tragen als Großbanken oder gar Direktbanken.

Was hat das mit dem Dispozins zu tun?
Die Erträge der Banken ergeben sich aus unterschiedlichen Einnahmen wie Zinsmarge, Kontogebühren, Provisionen und Erträge aus dem Eigenhandel. Beim Eigenhandel sind global agierende Großbanken gegenüber Regionalbanken im Vorteil. Dafür gehen sie aber auch immense Risiken ein – siehe Deutsche Bank. Die Zinsmargen werden aufgrund der niedrigen Zinsen immer geringer und die Provisionserlöse auch. Immer mehr Kunden wickeln heute ihre Finanzgeschäfte günstig über Direktbanken und Direktversicherer ab. Die Kosten hingegen bleiben gleich. Da versucht die Bank alles, um ihre Erträge zu erhöhen.

Warum verlangt der Spitzenreiter nur 3,99 Prozent?
Das ist ein Trick. Die Sparkasse Weilburg verlangt nur 3,99 Prozent Dispozinsen, wenn der Kunde das teure Kontomodell „Premium“ für 14,90 Euro pro Monat nutzt. Ansonsten werden 9,99 Prozent verlangt.

Was sollen die Banken Ihrer Meinung nach tun?
Sie sollen endlich ihre Dienstleistungen fair und transparent bepreisen und die Quersubventionierung beenden. Jeder Kunde sollte wissen, wann er welche Kosten für welche Dienstleistung an wen zu zahlen hat. Das würde zwar zu höheren Kontoführungsgebühren (auch bei Direktbanken) und der Einführung von Beratungs- und Servicehonoraren führen, im Gegenzug aber den Dispozins, die Kosten für Finanzprodukte wie Versicherungen, Bausparverträge und Fondsanlagen deutlich reduzieren. Das machen sie aber nicht, da sie glauben, dass das die Kunden nicht akzeptieren werden. Sie reduzieren lieber ihr Filialnetz.

Die Beratungsfirma Investors Marketing erwartet, dass bankenübergreifend bis 2025 rund 40 Prozent der zuletzt 34 000 Filialen in Deutschland wegfallen werden, um dem steigenden Kostendruck zu entkommen.

Was kann der Kunde tun?
Am besten, eine Kontoüberziehung gänzlich vermeiden. Kunden, die den Dispo regelmäßig und für längere Zeit in Anspruch nehmen, haben ein ganz anderes Problem. Sie leiden entweder an zu geringem Einkommen oder an einem falschen Ausgabeverhalten. An beiden Dingen kann ein niedriger Dispozinssatz nichts ändern. Im Gegenteil. Wenn die Banken den Dispozins wirklich drastisch senken würden, müssten sie sich womöglich in ein paar Jahren den Vorwurf gefallen lassen, damit genau diese Kunden in die Schuldenfalle getrieben zu haben. Da muss die Politik ran – mit einem auskömmlichen Mindesteinkommen für alle und einer guten finanziellen Bildung, die möglichst schon in der Schule beginnt.
 

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