Neue Vielfalt : Gleichstellung in Kinderbüchern: Mehr Momo wagen

Alte und neue Ausgabe des Buches.
Alte und neue Ausgabe des Buches.

Wo sind in Bilderbüchern die Kinder mit Behinderung? Wo die Puppen mit dunkler Haut? Das fragten sich zwei Frauen aus Berlin – und gründeten den Online-Shop „Tebalou“, der nun seit einem Jahr mehr Vielfalt in Kinderzimmer bringt.

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31. August 2019, 16:00 Uhr

Frau Niminde-Dundadengar, warum brauchte es Tebalou?

Weil es mehr Vielfalt in deutschen Spiel- und Kinderzimmern braucht. Ich war vor ein paar Monaten in einer großen Buchhandlung in Hamburg und habe kein einziges Buch gefunden, in dem zum Beispiel ein Kind mit Behinderung oder ein schwarzes Kind die Hauptrolle spielt. Stattdessen werden Klischees bedient, was Mädchen- und Jungsrollen angeht, und die „heile“ Familie wird noch ganz groß gehalten.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Ich denke, dass viele Verlage glauben, dass es sich nicht verkaufen lässt. Und sie haben Angst vor Kritik.

Vielleicht sind solche Produkte bei den Kunden ja wirklich nicht so gefragt...?

Bei uns wird es gekauft. Aber ich glaube auch, dass es Kritik gibt, gerade von rechter Seite, wenn da auf dem Cover eines Kinderbuchs plötzlich zwei Väter drauf sind. Die Frage ist, ob Verlage dann nicht mutig sein und das aushalten müssen.

Was löst es in Kindern aus, wenn sie sich selbst in Büchern, Filmen und Spielsachen nicht wiederfinden?

Kinder brauchen Vorbilder. Sie fragen sich: Was ist für mich möglich? Wenn ein Kind sich nie in Büchern gespiegelt sieht, verliert es diese Idee, alles sein zu können. Gerade für Kinder mit Behinderung finde ich das extrem tragisch. Sie tauchen ja in Büchern fast nie auf. Und wenn, dann in problematischen Rollen oder in Nebenrollen.

Wie war das für Sie als Kind?

Als Kind habe ich das natürlich nicht erkannt, aber im Rückblick sehe ich die Problematik. Es gab Schlüsselmomente, zum Beispiel den Film „Momo“ (Foto). Als ich den zum ersten Mal sah, war da das Gefühl: Das bin ich! Vorher wollte ich immer lange, blonde, glatte Haare und einen hüpfenden Pferdeschwanz haben, denn das waren die Heldinnen aus meinen Büchern. Bei „Momo“ fand ich es das erste Mal ok, ich selber zu sein.

Wie ist es bei Ihren eigenen Kindern?

Sie sind da privilegiert, denn wir achten darauf, welche Bücher sie bekommen und welche Filme sie sehen. Meine zehnjährige Tochter aber zum Beispiel will alles von Topmodel haben. Das ist ok, doch es ist wichtig, im Gespräch darüber zu sein. Ich frage sie: „Sehen die denn wirklich alle so aus?“ „Und was ist, wenn man nicht so aussieht?“ „Warum findest du die jetzt schön?“

Wie schwer ist es, die richtigen Produkte für Ihren Shop zu finden?

Wir suchen in ganz Europa und in den USA und können nicht, wie andere Spielzeugvertreiber, einfach die Bestseller ordern. Wir haben inzwischen aber ein gutes Netzwerk. Bei den Katalogen der großen Verlage blättern wir dagegen teilweise 500 Seiten durch, um am Ende vielleicht drei passende Artikel zu finden.

Wie läuft der Shop mittlerweile?

Gut. Die Verkaufszahlen steigen stetig. Wir sind mit 200 Produkten gestartet und haben jetzt 500. Es kaufen auch viele Kitas und Grundschulen bei uns, weil sie sehen, dass ihr Material nicht alle ihre Kinder repräsentiert. Einige Kunden bedanken sich: „Wir waren ewig auf der Suche, Gott sei Dank, dass es euch jetzt gibt!“ Einmal rief ein kleines Mädchen: „Mama, guck mal, hier ist ein Mädchen, das ist braun, so wie ich!“ Da dachte ich: Wow. Musste das Kind erst fünf werden, um sich in einem Buch zu sehen.

Die Berlinerinnen Tebogo Niminde-Dundadengar (38) und Olaolu Fajembola (39) führen seit einem Jahr den Online-Shop „Tebalou“, in dem es Spielwaren und Bücher für „alle Kinder unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Hautfarbe, Familienkonstellation oder Religion“ gibt. www.tebalou.de

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