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Mode & Lifestyle

20. November 2017 | 06:30 Uhr

Mode zum Oktoberfest : Touristen in Tracht?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Heute startet in München das Oktoberfest – und auch andernorts tanzen Menschen auf ähnlichen Festen in Dirndl und Lederhosen. as ist dort gerade in Mode? Was ist tabu? Und sollte ich auch als Tourist in Tracht schlüpfen?

Auf dem Oktoberfest, das heute startet, tun sie es alle: Dirndl und Lederhose sind Einheitsuniform für Feiernde auf der Münchner Wiesn und ähnlichen Festen in anderen Städten geworden. Dabei tragen sogar gestandene Bayern eher selten die traditionellen Gewänder. Anlass für ein paar Fragen an Stil- und Kulturexperten: Muss das denn auf dem Oktoberfest sein? Und darf ich als Zugereister überhaupt zur Tracht greifen? Ein paar Fakten zum Styling für alle Wiesn-Besucher – ob aus Bayern oder der Welt:

Welche Modetrends sind zu erwarten?

Heidi, Liesl, Fritzi, Marie & Co. – schon an den Namen der Dirndl zeigt sich der Trend zum Traditionellen, berichtet Einkaufsberaterin Sonja Grau aus Ulm. Im Trend liegen klassische Schnitte und Muster, passend dazu haben derzeit beworbene Dirndl oft gedeckte Farben. Auch typisch für die Tradition: Es geht um hohe Qualität der Verarbeitung, so Grau. Gleiches gilt für Männer: Schon seit einigen Jahren werden verstärkt traditionelle Beistücke und Varianten gehypt. Aber: Die Bandbreite der Dirndl und Lederhosen im Handel ist so groß, dass letztlich sich kein klarer Stil auf der Wiesn durchsetzen dürfte.

Gibt es Empfehlungen für die Saison?

„Der vorherrschende Trachtentrend birgt die Gefahr, sehr schnell altbacken, bieder oder spießig zu wirken“, erklärt Grau. Sie empfiehlt, mit Accessoires gegenzusteuern: Blüten, Schmucksteine und Bänder fürs Haar und den Hut auf dem Kopf. Nichtsdestotrotz handelt es sich hier ebenfalls um eher traditionelle Beiwerke. Auch bei den Männern liegt das im Trend: „Ein besonders schönes Charivari oder gar einen Ranzengürtel“, empfiehlt Grau.

Muss Tracht eigentlich sein?

Nein, es gibt keinen Dresscode. Vor allem: „Vor den 2000er Jahren ist kaum jemand in Dirndl und Lederhose aufs Oktoberfest gegangen“, berichtet die Kulturwissenschaftlerin Simone Egger von der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Sie hat ein Buch zum „Phänomen Wiesntracht“ in München geschrieben. Während man in den 50er und 60er Jahren sogar im Anzug und Kostüm die Wiesn besuchte, war später der Freizeitlook mit Jeans angesagt.

Der Trachten-Hype entstand zunächst in der Nische: Secondhand-Geschäfte in München verkauften alte Dirndl und Lederhosen und das Zubehör. Münchner nahmen nicht die Gesamtoutfits, sondern Einzelteile und peppten damit ihren alltäglichen Look für den Festbesuch auf.

Und dann setzte ein Kreislauf ein: Immer mehr kopierten den Look, bauten ihn aus, und erste lokale Designer schneiderten moderne Kleider mit traditionellen Anleihen. Letztlich wurde daraus ein Massenmarkt, der sogar Touristen anspricht.

Als Tourist in Tracht – ist das nicht albern?

Es gibt eine Antwort für alle weiblichen Touristinnen, die jemals den Vorwurf hören, sie dürfen das nicht: Früher haben nur Zugereiste Dirndl getragen, verrät Kulturwissenschaftlerin Egger. Hier ist ein bisschen Wissen für den Smalltalk im Festzelt: Der Begriff steht für ein lokales historisches Gewand, das handgefertigt wird. Und Tracht gibt es überall auf der Welt – aber Dirndl und Lederhose gehören nicht unbedingt dazu. Letztere war eine klassische Arbeiter- und Jagdklamotte, und der Lodenjanker war die übliche Jacke. „Das Dirndl hingegen ist sogar eine Erfindung des späten 19. Jahrhunderts für Frauen aus Großstädten wie Berlin, Hamburg und sogar London, die im Sommer auf dem Land Urlaub machten“, erklärt Egger. Das Baumwollkleid mit Mieder in Karo- und Blumenmuster erinnere also an historische Trachten, stehe aber immer schon mehr für eine schöne Idee der Mode.

Welche Styling-Regeln sind zu beachten?

„Grundsätzlich ist kein Dirndl echter oder besser als das andere“, betont Egger. Das Dirndl setzt sich zusammen aus einem grundlegenden Schnitt, einem Miederoberteil und einem angereihten Rock. „Dieser Schnitt kann unendlich variiert werden, auch in der Länge.“ Auch sollte man sich nicht von scheinbaren Stilvorgaben für das Kleid irritieren lassen: So heißt es häufig, der Saum gehört einen Maßkrug breit über den Boden. „Die Geschichte mit dem Maßkrug und der Länge ist eine genauso schöne Erfindung wie die mit den Schleifen – völlig fantastisch.“ Doch auch, wenn es sich um keine echte Tradition handelt, gut zu wissen ist das mit der Schleifenfrage beim Flirten allemal: die Binderichtung der Schürzenschleife am Dirndl gilt auf der Wiesn als geläufiges Signal für den Beziehungsstatus. Sitzt die Schleife rechts an der Taille, ist die Trägerin vergeben. Links signalisiert, der Flirtversuch ist möglich, erläutert Modeberaterin Grau. Und die Mitte stehe einfach nur für „modische Unkenntnis“. Einen Tipp gibt noch die Oktoberfestseite der Stadt München: „Gescheide Schuhe“ tragen. Flip-Flops seien zur Tracht ein Tabu. Und außerdem tritt man sich schon mal gegenseitig auf die Füße, das tut in Haferlschuhen weniger weh.

 

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