LEBE!MANN : Von 0 auf 100 in drei Sekunden

Mit dem Flugzeugschlepp in die Höhe
1 von 3

Mit dem Flugzeugschlepp in die Höhe

Glück pur, Freiheit und eine atemberaubende Aussicht. Wir durften hautnah miterleben, wie es ist einen Teil Mecklenburg-Vorpommerns aus der Vogelperspektive zu sehen. Gemeinsam mit dem Fliegerclub Schwerin/Pinnow e.V. widmen wir uns einer der wohl „grünsten“ Sportarten weltweit, dem Segelfliegen.

von
07. Oktober 2020, 09:14 Uhr

Es ist 9.30 Uhr und wir haben um die sechs Grad. Strahlender Sonnenschein begrüßt die Segelflug-Enthusiasten auf dem Flugplatz Pinnow, nahe Schwerin. Langsam trudeln alle ein, begrüßen sich, halten einen kurzen, sehr herzlichen Schnack. Dann geht es auch schon los. Während des sogenannten Briefings sprechen die Anwesenden über die Gegebenheiten des Tages. Das Wichtigste in diesem Zusammenhang: das Wetter! Daraus ergibt sich die Pistenauswahl und somit der Startaufbau. Heute ist die Thermik gleich null. Für Segelflieger eher ungünstig, aber zum Saisonende erwartbar. Starten können wir trotzdem, nur eben nicht so lange in der Luft  bleiben. Der Wind kommt aus West Südwest. Somit ergib sich die Startstrecke „eins neun“. „Eins neun?“, frage ich Matthias Leifels, meinen Piloten. „Das bedeutet, wir starten heute in Richtung 190 Grad und landen auf der Piste „19“ – das ist die lange Bahn mit Nord-Süd-Ausrichtung.“ Ich denke an einen Kompass und verstehe, was Matthias meint.

Um mit einem Segelflugzeug in die Lüfte zu gelangen, gibt es zwei Möglichkeiten. Den F-Schlepp oder auch Flugzeugschlepp, wie der Laie sagen würde, und den Windenstart. Wir werden heute beide Varianten ausprobieren. „Beim F-Schlepp sind zwischen dem Motorflugzeug und dem Segelflugzeug 40 Meter Seil.  Im Schleppverband geht es dann nach oben auf die gewünschte Höhe. Der Vorteil dabei ist, dass man dem Piloten des Motorflugzeugs ganz genau sagen kann, wo man ‚abgesetzt‘ werden möchte“, erklärt Matthias.

Variante Nummer zwei wird der Windenstart sein. Dazu bauen die fleißigen Flugschüler parallel zur Startbahn eine Windenstartstrecke auf. „Das heißt, am Ende der Piste steht eine Winde mit ca. 280 PS und auf der anderen Seite sind die Segelflugzeuge. Dazwischen 900 Meter Stahlseil. Die Winde zieht an und befördert das Flugzeug nach oben. Umso länger die Strecke, umso höher können die Flugzeuge gezogen werden.“ Klingt logisch. Soweit also zur Theorie.

Während die Flugschüler gemeinsam mit den alten Hasen alles vorbereiten, schlendern Matthias und ich über den Platz. Der zweifache Papa kann kaum aufhören von seinem Verein und dem Sport zu schwärmen. Ob technische Daten zu den Flugzeugen oder Erlebnisse, es sprudelt nur so aus ihm heraus. Euphorie und Vorfreude liegen in der Luft.

Besonders am Herzen liegen den Vereinsmitgliedern in Pinnow die Nachwuchsarbeit und die Ausbildung. „Im Alter von 13 Jahren kann es mit dem Erlernen des Segelfliegens losgehen. Theoretisch ist man dann im Alter von 16 Jahren im Besitz einer Lizenz. Cool, oder?“ Ich bin baff  und schaue Matthias verblüfft an. Ein Paradebeispiel ist die 17-jährige Elina. Sie hat seit dem letzten Jahr ihre Lizenz. „Mein Papa ist Hobbypilot in Neustadt-Glewe und fliegt Motorflugzeuge. Irgendwann hat er mich mal auf einen Lehrgang mitgenommen und dann habe ich hier angefangen. Vom ersten Tag an war ich in die Menschen und diesen Sport verliebt. Mein Papa hat sich damals sehr gefreut und meine Mama freut sich bis heute immer, wenn die Wintersaison beginnt und ich am Boden bleibe“, erzählt sie mir lachend. Ich bin beeindruckt. Viele professionelle Pilotenkarrieren beginnen auf dem Segelflugplatz. Auch hier im Verein gibt es solche Beispiele. Na mal schauen, ob ich irgendwann mit Elina in einer Boeing 737 abheben werde.

Abheben ist nun auch mein Stichwort, der Start rückt näher. Bevor es losgeht, bekomme ich von Elina und Matthias eine Einweisung in die Abläufe. Ich lege meinen Rettungsfallschirm an, eine sogenannte Rundkappe, die im Fall der Fälle mein Überleben sichern soll und sich durch eine Reißleine automatisch öffnet. Der erste Start heute wird für mich der F-Schlepp mit Bernhard sein. In die Lüfte wird uns ein Ultraleichtflugzeug ziehen. Geplant sind 1000 Meter. Ich bin gespannt.

Der Start ist insgesamt ruhig, erklärt mir Bernhard, was daran liegt, das heute so gut wie keine Thermik herrscht. Er achtet konzentriert darauf, was das Motorflugzeug vor uns macht und steuert nach. Auf 1000 Meter klinkt er das Schleppseil aus. Der Motorflieger sinkt steil nach unten Richtung Flugplatz und wir haben freie Bahn. Ich sehe Wismar, die Seen um Schwerin. Mecklenburg, wohin das Auge blickt. Klasse. Unheimlich ruhig geht es zu. Harmonisch.

Damit keine Langeweile aufkommt, zeigt mir Bernhard, was es mit den G-Kräften auf sich hat und wie sie sich auf den menschlichen Körper auswirken. Ich jauchze und denke dabei: Das frühe Aufstehen und das Ausharren in der Kälte haben sich in jedem Fall gelohnt. Dieser Moment in der Luft ist Glück pur.

Nach 15 Minuten hat uns der Boden wieder und gleich im Anschluss beginnt die Flugvorbereitung für den Windenstart. Diesmal ist Matthias mein Pilot. Wir sitzen im Flugzeug, alle Instrumente werden ein letztes Mal überprüft. Er schließt die Haube des Cockpits, das Seil wird eingehängt und er meldet uns abflugbereit. Schon zieht die Winde mit dem Seil an. Einige Sekunden später erblicke ich den Flugplatz erneut aus der Vogelperspektive. Im Gegensatz zum F-Schlepp ging es viel schneller und gefühlt auch ruhiger zu. Die Beschleunigung von 0 auf 100 km/h habe ich als positiven Nervenkitzel wahrgenommen. Schlimm oder gar angsteinflößend war es nicht einen Moment.

Viel zu schnell hat uns auch diesmal die Erde wieder. Ich strahle und bin mir sicher: Das war bestimmt nicht das letzte Mal, dass ich mir die Welt in einem Segelflugzeug angeschaut habe.    

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen