Klänge aus der weiten Welt

Eine Geschichte über Freundschaft, ein außergewöhnliches Projekt, die Liebe zur Musik und die Menschen, die sie überall auf der Welt erschaffen.

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21. September 2018, 11:40 Uhr

Wie beginnt eine Geschichte? Mit dem ersten Schritt. Spannend wird diese, wenn die Protagonisten am Anfang ihrer Reise nicht wissen, wohin sie diese führen wird. Dann hat sie das Potential, außergewöhnlich zu werden. Dann hat die Geschichte das Potential, ein Abenteuer zu werden, das das Leben der Beteiligten verändern wird. Das Abenteuer der Sailing Conductors hat vor ziemlich genau zehn Jahren seinen Anfang genommen. Damals lernten sich Benjamin Schaschek und Hannes Koch am SAE Institute in Berlin kennen, wo sie ein Studium zum Tontechniker absolvierten. Benni, ein Vollblutmusiker und Macher. Den Kopf voller Ideen und Hummeln im Hintern. Stillstand ist nichts für ihn, zumindest nicht zu lang. Hannes ist der Perfektionist von den Beiden. Wenn er etwas anfängt, bringt er es auch zu Ende. Und zwar richtig. Hinzu kommt, dass er wie ein Schwamm Wissen aufsaugt und sich so viele Fähigkeiten aneignet. Beide lebenslustig, herzlich, unkompliziert, freundlich und ganz wichtig, musikbesessen. Benni und Hannes haben schon am ersten Tag an der SAE festgestellt, dass sie sich gesucht und gefunden haben. Von nun an verbringen sie fast ihre gesamte Zeit miteinander, sechs Tage die Woche. Auch an den freien Tagen können sie nicht ohne einander. Eine wahre Männerfreundschaft 24/7. Ein Fakt, der sich später noch auszahlen sollte. Im zweiten Jahr an der SAE beschließt Benni, dass er für das Ende des Studiums nach Sydney in Australien geht. Hannes bleibt in Berlin. Man könnte meinen, dass ihre Geschichte an dieser Stelle endet, doch genau das Gegenteil ist der Fall. Die Ereignisse sollten dadurch erst ins Rollen kommen. Benni verpasst 2010 seinen Rückflug nach Deutschland. Das Studentenleben und die Wellen waren einfach zu schön. 99 Prozent der Personen in solch einem Moment kaufen sich wahrscheinlich einfach murrend ein neues Ticket, ärgern sich kurz über das verpuffte Geld, das eigene Verpeiltsein und fliegen dann eben später zurück. Nicht so Benjamin Schaschek. Es sollte anders kommen. Um sich zu beruhigen, geht er erst einmal eine Runde surfen und liegt danach in Sydney am Strand. Dort macht er eine weitreichende Entdeckung: Am Horizont gleitet eine Segelyacht mit weißen Segeln im glänzenden Blau des Ozean dahin. Der Kopf von Benni beginnt zu arbeiten. Mit folgendem Ergebnis: Warum nicht einfach nach Deutschland zurück segeln?

Das klingt in vielen Ohren nicht unbedingt logisch, vor allem, wenn man die Segelerfahrung von Benni mit in die Gleichung einbezieht. Diese liegt bei einigen Sommerurlauben mit den Eltern auf einer Jolle in Holland. Aber nun gut, höhere Mathematik wollen wir an dieser Stelle nicht hinterfragen, genauso wenig wie das Universum, welches beschließt, ihm Hannes Koch mit bis dato keiner existierenden Segelerfahrung zur Seite zu stellen. Denn nachdem Benni ihn fragt, ob er sich nicht vorstellen könnte mitzukommen, sagt dieser ohne zu zögern, ja. So wurden die Sailing Conductors geboren. „Ich hatte vom ersten Moment an ein warmes, wohliges Gefühl im Bauch. Ich habe an das Projekt, an die Sailing Conductors, geglaubt und dachte mir, das mit dem Segeln macht Benni schon, schließlich hat er ja online auch noch einen Segelschein gemacht“ erzählt Hannes noch heute stolz. Lassen wir den Teil mit dem Online Segelschein und der fehlenden Segelerfahrung einfach einmal unkommentiert im Raum stehen. Schließlich hat Oma immer schon gesagt, über einen Konjunktiv muss man sich keine Gedanken machen. Da die zwei Vollblutmusiker sind, ist der nächste Schritt so folgerichtig wie das Amen in der Kirche. Statt „nur“ zu segeln, wollen sie auf der Reise Musiker aus aller Herren Länder aufnehmen. Völkerverständigung gelebt, ganz nah und natürlich. Doch dazu später mehr. Kommen wir noch einmal kurz zurück zum Start des Projektes. Im März 2011 flog Hannes also tatsächlich wie geplant nach Australien. Drei Tage später ging es von hier gemeinsam mit Benni auf die Salomon Inseln, hier befand sich ihr neues „altes“ Boot, eine 9,14 Meter Rawson Baujahr 1976. „Marianne“ sollte sie von nun an heißen und gemeinsam mit den Jungs das ein oder andere Abenteuer erleben. Statt der geplanten neun Monate wurden es übrigens insgesamt viereinhalb Jahre, bis die Zwei die Marianne nach Deutschland gesegelt hatten.

Alle Erlebnisse an dieser Stelle wiederzugeben ist unmöglich. Außerdem haben Benni und Hannes ein Buch geschrieben, in dem alles nachzulesen ist. Einen kleinen Einblick wollen wir dennoch wagen. Den Anfang macht dabei die Entstehungsgeschichte eines Musikstücks. Und was bietet sich besser an als der „Travelling Man“. Eingespielt wurde der Rohling in Südafrika von Andrew James. Dann nahmen Ben und Hannes den Song mit auf die Reise über den Atlantik nach Rio. Dort entschied sich das Universum dafür, ihnen Vicky Lucato zur Seite zu stellen. Die großartige Musikerin mit der unverwechselbaren Stimme schrieb, nachdem sie das Playback gehört hatte, die Lyrics zur Gitarre. Vicky hatte schon damals die Intuition, dass dieses Stück etwas ganz Besonderes bereithält. Sie sollte Recht behalten. Fernando Bastos, ebenfalls aus Rio, fügte ein Klavier hinzu und das Neojiba Orchester aus Salvador gab dem Titel noch mal eine komplett andere Dynamik. Nachdem Hannes und Benni alle Musiker aufgenommen hatten, wurde der Travelling Man auf der nächsten Überfahrt abgemischt und voila, ein Musikstück der Sailing Conductors war geboren. Die Musiker haben sich dabei nie kennengelernt und dennoch gemeinsam Musik erschaffen. Quasi Völkerverständigung auf einer ganz natürlichen Ebene, die auch ohne Sprache Kommunikation und Verständigung erzeugt. Insgesamt sind so während der Reise zwei Alben entstanden. „AAA“ und „Songs for Marianne“. Benni und Hannes haben in viereinhalb Jahren über 200 Musiker aus 31 Ländern und fünf Kontinenten aufgenommen. Eine beachtliche Leistung und eine Menge Arbeit. „Die Meisten denken, dass wir die ganze Zeit Urlaub machen und das Leben genießen. Natürlich hatten wir den schönsten Arbeitsplatz der Welt, aber ich glaube, ich habe das erste Mal nach drei Jahren einen Tag am Strand gelegen und nichts gemacht. Ansonsten hatten wir ja immer, wenn wir an Land waren, zu tun. Musik aufnehmen, fotografieren, filmen,“ stellt Benni rückblickend fest. Und Hannes ergänzt: „Unterwegs musste das Material dann bearbeitet, Facebook, Blog und Website gepflegt werden. Dann haben wir auf den Sieben Weltmeeren noch unser eigenes Label gegründet. Wir hatten also schon eine Menge zu tun.“ Auf dem Album „Songs for Marianne“, das 2017 erschienen ist, sind 14Musikstücke zu hören. Der Titel zur Platte ist den beiden auf ihrer zweiten Atlantik Überfahrt Richtung Irland in den Kopf geschossen. „Ich lag nachts mit Benni zusammen im Cockpit, und auf einmal war er da – ‚Songs for Marianne‘ – so nennen wir das Album.“ Benni war leicht überrumpelt: „Hä. Was, wie … ach klar. Logisch. Machen wir.“ Entscheidung gefallen. Der Name des Albums stand somit fest. Die Auswahl und das Arrangement der Songs nahmen da deutlich mehr Zeit in Anspruch. „Wir haben hin und her überlegt. Wir wollten ja auch allen Musikern, die ihr Vertrauen in uns gesetzt haben, gerecht werden und dann auch noch uns selbst und unseren Ansprüchen“, erklärt Benni. Hat ja zum Glück spitzenmäßig geklappt. Das Album ist Weltmusik, wie sie immer sein sollte. Aufeinander abgestimmt bewegt sich die Platte durch die verschiedensten Genres, elegant arrangiert, dramaturgisch eine wahre Freude. Nicht ein Mal wird es langweilig. „Songs for Marianne“ erzählt Geschichten von Menschen aus aller Welt. Von ihren Träumen und Hoffnungen, ihren Erfahrungen und Ängsten, akustisch wie verbal. „Für mich bringen allein die Instrumente so viele Emotionen rüber“, gerät Benni ins Schwärmen. „Ich bekomme immer noch Gänsehaut wenn ich beispielsweise ‚Radiate‘ höre.“ Ins Schwärmen kommt auch Hannes, wenn er vom aktuellen Projekt der Sailing Conductors berichtet. „Wir sind gerade dabei, einen Kinofilm zu produzieren. Das ist unglaublich viel Arbeit, macht aber mega viel Spaß. Wenn alles klappt, kommt er hoffentlich Ende August/ Anfang September in die Kinos. Aktuell mische ich Musik für den Film ab. Da kann ich dann mal rohe Musik unterbringen. So wie wir sie vor Ort aufgenommen haben. Und wir können endlich noch mehr tolles Filmmaterial zeigen, darauf freuen wir uns schon sehr.“ Also eins muss ja mal gesagt werden, Langeweile kommt bei den Jungs nicht auf. Im Frühjahr und Anfang des Sommers hat Benni die Marianne fit gemacht. Konkrete Pläne gibt es zwar noch nicht, aber „die alte Dame hat sich eine Schönheitskur allemal verdient. “ so Benni. Und wer weiß, wo das Universum die zwei musizierenden Matrosen in Zukunft noch hinverschlagen wird. Der Wind, das Meer, der Glaube an die Musik als solche und all die ambitionierten Tonkünstler aus aller Welt, sind aus dem Leben von Benjamin Schaschek und Hannes Koch nicht mehr wegzudenken. Und das ist gut so, lässt es doch auf eine Fortsetzung einer wirklich außergewöhnlichen Geschichte hoffen. Wie sie den ersten Schlag machen müssen, wissen sie ja jetzt. Moni Mück

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