LEBE!MANN : „Ich brenne gern“

'Honig im Kopf': Stunt Double Amandus legt den falschen Gang ein und kracht rückwärts in ein parkendes Auto.
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"Honig im Kopf": Stunt Double Amandus legt den falschen Gang ein und kracht rückwärts in ein parkendes Auto.

Explosionen, Verfolgungsjagden und Stürze vom Häuserdach. Stuntmen sind für die Action in Filmen, Serien oder auf Theaterbühnen verantwortlich. René Lay ist einer von ihnen und weiß, dass der Job nicht nur schöne Seiten hat.

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21. März 2019, 13:03 Uhr

Jeder hat es schon einmal gesehen. Eine wilde Verfolgungsjagd endet mit einer großen Explosion. Was im Film nur wenige Sekunden dauert, braucht oft Wochen oder Monate an Vorbereitungszeit. Einer, der weiß wie es geht, ist René Lay. Der geborene Dresdener arbeitet seit über 30 Jahren als Stuntman und wirkte in Hollywoodfilmen, aber auch bei mecklenburgischen Produktionen wie Soko Wismar oder den Störtebeker Festspielen mit.

Der Weg in den Job des Stuntman ist lang und beschwerlich. Obwohl bereits 1908 beim Film ‚Der Graf von Monte Christo’ mit einem Stuntman gearbeitet wurde, gibt es bis heute keine anerkannte Ausbildung. Wie wird man also ein professioneller Stuntman? „Es gibt den technischen, den künstlerischen und den sportlichen Weg, um Stuntman zu werden“, erklärt René Lay. Heutzutage ist der sportliche Weg durch die Popularität von Mixed Martial Arts und Parcours besonders beliebt. Die meisten stellen Videos von sich ins Netz und hoffen, dadurch einen Zugang zur Theater- oder Filmwelt zu bekommen. Er weiß, dass nur die Leute es in den Beruf schaffen, die etwas besonders gut können. „Der Beruf des Stuntman ist ein persönliches Geschäft. Du musst Leute kennen und ein Netzwerk haben“, beschreibt Lay sein Berufsbild. Als er anfing, gab es noch kein YouTube. „Wir sind einfach mit Autos oder Motorrädern gesprungen oder haben uns von Pferden fallen lassen“, beschreibt er seine Anfänge. Gute Kontakte waren damals wie heute essenziell.

Oft wurde René Lay schon mit dem Spruch „Das ist ja alles ein Schwindel“ konfrontiert. „So ist es eben nicht, es ist unser Handwerk“, entgegnet er dieser Behauptung. Zwar wird der Stunt vorbereitet und geplant, was aber nichts daran ändert, dass sie am Ende tatsächlich von einem Auto überfahren werden. Ohne Netz und doppelten Boden. In solchen Momenten darf für Lay und seine Kollegen Angst keine Rolle spielen. Eine gewisse Anspannung ist jedoch sehr wichtig. In seinen 33 Jahren Berufserfahrung hat  er es noch nicht erlebt, dass ein Stunt gänzlich abgebrochen werden musste. Aber auch Lay war schon in der Situation, dass er einen Stunt nicht auf Anhieb durchführte. „Ich stand schon mal eine Stunde in 15 Metern Höhe auf einer Leiter, mit welcher ich rückwärts umstürzen sollte, bis ich es mich getraut hab“, beschreibt er eine solche Situation. Die Arbeit an Stunts beinhaltet mehr, als nur vor der Kamera einen Unfall zu haben. Lay erklärt, dass die meisten Actionszenen in einem Film oder einem Stück von einem Stunt-Koordinator geplant und wenn möglich von einem Stuntman durchgeführt werden. „Das fängt mit einer Schlägerei an, führt über den Treppensturz und Autoüberschlag bis hin zu einem Showdown, bei welchem alles in die Luft fliegt“, nennt Lay einige Beispiele. Die gestiegene Sicherheit bei den Stunts führt dazu, dass immer mehr Schauspieler diese gern selber machen wollen. „Das sei nicht immer möglich“, weiß Lay. Um eine Hauswand hochzuklettern, müssen die körperlichen Voraussetzungen stimmen. „Die Leute stellen sich das alles aber immer einfacher vor, als es dann tatsächlich ist“, kann er aus Erfahrung berichten. Erst vor kurzem wurde Lay das wieder deutlich gemacht. Bei einem Dreh im Wasser überschätzte sich ein Schauspieler dermaßen, dass er ins Boot gezogen werden musste. Auch um Schreibarbeit kommt er in seinem Job nicht herum. Versicherungen wollen oft wissen, was auf ihre Schauspieler im Film zukommt. „Wir schreiben dann eine Gefahrenbeurteilung, damit die Versicherung einschätzen kann, was der Schauspieler selber macht und wofür sie gerne einen Stuntman hätten“, beschreibt Lay den Ablauf vor der Produktion. Anschließend beginnen die Vorbereitungen der Stunts. Eine Rangelei samt Ohrfeige zu koordinieren dauert nicht lange. Aufwändigere Szenarien brauchen deutlich mehr Zeit. „Große Schlachten, wie wir sie aus Game of Thrones kennen, werden mitunter wochen- oder sogar monatelang geprobt, bis sie aufgezeichnet werden.“

Eine Wertschätzung des Publikums fehlt ihm kein bisschen. „Wenn dem so wäre, hätte ich  Schauspieler werden müssen.  Aber natürlich freut man sich über die Anerkennung der Berufskollegen“, berichtet er. Besonders zufrieden ist Lay, wenn der Zuschauer so gefesselt ist, dass er den Stunt gar nicht als Stunt begreift.

Auf die Frage nach seinem favorisierten Stunt, kann er keine klare Antwort geben. „Ich brenne gerne“, erzählt er dann aber doch. Außerdem bereitet ihm die Arbeit mit Autos und Pferden Freude. Natürlich fallen ihm auch Dinge ein, die er nicht gern gemacht hat. Dazu zählt die Arbeit in großen Höhen oder auch im Wasser. „In Deutschland ist das ja meistens kalt und unangenehm.“

An seinem Job schätzt er besonders, dass es sich um eine künstlerische Arbeit handelt und bei jedem Projekt eine neue Herausforderung auf ihn und sein Team zukommt. „Früher hat man noch viele Mädels kennengelernt, das war auch ganz schön“, erwähnt er lachend. Doch natürlich gibt es auch eine Kehrseite. Je nachdem wie er gebucht wird, ist er zwischen 50 und 250 Tagen im Jahr unterwegs, sitzt im Flugzeug und schläft in Hotels. Zwar spricht das viele Reisen in seinem Beruf für Erfolg, aber Freunde und Familie haben oft nicht viel von ihm. Seinen Ausgleich findet er zu Hause.

Natürlich spielt auch das Alter eine Rolle. Die jungen Leute in seiner Branche kennen nahezu keine Grenzen. Je älter sie werden, desto schwerer fällt es dann aber. Dabei geht es gar nicht so sehr um den körperlichen Teil. „Da spielt dann eher die Psyche eine Rolle. Man muss schließlich auch für eine Familie sorgen“, gibt Lay zu. Er hat den Wechsel vom Stuntman zum Stunt-Koordinator geschafft. Dadurch wird der 53-jährige auch noch die nächsten zehn Jahre in diesem Beruf weiterarbeiten können.

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