LEBE!MANN : Gango Komoru – Der König der Straße

Begegnungen mit Elefanten können auch zur Routine werden.
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Begegnungen mit Elefanten können auch zur Routine werden.

Richard Gress ist vielen als Extrem-Abenteurer und Filmemacher bekannt. Im Interview spricht Richard Gress über seine Reisen in Afrika, wie diese sein Leben beeinflussen und was für ihn einen „echten Mann“ ausmacht.

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21. März 2019, 11:15 Uhr

Herr Gress, wie würden Sie sich selbst beschreiben?

Ich selbst betrachte mich gerne als Künstler. Ich male und zeichne, drehe Filme und habe sehr viel Spaß dabei. Die meisten Menschen, die mich kennen, würden mich wahrscheinlich eher als Abenteurer beschreiben und für jene, die mich nur aus meinen Dokumentationen kennen, wirke ich wahrscheinlich wie ein durchgeknallter Draufgänger.

Was macht Ihrer persönlichen Definition nach einen Mann aus?

Vor vielen Jahren, als ich das erste Mal in die Wildnis zog, um dort alleine zu überleben, dachte ich, das ist ein echtes „Männerding“. Auf sich gestellt, mit wenig Nahrung auszukommen und Durchhaltevermögen zu zeigen. Da kann ein Mann noch „Mann“ sein. Während dieser Zeit habe ich viele Expeditionsberichte gelesen. Bücher über Extremsituationen. Zum Beispiel als der Westen Nordamerikas besiedelt wurde und Planwagen über Wochen oder Monate feststeckten. Beim Lesen ist mir aufgefallen, dass Frauen in solchen Situationen in der Regel deutlich länger überlebten als Männer. Durchhaltevermögen und Genügsamkeit sind objektiv betrachtet also eher Frauen-Attribute und nicht die von uns Männern. Das hätte ich vorher nicht für möglich gehalten. Deshalb bin ich vorsichtig, gewisse Eigenschaften als besonders männlich zu definieren.

Welche Unterschiede bzw. welche Gemeinsamkeiten gibt es zwischen Männern aus Deutschland und Männern aus Afrika?

Wenn ein Deutscher in Afrika aufwächst, oder ein Afrikaner in Deutschland, unter gleichen Bedingungen wie alle Anderen, dann gibt es sicherlich kaum Unterschiede. Wir werden sehr stark von unserem Umfeld geprägt.

Von Afrika im Allgemeinen kann man eigentlich gar nicht sprechen. Afrika ist ein sehr facettenreicher Kontinent und es gibt große Unterschiede. Wenn zum Beispiel ein afrikanischer Mann in einer großen Stadt aufwächst und dort arbeitet, sind die Unterschiede zu urbanen Männern in Europa eher gering. Ich habe allerdings meist in sehr abgelegenen Gebieten gelebt und dort meine Erfahrungen gesammelt. Das Leben bei Naturvölkern unterscheidet sich sehr stark von unserer Alltagsrealität. Aber es unterscheidet sich auch sehr stark vom Leben in einer afrikanischen Großstadt. In entlegenen Gebieten sind ganz andere Voraussetzungen und Verhaltensweisen gefragt. Man muss sich sehr viel stärker aufeinander verlassen können als in der Zivilisation, der Zusammenhalt untereinander ist dadurch sicherlich sehr viel größer und wichtiger.

Wie haben Afrika und das Reisen Sie im Laufe der Zeit verändert?

Ich wurde süchtig. Wenn man einmal den Luxus hatte, völlig eigenständig und unabhängig zu reisen und das auch noch klappt und Spaß macht, kommt man nicht mehr so schnell davon los. Man erlebt unheimlich viel Interessantes und Abenteuerliches. Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass das Leben immer so sein müsste, was natürlich nicht funktioniert. Selbst Abenteuer können zur Routine werden.

Was haben Sie durch Ihre Reisen gelernt?

Ich habe gelernt, dass das Leben und Überleben in der Wildnis weitaus schwieriger ist, als wir es uns in der Zivilisation vorstellen. Es dauert sicherlich lange Zeit, bis sich Angehörige von Naturvölkern in unserer Welt zurechtfinden würden, aber es dauert mit Sicherheit noch länger, bis wir gelernt haben, in der Wildnis zu überleben. Ich habe Jahre gebraucht, um in der ostafrikanischen Savanne völlig autark durchhalten zu können. Man muss sämtliche Pflanzen und Tiere kennen und muss unterscheiden können, was essbar ist und was nicht. Ein paar Tage durchzuhalten ist einfach, aber ich wollte über Monate hinweg ohne fremde Hilfe oder Vorräte in kargen Gebieten klarkommen. Das ist eine echte Herausforderung.

Wie steht ihr Umfeld zu Ihren Abenteuerreisen?

Ich mache diese extremen Abenteuerreisen mittlerweile schon seit über 15 Jahren. 2005 lief mein erster eigener Film im Fernsehen. Darin war zu sehen, was ich in Afrika tatsächlich mache und welche Risiken ich eingehe. Als sie das sahen, sagten viele Menschen in meinem Umfeld, dass ich damit viel zu weit gehe. Natürlich machten sie sich Sorgen, speziell meine Familienangehörigen. Im Laufe der Jahre haben jedoch alle realisiert, dass ich über sehr viel Erfahrung und Hintergrundwissen verfüge. Wenn man, wie ich, monatelang im afrikanischen Buschland umherstreift, dann wird man auch mal angegriffen. Aber, dass ich all diese Attacken überlebt habe, hat nichts mit Glück zu tun, sondern mit richtigem Verhalten in Extremsituationen. Darüber habe ich in den vergangenen drei Jahren eine längere Dokumentation gedreht, um die Hintergründe mal ausführlich zu erklären.

Was treibt Sie an?         

Mir gefällt dieses Leben. Ich habe das in einer meiner Dokumentationen mal so ausgedrückt: Ich bin kein religiöser Mensch, ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tode. Aber ich könnte mir vorstellen, dass man am Ende der eigenen Lebenszeit nochmals, als eine Art „Best of“, das eigene Leben im Zeitraffer vor dem geistigen Auge vorbei ziehen sieht und ich habe keine Lust mich dabei zu langweilen. Egal ob ich morgen sterbe oder in 30 Jahren, ich werde einen Abenteuerfilm sehen und zwar einen der Besten.

Wie definieren Sie den Begriff Freiheit?

Am Ende meiner ersten langen Reise zum Volk der Suri in Äthiopien machte ich einen Abstecher in die Wildnis. Ich wollte testen, ob ich alleine im Buschland überleben kann. Nach einigen Wochen bestieg ich einen Berg und blickte hinunter ins Tal. Ich hatte unglaubliche Abenteuer erlebt und war glücklicher als jemals zuvor. Zeit und Raum schienen keine Rolle mehr zu spielen. Nichts machte mir Sorgen und das obwohl ich mehrere Tagesmärsche von der Zivilisation entfernt war, ich konnte überall überleben. In diesem Augenblick wurde mir bewusst, ich bin absolut frei. Ich habe die Arme in die Höhe gestreckt und geschrien vor Glück.

Amüsantester Moment auf Ihren Reisen bisher?

Einige Männer vom Volk der Suri und ich waren gemeinsam in einem abgelegenen Gebiet unterwegs. Ich hatte, wie immer, Sandalen an und es begann zu regnen. Mein Schuhwerk war nach mehreren Monaten ziemlich ramponiert und löste sich im Schlamm völlig auf. Anschließend musste ich barfüßig weiter wandern. Die ersten paar Kilometer waren okay, danach wurde es ziemlich schmerzhaft. Meine Begleiter hatten Fußsohlen wie Leder und spürten die kantigen Steine auf den Pfaden nicht. Bei mir war das anders. Ich lief wie auf rohen Eiern. Irgendwann hörte ich, dass meine Freunde ein Lied sangen. Ein neues Lied, frisch komponiert: „Gango Komoru“ (König der Straße). Der Refrain lautete übersetzt: „Wer ist der König der Straße, er ist der König der Straße!“ Ein paar Jahre später besuchte ich einen Nachbarstamm der Suri. Sie hatten gerade eine Tanzveranstaltung und sangen verschiedene Lieder. Plötzlich hörte ich „Gango Komoru“. Der Text war abgewandelt und niemand wusste mehr, über wen es handelt oder von wem es ist. Wahrscheinlich hatte es irgendwer bei den Suri gehört und in die eigene Volksmusik aufgenommen. Hocherfreut rief ich: „Der König der Straße, das bin ich!“

Was brauchen Sie zum Glücklichsein?

Wasser. Ich war vor vielen Jahren mal für sehr lange Zeit in einem Trockengebiet unterwegs und konnte nicht genügend Wasser finden. Ich kann auf sehr vieles verzichten, aber das Verlangen nach Wasser brennt sich durch alle Gedanken. Man wird völlig apathisch. Als ich schließlich kurz vor dem Verdursten war wusste ich, ich brauch nur Eines zum glücklich sein: Wasser.

Was bedeutet der Begriff Heimat für Sie?

Ich lebe momentan wieder in dem Ort, in dem ich geboren wurde. Meine Heimat ist Unterfranken. Zumindest auf dem Papier. Tatsächlich bedeutet mir die Örtlichkeit nicht sonderlich viel. Hier lebt ein Teil meiner Familie, ich habe Freunde und Bekannte hier, aber wenn alle weg ziehen würden, hätte ich auch kein allzu großes Verlangen mehr hierher zu kommen.

Geldmittel sind beim Reisen oft ein Knackpunkt – Wieviel haben Sie denn die zwei Jahre in Afrika gekostet?

Früher, zu Anfang meiner Reisen, war das Ganze sehr viel günstiger. Da ich meist zu Fuß in abgelegenen Wildnisgebieten unterwegs war, im Zelt oder in Hütten schlief und mich von dem
ernährte, was lokal vorhanden war. Für die neuen Dokumentationen war ich allerdings auch in großen Nationalparks unterwegs, um Verhaltensweisen von Tieren zu filmen. Viele darf man aus Sicherheitsgründen nur mit dem Fahrzeug besuchen, außerdem sind die Eintrittsgebühren ziemlich hoch. Ein Tag im berühmten Masai Mara Game Reserve in Kenia beispielsweise kostet 80 US $ pro Tag. Das summiert sich, wenn man monatelang mit den Filmaufnahmen beschäftigt ist. Aber auch bei den Naturvölkern gebe ich mittlerweile sehr viel mehr Geld aus. Im Suri Territorium habe ich früher gar kein Geld gebraucht. Durch die Filme, die ich dort drehte, habe ich jedoch auch immer wieder etwas verdient, davon gebe ich gerne etwas zurück.

 An welchen Projekten arbeiten Sie aktuell?

Ich habe seit 2015 an zwei Projekten parallel gearbeitet bzw. gedreht. Ursprünglich sollten es etwa vier Filme werden, jedoch ist sehr viel mehr Material zusammengekommen. Nun kommt der schwierigste Teil, der Verkauf. Ob und wann etwas im Deutschen Fernsehen zu sehen sein wird, steht noch in den Sternen.

Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Ich werde demnächst wieder nach Afrika reisen um einige Freunde zu besuchen, diesmal ohne Kameras und nur mit sehr leichtem Gepäck, darauf freue ich mich sehr.

Vielen Dank für das Gespräch Herr Gress.

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