LEBE!MANN : Der Sprung ins kalte Wasser

Eine Rettungskette aus der Vogelperspektive
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Eine Rettungskette aus der Vogelperspektive

Die scheinbar endlosen Weiten des Wassers haben viele Liebhaber. Doch birgt es auch viele Gefahren, sodass vor allem diejenigen, die beruflich ihre Zeit auf dem Wasser verbringen, besonders geschult sein müssen.

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07. Oktober 2020, 09:05 Uhr

Im Sommer verbringe ich meine Freizeit so oft wie möglich auf dem Wasser beim Segeln. Der Wind und das Meer lassen mich abschalten, den Alltag vergessen. Segeln ist für mich Genuss pur. Dieser wurde im letzten Sommer insofern etwas getrübt, als dass wir des Öfteren unerwartet schlechtes Wetter inklusive Gewitter und Sturm hatten. Situationen, die ich so noch nicht kannte. Zum Glück ist nie etwas passiert. Wir als Crew konnten jede Situation gemeinsam gut händeln. Und doch war in meinem Kopf das Thema Sicherheit an Bord eines Schiffes und Überleben auf dem Wasser präsenter denn je.

Im Herbst 2019 setzte sich unser LEBE!MANN Team zusammen, um über mögliche Themen für die nächste Ausgabe zu brainstormen. Mein Vorschlag, einen Tag bei einem sogenannten Basic Safety Training zu begleiten, wurde von meinen Kollegen sofort begeistert aufgenommen. Ein wenig Action für unser Männermagazin kann ja nicht schaden.

 

Ein Basic Safety Training ist ganz verallgemeinert eine Sicherheitsgrundausbildung und Unterweisung für Seeleute bzw. Berufsgruppen, die auf See arbeiten, wie beispielsweise das Servicepersonal auf Kreuzfahrtschiffen. In Deutschland werden zwei verschiedene Basic Safety Trainings angeboten, die sich in der Intensität und Dauer nach der jeweiligen Berufsgruppe richten.

In Mecklenburg-Vorpommern wird solch ein Überlebenstraining nur im Aus- und Fortbildungszentrum Rostock, kurz AFZ Rostock angeboten. Paul Weiß ist Koordinator bei S.T.A.R. Maritime (früher Schifffahrtsschule), einer der insgesamt 14 Bildungswelten im AFZ Rostock. S.T.A.R. steht für Simulation. Training. Assessment. Research., also die Inhalte der angebotenen Kurse.

Einen der angebotenen Kurse nahm im Winter auch ein Teil der Crew der Alexander von Humboldt II wahr. Hierbei handelte es sich um ein individuelles Basic Safety Training, denn es ist speziell auf die Bedürfnisse der Crew der A.v.H. zugeschnitten. Am Ende soll ein an das Basic Safety Training angelehntes Zertifikat erworben werden, welches die Ehrenamtlichen der Alex für die Fahrt benötigen. Aber genug der Theorie, am besten lernt man doch, wenn man ins kalte Wasser geworfen wird.

Learning by doing, das ist die Devise des Tages. Nach dem Mittagessen lerne ich endlich die acht Teilnehmer der Alexander von Humboldt kennen, eine durchgemischte, sehr aufgeschlossene Truppe. Schon jetzt freue ich mich sehr auf unseren gemeinsamen Nachmittag. Begleiten wird uns dabei Ingo Wolf, seines Zeichens unser Ausbilder.

Noch ist alles safe, sitzen wir doch im wohltemperierten Seminarraum und lauschen Ingos Erklärungen. Den Nachmittag sollen wir in der Warnow verbringen, bei einer Wassertemperatur von acht Grad. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass mich der Überlebensanzug, ein Konstrukt aus 7mm Neopren, warmhalten wird. Aber gut, glauben wir Ingo einmal. Er muss es ja schließlich wissen.  

Zuerst heißt es Schuhe aus und den Anzug auf die Erde legen, denn zu versuchen ihn im Stehen anzuziehen, ist meist zum Scheitern verurteilt. Alle Bebänderungen im Fußbereich werden geöffnet, ebenso der Reißverschluss. Und dann ganz einfach wie in einen Schlafsack kriechen, ermuntert uns Ingo. Ganz einfach, schon klar. Die Beine müssen bis zum Anschlag an das Fußende des Anzugs geschoben werden, erst dann darf der Klettverschluss am Bein wieder geschlossen werden. Als nächstes drehen wir uns auf die Knie und ziehen den Anzug nochmal nach. Dann greift man als erstes in die Kopfhaube hinein, streckt dabei den Kopf nach hinten und stülpt sich das Ganze über das Haupt. Jetzt die Arme rein. Nun muss nur noch der Reißverschluss geschlossen werden. Die Lasche für die Nase wird am Hinterkopf festgeklemmt. Erst wenn man im Wasser ist, darf sie vorn auf der Nase befestigt werden, da sonst Wasser in den Anzug eindringen kann. In unserem Nacken befindet sich ein Schwimmkörper, der die Person in der Ohnmachtslage hält, also über Wasser. Hat der Anzug keinen Schwimmkörper, muss zusätzlich eine Rettungsweste angelegt werden.

In der Theorie und bei einem echten Notfall muss man den Überlebensanzug in zwei Minuten angezogen haben. Nun gut, sagen wir einmal so, das ist mir nicht gelungen. Aber in jedem Fall stecke ich schlussendlich, mit einigem Beistand und beherzten Handgriffen von Ingo, in dem knallorangenen Teletubby.

Und los geht’s, ab zur Kaikante. Dort warten einige Schaulustige auf uns, denen dasselbe in einigen Tagen blüht. Ganz in Ruhe erklärt uns Ingo nun, welche Übungen wir im Wasser absolvieren sollen. Es ist eine bewusste Entscheidung von ihm, uns die Theorie draußen zu erklären: „Hier greifen einfach mehr Sinnesorgane, als in einem Seminarraum.“

Als erstes lösen wir die Rettungsinsel aus. Über eine Leiter klettern wir nacheinander auf die Insel und lassen uns dann ins Wasser gleiten. So komisch es klingen mag, sobald ich mit dem Anzug im Wasser bin, habe ich das Gefühl, dass der Anzug perfekt sitzt und ich für die Aufgaben bestens gerüstet bin. Ich bewege mich ohne größere Mühe vorwärts. Der Überlebensanzug mit dem Schwimmkörper gibt mir ausreichend Auftrieb, sodass ich mich entspannt treibenlassen kann. Toll. Fast ein wenig wie Urlaub.

Dann höre ich etwas gedämpft Ingos Stimme: „Help-Haltung einnehmen.“ Wir winkeln die Beine an und halten sie mit den Armen fest. So bieten wir der Kälte weniger Angriffsfläche und der Körper kühlt langsamer ab. In Embryonalstellung treibe ich dahin. Schon ein wenig anstrengend, aber soll es ja auch sein, schließlich soll uns warm bleiben.

Das nächste Kommando erfolgt prompt: „Clinch-Haltung“. Bei der Clinch-Haltung bilden wir aus drei bis vier Personen einen Kreis, mit dem Gesicht einander zugewandt und die Armee über die Schulter der Nebenmänner und -frauen. Durch diese Formation hat man bei Wellengang die Chance, in der Welle eine höhere Position zu erreichen. So können die in Seenotgeratenen eher ein Schiff sehen und gerettet werden. Ich muss gestehen, dass ich diese Übung als sehr wackelig empfand, denn aufrecht in den Überlebensanzügen zu schwimmen ist durch den Auftrieb alles andere als leicht.

Sehr angenehm hingegen war der „Rescue Stern“. Wir haben alle gemeinsam einen Kreis gebildet. Den Nebenmann unterhaken, alle Köpfe in die Mitte und mit den Beinen strampeln, sodass Gischt entsteht. So kann man auch aus luftigen Höhen gesehen werden. Meinen Fotografen hat’s gefreut, sind doch mittels einer Drohne klasse Bilder entstanden. 

Unsere nächste Herausforderung war die Rettungskette. Dabei legt sich der Vordermann mit dem Rücken zum Hintermann, der sich mit den Beinen von Hinten festhält. Die Arme bleiben frei und können nun zum „Rudern“ genutzt werden. Klingt in der Theorie einfacher, als es ist. Wichtig ist dabei, dass der Erste der Kette Kommandos geben kann, um so den Verband zu steuern. Vergleichbar mit einem Ruderboot mit mehreren Personen, das auch gern dazu neigt im Kreis, statt geradeaus, zu fahren. Nach einigen Minuten und einem Positionswechsel am Kettenkopf hatten wir dann auch irgendwann den Dreh raus und sind fast geradeaus gepaddelt.

Langsam habe ich gemerkt, dass mir zwar nicht kalt ist, aber dass das Überlebenstraining doch anstrengender ist, als erwartet. Von außen sieht alles einfach und lustig aus, aber im Wasser ist es dann doch ein anderer Schnack.

Das Bilden einer Rettungsmatte war dann wieder etwas einfacher, mussten wir uns doch nur immer entgegengesetzt nebeneinander legen, um so ein Floß zu bilden, das eventuell Verletzte oder Personen ohne Rettungsmittel befördert.

Stichwort Rettungsmittel: Die vorletzten Übungen hatten dann mit unserer Rettungsinsel zu tun. Diese mussten wir erst besetzen, dann verlassen und zum Schluss händisch wenden. Rein und raus war ja noch kein Problem, aber sie im umgekehrten Zustand zu drehen! Allein über die Einstiegsleiter auf die Insel zu kommen, forderte mir einiges ab. Zum Glück hatte Ingo ein Herz und fasste mit an. Nach zwei Stunden war ich wirklich k.o. und musste mein gesamtes Körpergewicht plus einiges an Willensstärke aufbringen, um dieses eigentlich nicht große Rettungsmittel zu wenden. Und all das unter idealen Bedingungen. Sicher im Hafenbecken ohne Welle. Wenn ich mir nun vorstelle, all dies auf dem offenen Meer zu performen. Puh.

Ja, es war ein unglaublicher Spaß. Ich habe noch nie erlebt, dass eine Gruppe von Menschen, die sich nicht kennt, so schnell zusammenwächst. Aber auf der anderen Seite war es auch körperlich sehr anstrengend. Mich hat das Überlebenstraining in jedem Fall dafür sensibilisiert, das Wasser zwar ein wunderschönes, aber auch sehr risikoreiches Element sein kann. Außerdem hat mir das Basic Safety Training aufgezeigt, dass ein fachgerechter Umgang mit Rettungsmitteln das A und O ist. Denn im Notfall kann dieser über Leben und Tod entscheiden.

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