LEBE!MANN : „Das ist absolute Selbstbestimmung“

Stephan Bliemel an seinem Arbeitsplatz

Stephan Bliemel an seinem Arbeitsplatz

 

Im Gespräch mit Let’s Player und Autor Stephan Bliemel aka Steinwallen

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07. Oktober 2020, 09:22 Uhr

Niedrige Decken, uralte Holzbalken, überall Bücher. Das Zuhause eines Youtubers stellt man sich anders vor. Doch andererseits passt es, denn Stephan Bliemel aka Steinwallen verbindet etwas, was für Außenstehende nicht sofort zusammenpasst: Computerspiele und Geschichte.

„Viele Menschen, die Spiele lieben, begeistern sich auch für Geschichte.“ Der Mecklenburger Stephan Bliemel muss es wissen, denn er studierte Geschichte und Germanistik in Hamburg. Was er heute macht, nennt sich Let’s Play, zu Deutsch: Lasst uns spielen. Damit wird das kommentierte Vorführen des eigenen Spielerlebnisses bezeichnet. Die Videos werden dann auf Videoportalen, wie YouTube, hochgeladen oder direkt live übertragen. Und das ist ein echter Trend. Laut „Game“, dem Verband der deutschen Games-Branche, hatten sich Anfang 2018 bereits 16 Millionen Deutsche Let’s Plays angeschaut. Let’s Player wie PewDiePie und Gronkh gehören zu den Großen auf YouTube.

Let’s Play: Eine neue Erzählform

Für viele Zuschauer steht dabei nicht das Spiel im Vordergrund, sondern der Kommentator selber, betont Bliemel. „Das Einzigartige am Format des Let’s Play ist, dass man hier quasi live im Kopf eines anderen dabei sein kann.“ Für ihn ist das eine neue Erzählform, die Gemeinsamkeiten mit einer TV-Serie hat. „Wichtig dabei ist für mich eine anspruchsvolle Unterhaltung und kultivierte Art der Ansprache.“

Sein Anspruch passt durchaus zu den Spielen, die er für seine Zuschauer spielt. Dies sind keine bunten und spaßbetonten Teamspiele wie „Fortnite“, sondern Spiele, die teils schwierige Themen wie Krebs, Depression und den Widerstand im 2. Weltkrieg behandeln. Sein Schwerpunkt sind aber komplexe Strategiespiele des schwedischen Spielestudios „Paradox Interactive“. Vielleicht auch deshalb sind seine Zuschauer fast durchweg Männer, die meisten davon älter als 25 Jahre. Das ist die Ausnahme, denn längst schauen auch Frauen Let’s Plays.

Wie viele seiner Zuschauer kam er in den frühen 90ern mit Computerspielen in Kontakt. „Ich habe schon immer gerne anspruchsvolle Strategiespiele gespielt und schaute später auch Let’s Plays. Doch dort hatte ich immer das Gefühl, dass viel Potential verschenkt wird, dass man diese Spiele auch erzählerischer präsentieren kann, statt sie einfach nur gewinnen zu wollen.“

Das war für ihn schließlich der Auslöser, dass er 2012 seinen Kanal startete. Doch der war erstmal nur Hobby. Im Fokus stand seine freiberufliche Existenz, die er sich nach seiner Zeit als Pressesprecher am Finanzministerium aufbaute. Der eigene Verlag, seine Arbeit als Layouter und das kleine Wochenend-Café im Ort beanspruchten ihn vollständig.

„Auch wenn der Kanal zu der Zeit noch amateurhaft  war, hatte ich nach drei Monaten 100 Abonnenten.“ Der Sog von YouTube hatte ihn da bereits erfasst. Durch Likes und Kommentare erhielt er schnell positive Resonanz, gleichzeitig erwarteten die Zuschauer ständig neue Inhalte. Um alles zu schaffen, stand er schließlich teils 4 Uhr in der Früh auf. „In dieser Zeit schrieb ich gerade an einem Buch und der Kanal war nur noch eine Belastung für mich.“ Er zog die Reißleine und löschte seinen Kanal.

Doch die Leute fragten: Wo ist Steinwallen? „Hier merkte ich, dass meine Arbeit für andere eine Bedeutung hat. Zum Glück hatte YouTube meinen Kanal nicht wirklich gelöscht. So konnte ich ihn leicht reaktivieren.“ Den endgültigen Ausschlag für die Entscheidung, YouTube hauptberuflich zu machen, gab seine Serie „Unter dem Banner des Löwen“. Die Zuschauer waren begeistert von dem außergewöhnlichen Format aus Geschichtenerzählen und Spielerlebnis. „Das war auch mental ein wichtiger Schritt für mich, das Let’s Playen als etwas Seriöses zu sehen, das ich hauptberuflich machen will. Von nun an wurde es immer professioneller.“ Schnell zeigte sich, wie wichtig für den Erfolg ein klares Profil, eine gute Stimme und regelmäßige Videos sind.

YouTube: Kein Zuckerschlecken

Heute kann Stephan Bliemel von seinen Videos leben. Doch das hat seinen Preis: 50 Stunden investiert er jede Woche in seinen Kanal. Denn er macht alles alleine. Bis zu 15 Stunden in der Woche braucht er, um neue Videos zu produzieren. „Das Spielen für Zuschauer ist kein Privatvergnügen. Es macht Spaß, ist aber Arbeit. Zudem braucht es eine gute Vorbereitung.“

Ein Großteil seiner Zeit investiert er in die Pflege seiner Gemeinschaft von Zuschauern und Unterstützern. Denn über diese bestreitet er seinen Lebensunterhalt. So unterstützen jeden Monat über 400 Menschen seine Arbeit freiwillig mit mindestens 5 Euro. Dafür organisiert er gemeinsame Exkursionen und Events und produziert dokumentarische Reisevideos zu historischen Orten. Weitere Einnahmequellen sind die Beteiligung an den Werbeeinnahmen seines Kanals und an Spieleverkäufen, die über seinen Kanal erfolgen.  Das alles zu organisieren, dabei hilft ihm seine Vergangenheit als Pressesprecher, bei der er viel über Selbstorganisation lernte. Den entscheidenden Unterschied zwischen dieser Zeit und seiner jetzigen Arbeit sieht Bliemel so: „Das Ergebnis von fünf Jahren Arbeit konnte ich am Ende nur sehr abstrakt sehen. Steinwallen dagegen ist mein Kind und der Erfolg geht zu 100 Prozent auf die eigene Arbeit zurück. Das ist absolute Selbstbestimmung.“     

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