LEBE!MANN : Ausgezeichnete Jahrgänge aus Mecklenburg-Vorpommern

Rotweinrebe Rondo
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Rotweinrebe Rondo

Eine Geschichte über die Sturheit der Mecklenburger, engagierte Menschen, die sich nicht sagen lassen wollten, wo sich Wein anbauen lässt und wo nicht.

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26. August 2019, 15:37 Uhr

Eine Geschichte über die Sturheit der Mecklenburger, engagierte Menschen, die sich nicht sagen lassen wollten, wo sich Wein anbauen lässt und wo nicht. Eine Geschichte über Tiefschläge, Durchhaltevermögen und die richtigen Zutaten, die am Ende zu Erfolgen führten. Eine Geschichte, die es geschmacklich in sich hat.

Weinanbau in Mecklenburg-Vorpommern? Ja – In Mecklenburg-Vorpommern wird Wein angebaut! Gut, betrachtet man den Gesamtanbau in Deutschland, ist die Menge, die hier produziert wird, ein Tropfen auf dem heißen Stein. Aber das tut an dieser Stelle nichts zur Sache. Denn davon soll der Text nicht handeln. Stattdessen möchte diese Publikation erzählen, wie der Wein in den Norden und nach MV gekommen ist und hier seit nunmehr 20 Jahren Wurzeln schlägt.

Seinen Anfang nahm der moderne Weinanbau in MV auf Gut Rattey, 30 Kilometer östlich von Neubrandenburg. Stefan Schmidt, Weinbauer aus Leidenschaft, kann sich noch gut an die Anfänge erinnern: „Vor nunmehr 20 Jahren ging es darum, dass dieses schöne Schloss renoviert war und man überlegte, wie man es vermarkten könnte. Irgendjemand hatte dann die Schnapsidee, einfach ein paar Rebstöcke vor dem Schloss zu pflanzen und so einen Hingucker zu schaffen.“ Der Anfang war gemacht. Es wurden knapp 400 Rebstöcke gepflanzt. Alte Postkarten zeigten, dass auf Schloss Rattey schon in der Vergangenheit Wein angebaut wurde. Also alles richtig gemacht, dachten sich die Verantwortlichen.

Nun ist Deutschland bekanntermaßen für seine bürokratischen Mühlen berühmt. Und von jenen Mühlen sollte auch Rattey nicht verschont bleiben. „Das geht nicht was ihr hier macht. Es ist in Deutschland verboten willkürlich Reben anzupflanzen. Sie können Bananen, Orangen, Kartoffeln anbauen, aber Reben sind nicht erlaubt.“ Noch heute schüttelt Stefan Schmidt den Kopf, wenn er von dieser Zeit spricht. Aber er schmunzelt auch, denn der Mecklenburger ist ein listenreicher Schlag Mensch und so wurde am 1. April 1999 von sieben Weinbaupionieren der Ratteyer Winzerverein gegründet. Schon nach einem Jahr zählten die „Spaßwinzer“, wie sie von den süddeutschen Kollegen genannt wurden, über 150 Weinenthusiasten in ihren Reihen. Das ist aus dem Grund sehr relevant, da es damals ein Gesetz gab, nachdem jeder Bundesbürger 99 Rebstöcke auf zehn mal zehn Metern anpflanzen darf. Und so haben sich die Akteure gedacht: Klasse, wir sind 150 Mitglieder, das heißt, wir können etwas um die 15.000 Rebstöcke pflanzen.

„Es kam natürlich wieder ein Aufschrei der politisch Verantwortlichen. ,Wenn das so ist, muss um jede Parzelle ein Zaun abgesteckt sein.’ Es war ein bürokratischer Wahnsinn“, sagt Stefan Schmidt zurückblickend. Aber auch dieses Problem sollte gelöst werden. Durch Hilfe aus Rheinland-Pfalz und mit einem Bundesratsbeschluss bekamen die Sturköpfe aus Mecklenburg-Vorpommern endlich ihren Wein. Bis 2004 war es geduldeter Wildwuchs und ab 2004 dann offiziell: Der Mecklenburger Landwein war geboren. Einziger Haken an der Sache, die Weinenthusiasten mussten nachweisen, dass hier ebenfalls historischer Weinanbau stattgefunden hatte. An dieser Stelle bekamen sie Hilfe vom 2001 gegründeten Winzerverein Burg Stargard. Dieser konnte belegen, dass schon 1508 Wein auf Burg Stargard angebaut wurde. Rattey und Burg Stargard waren somit die ersten Gebiete in Norddeutschland mit einer Genehmigung, Weinanbau zu betreiben.

In den folgenden Jahren ging es rasant vorwärts. Mittlerweile werden auf Rattey 30.000 Flaschen Wein abgefüllt. „Wir mussten zwar auch viel Lehrgeld bezahlen, aber nun haben wir die Weinwirtschaft in Rattey vom Kopf auf die Füße gestellt und es funktioniert gut. 2011/2012 hatten wir 4.000 Liter Wein im Jahr, das war viel zu wenig. Heute haben wir 25.000 Liter und meiner Meinung nach ist das immer noch zu wenig“, resümiert der gebürtige Magdeburger. Damals gab es in Rattey nur trockene Weine. Einen Roten und einen Weißen, beide sehr säurebetont. „Da haben die Leute immer die Nase gerümpft. Das war das Erbe, das ich 2012 übernommen habe.“ Schmidt lacht. „Wir haben dann ganz langsam versucht etwas zu ändern. Differenziert geschaut, welche Rebsorten passen am besten an unseren Standort. Wir haben viel Sonne und auch ausreichend Regen, unser Problem ist die kurze Vegetationsphase. Das war der Zeitpunkt, an dem wir neu durchgestartet sind. Mehr als die Hälfte der Rebstöcke wurden rausgerissen und durch andere Sorten ersetzt. Jetzt passt es. Önologe Stefan Schmidt ist zufrieden mit der Entwicklung. Und auch Medaillen gab es schon für die Weine. Mittlerweile sind in Mecklenburg-Vorpommern neun Hektar an Rebfläche zugelassen. „Wir sind auf einem guten Weg. Angefangen mit Rattey und Burg Stargard, dann kamen Lodmannshagen, Loitz, Pasenow und Lancken-Granitz auf Rügen dazu. Außerdem pflanzte eine Familie in Dorf Mecklenburg bei Schwerin in diesem Frühjahr ihre ersten Rebstöcke. Das ist doch klasse.“

Der Ratteyer- und Burg Stargarder Wein wird heute als „Mecklenburger Landwein“ verkauft und verfügt somit über eine geschützte geografische Marke, „wie beispielsweise Schwarzwälder Schinken oder Dresdner Christstollen. Und das hier im Weinland Mecklenburg-Vorpommern“, scherzt Schmidt. Für die Zukunft wünscht er sich, dass es weiter so qualitativ nach vorne geht und dass sich noch viele für den Mecklenburger Landwein begeistern mögen. Ob auf Konsumenten- oder Produzentenseite sei einmal dahin gestellt.

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