Mode Trends : Der Totenkopf erobert die Mode

 
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Jack Sparrow und St.-Pauli-Kult sei Dank – der Piratenlook ist im Alltag angekommen.

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09. August 2015, 09:00 Uhr

Ein Totenkopf auf der Regenjacke? Auf dem Pyjama, dem Kaschmirpulli? Keine Sorge – dürfen wir gern tragen. Ungeniert. Selbst Heino, unlängst übergelaufen von der blauen zur schwarzen Enzianfraktion, spricht ihn frei: „Der Totenkopf und ich haben Freundschaft geschlossen.“ Also alle Hemmungen abgelegt und hinein in die Boutiquen, Tattoo-Studios und Kaufhäuser auf der Suche nach den schrillen Skulls.

Totenköpfe sind Kult, ein Phänomen in der Modewelt von heute. Der Trend hält sich seit Jahren, weitet sich unverdrossen aus. Nicht nur junge Leute schmücken sich mit Skulls und Skeletten, sondern auch die Generation 50plus. Mittlerweile raus aus der Heavy-Metall-Schiene, aus dem Dunstkreis schwarzer Gothics, erobert die Gruselmode selbst die Grabbeltische von Kaufhäusern.

Angefangen hatte alles ganz exquisit, ganz edel, fast wie mit einem Paukenschlag. Designer Alexander McQueen ließ 2001 eines seiner Models auf einer Modenschau in London ein Skelett hinter sich herschleifen, Totenköpfe prangten auf seinen Hüten und Kleidern. Designer wie Dior, Chanel, Lacroix, Givenchy stiegen auf den Zug auf. Als sich dann Karl Lagerfeld mit einem Totenkopfring schmückte, war klar: Ein Trend war geboren. Für jedermann. Der Skull wurde hoffähig, wagte sich aus den Nischen der schwarzen Gestalten hervor und ist heute kaum noch aus der Mainstream-Mode wegzudenken.

Doch warum? Spielt der Tod eine beherrschende Rolle, strahlt er mit magischer Kraft hinein in unseren Alltag? Wollen wir Stellung beziehen, indem wir Todesmotive an unsere Haut lassen? Das Kasseler Museum für Sepulkralkultur wollte dem Phänomen auf die Spur gehen. Es widmet sich mit einer spannenden Sonderausstellung mit Hunderten von Exponaten den Todessymbolen in der Mode, hinterfragte, recherchierte. Kurator Gerold Eppler: „Das Motiv ruft heute keine Angst mehr hervor. Es bildet nicht unser Endlichkeitsbewusstsein aus, sondern wird einfach konsumiert.“

Das war nicht immer so. In der Frühen Neuzeit galten Totenschädel und Skelette als didaktisches Mittel, um die Menschen zu gottgefälligem Leben anzuhalten – ein Druckmittel, das zuverlässig in Angst und Schrecken versetzte. Auch die Kunst befasste sich in ihren Vanitas-Gemälden durch die Jahrzehnte mit dem Totenkopf als Symbol für Gier und Eitelkeit, für Oberflächlichkeit und Vergänglichkeit.

Heute jedoch interessiert sich kaum ein Träger von Todessymbolen für deren historische Bedeutung. Man will auch gar nicht daran erinnert werden, wenn man zu skurrilen Boxershorts und T-Shirts, zu Schmuck, Schlüsselanhängern und Windlichtern greift. Der Tod scheint uns fern – nie war die Lebenserwartung höher als heute. Allenfalls die Motive der Piratenflaggen erwecken Geschichtsbewusstsein: Jolly Roger und Black Jack hießen sie, mit dem Totenschädel über gekreuzte Knochen in rot-schwarz – ein beliebtes Motiv nicht nur für Strandkleidung an der Küste, sondern auch auf Babystramplern und Schnullern. Sind ja nur Piraten.

Die Bikermode jedoch, die klammert dieTodesgedanken nicht aus. Man weiß schließlich, dass Motorradfahren gefährlich sein kann, dass die Kämpfe rivalisierender Gangs nicht selten tödlich enden. Auf den Kutten der Hells Angels etwa ist der Totenschädel nicht zu übersehen. Er mag signalisieren: Ich riskiere mein Leben. Und auch wer sich für ein Totenkopf-Tattoo entscheidet, wird dafür ganz persönliche Gründe haben. Nicht nur Tätowierer wie der wegbereitende Ed Hardy dürften dies in ihren Kundengesprächen erfahren.

Kein Gedanke an Tod und Teufel jedoch in den Läden. Die Attribute der Vergänglichkeit werden einfach fleißig konsumiert. Der Totenkopf „steht für Spaß“, sagt der angesagte deutsche Designer Philipp Plein. Für ein Schädel-Jäckchen aus seiner Kollektion kann man locker 1300 Euro hinblättern. Der Tod dient heute nicht mehr der Provokation, sondern ist glitzerndes Accessoire, I-Tüpfelchen auf Pullover, Bikini und Halstuch, auf Leggins und High Heels. Wer richtig investieren will, mag über die mit Juwelen besetzte Totenkopf-Uhr „Crazy Skull“ von de Grisogono nachdenken (limitierte Edition). Und findet es noch irgendjemand bedenklich, wenn ein Jugendlicher auf seinem Skateboard den Tod mit Füßen tritt?

Schier unüberschaubar ist inzwischen die Menge an Baumwollstoffen mit gruseligen Motiven. Die meisten kommen aus den USA: Totenköpfe, umrankt von Blümchen, Spinnen oder Haien, bunt verzierte Schädel, die schon fast nett aussehen, tanzende Skelette auf zum fröhlichen Nähen. Absolut cool von Nord bis Süd ist Sportkleidung mit bunten Designs aus der Totenecke – sie peppen jede Rennradkluft auf. Und „in“ ist, wer das Emblem von St.Pauli auf seiner Jacke spazieren trägt. Auch Thomas Sabo schwimmt mit dem Strom. Über seine Herrenschmuck-Kollektion sagt er: „Die Ikone ist der Totenkopf. Er ist das ideale Symbol für den modernen Rebellen.“ Ach ja – da wäre noch ein Highlight für unseren Rebellen Heino: Ein schnuckeliges, knackig-fesches Dirndl – bedruckt mit Totenköpfchen fürs „Schweizer Madl“.

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