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Mode & Lifestyle

11. Dezember 2017 | 12:20 Uhr

Streitbar : Der Esoterik-Wahn

vom

Immer mehr Menschen suchen Zuflucht im Übersinnlichen. Okkultismus & Co. sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Irgendwo brennt immer ein Räucherstäbchen. Jan-Philipp Hein geiselt die Esoterik-Abzocke.

svz.de von
erstellt am 30.Aug.2013 | 05:16 Uhr

# | Wissen Sie, was ein „Energieausgleich“ ist? Macht gar nichts, ist schnell erklärt. Für diese Zeitung hier haben Sie einen solchen „Energieausgleich“ geleistet.

Sie, ich, wir alle machen das dauernd. Überall sind Energieausgleichsstationen aufgestellt – im Restaurant weist uns vor dem Verlassen der Kellner auf unsere Ausgleichslasten hin, im Supermarkt müssen wir egalisieren, bevor wir das Zeug in unseren Tüten auch zu unseren Habseligkeiten zählen können, die Telefongesellschaft erinnert uns monatlich an den „Energieausgleich“ und erledigt ihn mittels Einzugsermächtigung meist gleich selbst. Wie praktisch.

Beim Energieausgleich geht es um Kohle, Zaster, Knete, wie immer Sie das nennen wollen. Es geht um Geld. Man könnte also auch einfach vom Bezahlen sprechen. Diesen Begriff meiden diejenigen, die gerne „Energieausgleich“ sagen, jedoch wie der Teufel das Weihwasser. Denn dass es ihnen ums Geld geht, soll niemand mitbekommen.

„Energieausgleich“ ist ein Begriff der esoterischen Szene. Falls Sie sich also von irgendeiner Hausfrau, die sich einen mystisch oder sonstwie schräg klingenden Namen wie Saviera, Laila oder Saint Clair zugelegt hat, eine Botschaft aus einer anderen Welt „channeln“ oder einfach nur die Chakren freischießen lassen wollen, wird sie noch um einen „Energieausgleich“ bitten. Lichtarbeit gibt es nicht zum Nulltarif. Umsonst ist nicht nur nicht der Tod, sondern auch die Reinkarnation als Mensch in bester Umgebung.

Wir besprechen dieses Thema an dieser Stelle, weil wir es bei der Esoterik mittlerweile nicht mehr mit einem Randphänomen zu tun haben. Okkultismus & Co. sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Machen Sie mal einen Spaziergang durch die Szeneviertel größerer Städte. Der nächste Laden mit allerlei Engelsklimbim, Pendeln, Tarot-Karten, Edelsteinen, Klangschalen und weiteren Accessoires fürs entrückte Dasein oder Wegsein – alles nur eine Frage der Perspektive – ist nicht weit. Irgendwo brennt immer ein Räucherstäbchen vor sich hin.

Eike Wenzel, Zukunftsforscher aus Heidelberg, liefert die Zahlen. Nach seiner Schätzung macht die Esoterik-Branche gewaltige und stetig steigende Umsätze. 25 Milliarden Euro per anno taxiert Wenzel, der vermutet, dass es bald 35 Milliarden sein werden.

Nur warum? Zu viel Zeit? Zu viel überschüssige Energie – also Geld? Sind alle anderen Probleme gelöst? Ganz fern liegen diese Gedanken nicht, wenn man sich einen größeren Teil der Kundschaft der Edel-Eso-Etablissements in den Großstädten ansieht. Nach dem Nachmittags-Chai-Latte mit der Freundin brettert die Fifty-Something-Lady mit ihrem Roadster nochmal eben auf den Parkplatz, um sich den Nachschub fürs eigene Seelenheil zu besorgen. Mit einem Gesangbuch und einer heiligen Schrift ist es in der Szene nämlich nicht getan. Neuer spiritueller Stoff muss permanent nachgeführt werden.

Dazu muss man wissen, dass die esoterische Reise ein Etappenrennen ist. Immer wieder müssen neue Stufen in Richtung Wahrheit, Licht und Erkenntnis genommen werden, und jede dieser neuen Stufen verlangt neues Equipment. Sie können ja auch mal einfach online nachsehen. Da verkauft zum Beispiel eine „Psychologische Beraterin, Rückführungsbegleiterin und Lehrerin für Reiki und Spiritualität“ mehr als zwanzig CDs im eigenen Shop. „Im Einklang mit der allumfassenden Liebe“ (Dauer ca. 20 Minuten) ist noch relativ günstig. Die Fachfrau mit angeschlossenem Handel ruft einen „Ausgleich“ von fünf Euro plus drei Euro Versand dafür auf. Wollen Sie jedoch „Erzengelmeditation mit Zadkiel, Michael und Raphael, Reinigung – Schutz – Heilung“ kaufen (Dauer 26 Minuten), müssen Sie schon eine Ausgleichspotenz von 15 Euro bereithalten.

Wie die Anbieterseite des Esoterik-Marktes ihre Kunden an sich zu binden versteht und mit welch perfiden Methoden Sinnsuchende auf eine nie endende Reise ins gleichwohl irgendwann erreichte Verderben geschickt werden, an deren Verpflegungsstationen dauernd Kassenhäuschen stehen, hat der österreichische Psychologe Johannes Fischler jetzt aufgeschrieben. „New Cage – Esoterik 2.0 – Wie sie die Köpfe leert und die Kassen füllt“, heißt sein wunderbares Buch, das dieser Tage erschienen ist. Fischler hat sich mit dem Werk gewissermaßen selbst therapiert. Er schreibt: „So wie vielleicht auch Sie kenne ich jemanden, der, fortgerissen von schön- und wohlklingenden Klischees, in eine lichtvolle Parallelwelt abdriftete. Taub für alle Zurufe von außen, unerreichbar für Verwandte und Freunde. Man konnte nur zusehen, wie das Bizarre unaufhaltsam seinen Lauf nahm.“ Es ist vielleicht eine Schwäche der ansonsten starken Analyse Fischlers, dass er keine Wege aus der Eso-Falle zeigen kann. Aber wer verstehen will, in was für einer Mühle gute Freunde, die sich mehr und mehr entfernen, gerade stecken, sollte Fischler unbedingt lesen.

An dieser Stelle wird der Einwand kommen, dass sich das Mitleid mit einer Roadster-Kapitänin in Grenzen hält. Wer sein reichlich vorhandenes Kleingeld in etwas Kokain investiert, wird schließlich auch keine Betroffenheit ernten, sondern höchstens neidvolle Verachtung. Anders verhält es sich freilich mit Koksern, die für ihre Line das letzte Hemd geben oder geben müssen, weil sie von dem Zeug abhängig sind und im Leben nicht mehr klarkommen, wenn kein Nachschub organisiert werden kann.

Und es gibt in der Eso-Welt eben nicht nur die Edel-Ecke in der City mit ausgeleuchteten Frauenparkplätzen, sondern auch eine Schmuddelecke. Es ist der Astro-Strich im Nachtprogramm irgendwelcher Privatsender, die wir zielgerichtet auf der Fernbedienung gar nicht finden würden. Wo dereinst aufgepumpte Billig-Blondinen irgendwas von „Ruf mich an!“ stöhnten, später dann abgehalfterte Porno-Sternchen und Big-Brother-„Stars“ dämliche Call-In-Gewinnspiele moderierten, sitzen jetzt beleibte Damen und quasseln beispielsweise mit einem Engel namens Metatron. Die armen Anruferinnen energieausgleichen für diesen Wahnsinn pro angefangener Minute – und zwar happig. Schauen Sie doch mal nach, wenn Sie nicht einschlafen können. Gegen diese gruseligen Fernseh-Veranstaltungen nehmen sich die geschäftlichen Aktivitäten von Hütchenspielern auf dem Kurfürstendamm wie ein seriöses Gewerbe aus. Die wenigen Akustikfetzen der verzweifelten „Kundinnen“ nächtlicher Astro-Hotlines (es sind wirklich fast ausschließlich Frauen) lassen erahnen, dass es nicht nur mental, sondern auch finanziell diverse Großbaustellen bei ihnen gibt. An dieser Stelle wird aus dem Eso-Lifestyle eine skrupellose und verachtenswerte Veranstaltung.

Und vergessen wir nicht die Mittelschicht beim Esoterik-Online-Discount. Einmal angefixt ruinieren sich auch Versicherungsfachwirtinnen und KFZ-Meister gründlich auf dem Weg in die Glückseligkeit. Was harmlos, sanft, voller Liebe, Wärme und Verständnis daherkommt, entpuppt sich oft als Kostenfalle. Lesen Sie Fischler, der geforderte Energieausgleich wird sich auszahlen.

Buchhinweis:
New Cage / Esoterik 2.0 / Wie sie die Köpfe leert und die Kassen füllt
Johannes Fischler
Molden Verlag
288 Seiten
19,99 Euro
ISBN: 978 3 85485 321 3

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