Gesundheit : Wie Mikroben uns lenken

Wo liegt welche Eigenschaft? Die Phrenologie nach Franz Joseph Gall, gezeichnet von Friedrich Eduard Bilz (1842–1922).

Wo liegt welche Eigenschaft? Die Phrenologie nach Franz Joseph Gall, gezeichnet von Friedrich Eduard Bilz (1842–1922).

Kleinstorganismen steuern nicht nur unseren Darm oder das Immunsystem – sie haben auch Einfluss auf unser Verhalten.

von
31. März 2018, 16:00 Uhr

Es ist eine der kurioseren Szenen der deutschen Literaturgeschichte: Im September 1826 sitzt Johann Wolfgang von Goethe in seinem Schreibzimmer und betastet sorgfältig den Totenschädel Schillers. Er will an dessen Wölbungen die Charaktereigenschaften, Genie und Wahnsinn seines 20 Jahre zuvor verstorbenen Dichterkollegen ablesen, nur um kurz darauf ins Philosophieren und Dichten zu verfallen:

„Was kann der Mensch im Leben mehr gewinnen,
Als daß sich Gott-Natur ihm offenbare?
Wie sie das Feste läßt nzu Geist verrinnen,
Wie sie das Geisterzeugte fest bewahre.“

Goethe war wie viele seiner Zeitgenossen ein Anhänger der Schädellehre von Franz Joseph Gall. Der deutsche Arzt hatte es zu Berühmtheit gebracht, indem er die Schädel unzähliger Menschen vermessen und aus den Hubbeln und Dellen deren persönliche Eigenschaft herausgelesen hatte (siehe kleines Bild). Dahinter steckte die Vorstellung, dass sich der Schädel an das darunter liegende Gehirn angepasst hat („wie sie das Geisterzeugte fest bewahre“).

Auch der Philosoph Immanuel Kant zeigte sich fasziniert von der Lehre, warf dem Anatomen Gall aber philosophische Naivität vor. Daraufhin soll dieser ihm sinngemäß geantwortet haben: „Wenn ich mir Ihren Schädel angucke, dann kann ich Ihnen genau sagen, warum sie sagen, was sie sagen.“

Das gelte oft als der Wendepunkt, an dem die Philosophie aufhört und die Gehirnwissenschaft anfängt, primäre Wissenschaft vom Menschen zu sein, sagt Tobias Rees vom Berggruen Institute in Los Angeles. Seitdem, so Rees, der als Anthropologe, Philosoph und Neurowissenschaftler selbst zwischen allen Stühlen sitzt, gebe es ein zähes Ringen zwischen den Geistes- und den Naturwissenschaften um die Deutungshoheit über den Menschen. Als die Neurowissenschaften, die in Gall ihren Anfang nahmen, um die Jahrtausendwende sogar den „freien Willen“ des Menschen infrage stellten, hatte dieses Ringen einen neuen Höhepunkt erreicht.

Nun fordert die moderne Mikrobiologie unser Verständnis vom homo sapiens ein weiteres Mal heraus: Ihr zufolge funktioniert der Mensch nicht als Individuum, sondern nur als ein Art Ökosystem „Mensch“, das von einer bunten Vielfalt von Bakterien, Viren und anderen Mikroorganismen besiedelt ist. Dieses neue Bild vom „Metaorganismus“, der aus vielen unterschiedlichen Lebewesen besteht, bringt manche Gewissheit ins Wanken: Wenn der Mensch von Bakterien abhängt, wenn diese nicht nur seine Gesundheit, sondern auch sein Verhalten, vielleicht sogar seine Gefühle mitsteuern, was ist dann das Wesen des Menschen? Es ist schon erstaunlich genug, dass die kleinen Organismen unsere Verdauung regeln und unser Immunsystem mitsteuern. Doch in den vergangenen Jahren häuften sich die Belege dafür, dass sie auch über einen direkten Draht in unser Gehirn verfügen. Also Zugriff auf das Hoheitszentrum der Menschheit haben, auf das, was den Menschen angeblich vom Tier unterscheidet.

Über den Nervus vagus, der vom Kopf in den Bauchraum führt, kommunizieren die Mikroben mit dem Gehirn und andersherum. Bisher war dieser Nerv dafür bekannt, dass der Verdauungstrakt über ihn signalisiert, wann der Magen gefüllt ist. Umgekehrt steuert das Gehirn hierüber die inneren Organe. Doch Studien an der University of California in San Francisco zeigten, dass Mikroben eben diese Signale des Vagusnervs verändern können und darüber auch unser Essverhalten mitbestimmen. Darüber hinaus können Mikroben Neurotransmitter produzieren, die unsere Stimmung und unser Verhalten prägen. Die Hälfte des Glücks- und Suchthormons Dopamin entsteht nicht im Gehirn sondern im Darm; und Mikroben scheinen dabei eine wichtige Rolle zu spielen.

Wie eng Mikroben und Verhalten zusammenhängen, wurde bereits an diversen Tierversuchen gezeigt. So sammelten kanadische Forscher um Stephen Collins Darmbakterien von Mäusen, die besonders ängstlich waren, also wenig Zeit außerhalb ihrer dunklen Behausung verbrachten und freie ungeschützte Flächen im Käfig mieden. Übertrugen sie diese Bakterien auf normale Mäuse, wurden auch sie ängstlicher. Mittlerweile geht man davon aus, dass ein Milchsäurebakterium für das mutigere Verhalten mitverantwortlich ist. Wurde Mäusen dieses Bakterium regelmäßig verabreicht, hielten die Tiere sich anschließend länger in den ungeschützten Bereichen auf und hatten weniger Stresshormone im Blut. Durchtrennten die Forscher allerdings den Nervus vagus, blieb diese Wirkung der Bakterien aus.

Auch bei vielen Krankheiten des Gehirns oder des Nervensystems finden sich Hinweise, dass diese mit dem Mikrobiom der Erkrankten zusammenhängen. Bei Autismus und Parkinson etwa fanden sich schon mehrere Belege, aber auch bei Alzheimer oder Multiple Sklerose scheinen die Darmmikroben eine Rolle zu spielen.Doch da die Erkenntnis, dass Darmbakterien überhaupt mit dem Gehirn und dem Nervensystem in Verbindung stehen, noch sehr jung ist, befindet sich die Forschung hier noch ganz am Anfang. „Erstmal müssen wir die grundlegenden Mechanismen dieser Kommunikation zwischen Nervensystem und Mikroben entschlüsseln“, meint Thomas Bosch, Sprecher des Kieler Sonderforschungsbereiches zu Metaorganismen.

Was sich allerdings schon jetzt deutlich an den Forschungsergebnissen zeigt: Das Selbstverständnis des Menschen wird sich ändern. Wenn Bakterien uns tatsächlich mutiger oder ängstlicher machen können, ist unser Wesen dann ohne die in und auf uns lebenden Mikroben denkbar? Wo der Mensch endet und die Mikrobe beginnt, lässt sich schlichtweg nicht mehr genau sagen. Die alte Trennung von Mensch und Kultur auf der einen Seite sowie der Natur auf der anderen ist damit hinfällig.

Gräben zwischen den Wissenschaften

Insofern seien auch die alten Kämpfe zwischen den beiden wissenschaftlichen Hauptrichtungen von Geistes- und Naturwissenschaften vollkommen unnötig und überholt, meint Tobias Rees. „Die Geisteswissenschaften sind auf dem Gedanken aufgebaut, dass der Mensch mehr ist als nur Natur.“ Doch dieses „mehr“ wird durch die Forschung zum Mikrobiom in Frage gestellt. Gemeinsam mit anderen Forschern rief Tobias Rees daher im Fachmagazin PLOS Biology jüngst dazu auf, die starren Grenzen zwischen den beiden großen Fakultäten zu hinterfragen und sich gemeinsam dem Ökosystem Mensch zu widmen.

„Mich zu denken als Teil einer natürlichen Einheit, als eingeflochten mit der Natur, das ist für mich sehr spannend“, sagt Tobias Rees. Besonders, wenn man das mit den Menschenbegriffen vergleiche, die im 19. und 20. Jahrhundert existiert haben und vor allem auf den Errungenschaften von Wissenschaft und Technik fußten. „Und dann gucke ich mir Umweltzerstörung, das Artensterben, das auch in unserem Magen stattfindet, und den Klimawandel an“, sagt Rees, „und dann denke ich mir: Wie könnte man andere Menschenbegriffe formulieren, die nicht diese Trennung von Mensch und Natur machen?“

Einige Philosophen werfen Rees und seinen Koautoren Naivität und Oberflächlichkeit vor. Der Kopenhagener Experte für die Philosophie des Geistes, Dan Zahavi, etwa äußerte sich in einem dänischen Wissenschaftsmagazin süffisant: Die Erkenntnisse mögen für Naturwissenschaftler neu sein. Dass Gehirn und Körper in einem Zusammenhang mit der Umwelt stehen sei in der Philosophie jedoch mitnichten eine Neuigkeit.

„Ich will gar nicht vorschreiben, wie man anders denken soll“, meint Rees indes. „Ich möchte nur dieses Menschenbild, das wir institutionalisiert haben, aufbrechen. Denn es trägt nicht mehr – und wenn überhaupt, dann in eine Zukunft, die sehr zerstörerisch ist.“ Tobias Rees sieht die Reaktion einiger Philosophen als gutes Beispiel für die Gräben zwischen den Wissenschaften, die sich noch immer gegeneinander abzugrenzen suchen. Goethe indes hatte in seinen Arbeiten diese Gräben noch mühelos überwunden. Zwar kam er mit seiner Analyse von Schillers Schädel nicht weit – weder stellte sich die Lehre als richtig heraus, noch hatte er den Schädel Schillers vor sich, wie DNA-Analysen vor zehn Jahren zeigten. Doch bei all seinem Schädelstudium war er immer auch auf der Suche nach dem so genannten Zwischenkieferknochen. Den, so waren damals viele Anatomen überzeugt, gebe es ausschließlich bei Tieren und nicht beim Menschen. Eine Behauptung, die Goethe widerlegte. Mit Stolz präsentierte er diesen Fund als Beweis, „dass das Reich der Lebewesen ein großes Ganzes sei.“ Eine Erkenntnis, die Mikrobiologen von heute sicher nur unterstreichen können.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen