Lesertelefon Suizidprävention : „Wer weiß, was das Leben für mich noch bereithält...“

Auch wenn alles ausweglos scheint: Es gibt Hilfe für suizidgefährdete Menschen.
Foto:
Auch wenn alles ausweglos scheint: Es gibt Hilfe für suizidgefährdete Menschen.

Betroffene und Angehörige nutzten unser Lesertelefon mit Experten zum Thema Suizidprävention

von
05. September 2017, 20:55 Uhr

Mein Mann hat seine Arbeit verloren und seit dieser Zeit ist er irgendwie verändert, viel ruhiger. Manchmal erreiche ich ihn gar nicht. Was kann ich tun?
Der Verlust von Arbeit ist gerade für Männer oft eine Erfahrung, die als sehr kränkend erlebt wird. Denn die mit der Arbeit verknüpfte Erwartung von Anerkennung und Wertschätzung wird radikal enttäuscht. Umso wichtiger ist für einen Mann in einer solchen Situation die Beziehung zur Partnerin – daher teilen Sie ihm Ihre Eindrücke und vielleicht auch Ängste mit. Versuchen Sie, miteinander darüber zu sprechen. Sagen und zeigen Sie ihm, wie wichtig es für Sie ist, dass er da ist. Ihr Mann braucht kein Mitleid, sondern Verständnis. Zeigen Sie ihm Anerkennung dafür, wie er bisher mit dieser schwierigen Situation umgegangen ist. Erinnern Sie ihn daran, dass sie gemeinsam in der Vergangenheit schon andere schwierige Situationen durchgestanden haben. Überlegen Sie, was Ihnen damals weitergeholfen hat und welche konkreten Schritte jetzt für ihn denkbar wären.

Die Freundin meines Sohnes hat ihn verlassen. Nun zieht er sich zurück und will mit niemandem darüber reden. Was kann ich tun?
Häufig können sich gerade junge Menschen schwer vorstellen, dass das Leben nach dem Ende der ersten großen Liebe weitergeht. Dies müssen sie erst lernen und erleben. Da braucht es Zeit und Menschen an ihrer Seite, die einfühlsam auf diese schwere Verlusterfahrung eingehen. Ihr Sohn trauert. Es gibt kein Patentrezept für den Umgang mit Trauer. Jeder trauert anders auf seine Weise. Sagen Sie Ihrem Sohn, dass Sie für ihn da sind, wenn er es möchte. Vielleicht ist es auch hilfreich, wenn Sie Ihren Sohn einladen, mit Ihnen gemeinsam etwas zu unternehmen. Bei solchen Gelegenheiten haben Sie Zeit zum Reden. Aber überlassen Sie ihm die Entscheidung, was und wie viel er Ihnen erzählt. Manchmal wollen Kinder aber auch nicht mit den Eltern über solche Dinge reden. Da können Freunde helfen. Auch ein anonymes Gespräch mit der Telefonseelsorge kann Entlastung bringen und ein Schritt zum Weiterleben sein.

Ein Arbeitskollege war nach einem Suizidversuch, bei dem er gerade noch in letzter Minute gerettet werden konnte, viele Wochen im Krankenhaus. Jetzt arbeitet er wieder. Aber wir haben den Eindruck, dass es ihm noch nicht gut geht. Wie können wir uns als Kollegen verhalten?
Sprechen Sie Ihren Kollegen an und sagen Sie ihm, dass Sie unsicher sind, wie Sie sich ihm gegenüber verhalten sollen. Fragen Sie ihn direkt, welche Unterstützung er von den Kollegen benötigt, was ihm guttut und was nicht. In größeren Betrieben gibt es inzwischen oft auch eine betriebliche Gesundheitsförderung, über die auch Betreuungsangebote bei psychosozialen oder anderen Problemen angeboten oder vermittelt werden. Wichtig ist, dass Sie die Situation von Ihrem Kollegen nicht ignorieren, sondern mit ihm im Gespräch sind. Bedeutsam ist außerdem, dass Sie ihm nicht das Gefühl vermitteln, ein Versager zu sein. Gerade bei Männern ist das Risiko hoch, dass sie Unterstützung oder Hilfeangebote als Hinweis darauf sehen, dass sie ein Versager sind, der es eben alleine nicht schafft.

Liegt eine Depression vor, kann eine Behandlung manchmal längere Zeit in Anspruch nehmen. Selbst bei erfolgreicher Behandlung kann die Belastbarkeit noch über Monate hinweg eingeschränkt sein. Manchmal ist auch eine Wiederaufnahme in die Klinik erforderlich – zum Beispiel, um die medikamentöse Behandlung zu optimieren.

Ich mache mir Sorgen um meinen 41-jährigen Sohn, der seit vielen Jahren allein lebt, arbeitslos ist, zunehmend Ängste vor Behörden entwickelt. Jetzt gibt es Probleme mit dem Jobcenter, nun zieht er sich immer mehr zurück. Wir als Eltern kommen nicht mehr an ihn heran. Ich vermute, dass er depressiv ist, er will aber auf keinen Fall zu einem Arzt gehen.
Ich kann gut verstehen, dass Sie sich deshalb Sorgen machen, vor allem weil Ihr Sohn weit entfernt lebt. In dem Gesundheitsamt der zuständigen Kreisverwaltung gibt es einen Sozialpsychiatrischen Dienst, in dem ein Nervenarzt und Sozialarbeiterinnen tätig sind. Dort können Sie auch als Eltern anrufen, Ihre Sorgen schildern und mit den Mitarbeiterinnen zusammen überlegen, auf welche Weise eine Kontaktaufnahme zu Ihrem Sohn am sinnvollsten möglich ist. Die Mitarbeiterinnen des Sozialpsychiatrischen Dienstes haben die Aufgabe und die Möglichkeit, Menschen aufzusuchen, bei denen psychische und andere Probleme aufgetreten sind. Sie werden versuchen, Kontakt zu ihm aufzunehmen. Gerade für Männer ist es dabei hilfreich, wenn dabei zunächst ganz praktische Themen, wie zum Beispiel bei Ihrem Sohn die Probleme mit dem Jobcenter im Vordergrund stehen. Über solche sachlichen Themen kann dann auch eine Beziehung aufgebaut werden, in der Ihr Sohn Vertrauen fassen und sich dann auch in psychischer Hinsicht beraten lassen kann.

Ich habe über den Welt-Suizid-Präventionstag gelesen und bin sehr traurig geworden. Mein Vater hat sich vor 23 Jahren das Leben genommen, damit komme ich immer noch nicht zurecht. Am Anfang habe ich nicht gewusst, dass ich auch Hilfe brauche. Bis heute wissen nur ganz wenige von dem Suizid, nicht einmal meine Kinder. Und mir fällt es bis heute schwer, Worte dafür zu finden. Ich weiß auch nicht, mit wem ich darüber reden könnte.
Als Tochter waren Sie damals mit Ihrem Schmerz allein. Bis heute suchen Sie nach einer Möglichkeit, die Trauer zu bewältigen. Bei der Telefonseelsorge können Sie jederzeit anrufen und versuchen, für Ihre Gefühle und Gedanken Worte zu finden, um auch nach einer so langen Zeit zu lernen, darüber zu reden und zu spüren, dass das wichtig und gut ist. Gemeinsam mit dem Telefonseelsorger können Sie auch besprechen, ob weitergehende Hilfe wie zum Beispiel eine Angehörigengruppe nach Suizid oder aber eine psychotherapeutische Begleitung für Sie wichtig sein kann.

Ein Bekannter hat mir gegenüber angedeutet, dass es ihm nicht gut geht. Aus seinen Worten höre ich heraus, dass er überlegt, ob er dem allen ein Ende setzen sollte. Wie soll ich mich verhalten? Kann ich das Thema Suizid direkt ansprechen oder bringe ich ihn damit erst richtig auf den Gedanken?
Wenn Sie sich zutrauen, dieses Thema gegenüber Ihrem Bekannten anzusprechen, ist dies der direkte Weg, ihm eine Brücke zur Entlastung zu bauen. Sie brauchen nicht zu befürchten, dass Sie ihn dadurch tatsächlich erst auf Suizidgedanken bringen. Dadurch, dass Sie den Mut haben, dieses Thema anzusprechen, zeigen Sie Ihrem Bekannten, dass er Ihnen wichtig ist und Sie Sorgen haben und ihn nicht allein lassen wollen. Oft ist das schon der erste Schritt aus der Krise heraus. Falls Sie sich selbst nicht trauen, ein solches Gespräch zu führen, überlegen Sie, ob es Menschen gibt, die Sie um Unterstützung bitten können und die Sie für kompetent halten, zum Beispiel Seelsorger oder Beratungsstellen. Sie können sich in diesem Fall auch an den sozialpsychiatrischen Dienst in dem Gesundheitsamt wenden, in dessen Zuständigkeitsbereich Ihr Bekannter wohnt.

Ich mache mir Sorgen um einen Freund, der mir gegenüber große Probleme angedeutet hat. Ich befürchte, dass er diese nicht bewältigen kann. Beim letzten Treffen war er sehr schweigsam. Seitdem erreiche ich ihn weder per Telefon noch über E-Mail. Ich habe Angst, dass er sich etwas angetan hat.
Bei Gefahr für Leben und Gesundheit ist die Leitstelle unter der Nummer 112 der richtige Ansprechpartner. Von dort aus kann der Einsatz eines Notarztes ausgelöst werden. Bedenken, dass Sie gegen den Willen Ihres Freundes handeln, kann ich nachvollziehen. Aber für mich hätte Vorrang, das Leben des Freundes zu retten, selbst auf die Gefahr hin, dass ich ihn gegebenenfalls als Freund verliere.

Die Fragen beantworteten folgende Experten:

  • Renate Kubbutat (Amtsärztin Schwerin),
  • Gerriet Stein (Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle in Schwerin)
  • Lutz Jastram (Pastor im Ruhestand).
Hilfsangebote

• Die Telefonseelsorge erreichen Sie Tag und Nacht unter der kostenlosen Rufnummer 0800/1110111 oder 0800/1110222. Eine anonyme Beratung ist auch per Chat oder E-Mail möglich. Infos online unter www.telefonseelsorge.de.

• Bei Gefahr für Gesundheit und Leben den Notruf 112 wählen.

• Ansprechpartner gibt es auch jeweils in den Gesundheitsämtern (Sozialpsychiatrischer Dienst) und in Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstellen.

• AGUS – Angehörige um Suizid e.V. ist die bundesweite Selbsthilfeorganisation für Trauernde, die einen nahestehenden Menschen durch Suizid verloren haben. Infos online unter: www.agus-selbsthilfe.de.

Betroffener möchte anderen Mut machen

Ein betroffener Mann, der seit vielen Jahren unter Depressionen leidet, hat beim Lesertelefon angerufen, um auf diesem Wege ganz gezielt anderen Betroffenen Mut zu machen. „Wer weiß, was das Leben für mich noch bereithält – wenn man sich das Leben nimmt, wird man es nie erfahren, welche Erfahrungen mit Schönheit und sozialen Kontakten noch möglich wären. Halten Sie durch, auch wenn es noch so schwer scheint!“

Er habe gelernt, was er tun kann, um sich selbst aus solchen schweren Situationen, wenn er in einem tiefen Tal ist, wieder herauszuhelfen: „Ich habe mir einen gedanklichen Notfallkoffer gebaut, auf den ich dann zurückgreifen kann, wenn es mir schlecht geht. Dazu gehören zum Beispiel Bücher, die zu lesen mir guttun und die ich schon bereitgelegt habe, Ausdauersport wie Joggen und Schwimmen und Gartenarbeit. Ich habe gelernt, dass es ein Fehler ist, sich in solchen Situationen einzuigeln und von den Freunden zurückzuziehen. Über meine Krankheit und meine Situation spreche ich jetzt ganz offen.“

Der Anrufer möchte Betroffene ermutigen, sich therapeutische Unterstützung zu holen und ist froh, dass er den Mut gehabt hat, eine Reha zu beantragen, die er jetzt antreten kann. Beides ist wichtig, wie er inzwischen weiß: selbst aktiv zu werden und für die notwendige Unterstützung zu sorgen.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen