Gesundheit : Wer hat Angst vorm Küchenschwamm?

Geschirrtücher werden schnell zu Keimschleudern - für Teller und Hände nimmt man deshalb besser nicht dasselbe Tuch.
Geschirrtücher werden schnell zu Keimschleudern - für Teller und Hände nimmt man deshalb besser nicht dasselbe Tuch.

Aus Sorge rücken wir Keimen mit Desinfektionssprays und Antibiotika zu Leibe. Dabei machen Bakterien uns nicht nur krank – sondern auch gesund.

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24. März 2018, 16:00 Uhr

Man könnte meinen, dass Küchenschwämme sich nicht eben leicht in die Schlagzeilen bringen lassen. Zumal in politisch unruhigen Zeiten wie diesen. Doch Markus Egert von der Hochschule Furtwangen ist dieses Kunststück gelungen. Mit seiner „weltweit ersten umfassenden“ Studie zu den Keimschleudern in unseren Küchen war der Mikrobiologe im vergangenen Sommer tagelang in den Medien. Immerhin hatte er über 50 Milliarden Keime in den untersuchten Exemplaren gefunden. Und zwar nicht pro Schwamm, sondern pro Quadratzentimeter! Eine ähnlich hohe Bakteriendichte, so wurde Egert damals vielfach zitiert, finde sich höchstens noch in Stuhlproben.

Damit hatte er in der Vorstellung vieler die Küchenspüle zum Klo erklärt. Die „New York Times“, die ebenfalls über die Studie berichtete, musste wenige Tage später einen beruhigenden Artikel für die vielen aufgeregten Leser hinterherschieben: „Sie sollten jetzt nicht hysterisch werden und Angst vor ihrem Küchenschwamm bekommen.“

Ekel ist sinnvoll – in Maßen

Wenn das Wort „Keim“ fällt, geht bei vielen Menschen ein rotes Lichtlein an: multiresistenter Keim, Killer-Keim, Krankenhaus-Keim ... Das ist evolutionär gesehen in gewissem Maße sinnvoll. Menschen ekeln sich vor stinkenden Küchenschwämmen, vor Kothaufen, vor dreckigen Toiletten oder vollgerotzten Taschentüchern. Denn überall dort lauern potentielle Krankheitskeime. Und in vielen Ländern dieser Welt kann die richtige Hygiene und eine saubere Toilette durchaus noch über Leben und Tod entscheiden.

Dass Hygiene aber auch übertrieben werden kann, weiß die Wissenschaft seit längerem. Die berühmten Bauernhof-Kinder, die seltener Allergien haben, sind ein oft und gern zitiertes Beispiel. Die Forschung zum Mikrobiom des Menschen aber macht nun immer deutlicher, wie sehr wir auf Keime angewiesen sind. Vielmehr: Sie sind ein Bestandteil von uns. Und statt sie mit Antibiotika und Desinfektionsspray in uns und um uns herum zu traktieren, sollten wir pfleglicher mit ihnen umgehen, meinen viele Mikrobiologen.

Sie bezweifeln nicht, dass schwere Bakterieninfektionen mit Antibiotika behandelt werden sollten und im Operationssaal steriles Besteck und höchste Sauberkeit vonnöten ist – aber der Übergang von lebenswichtiger Hygiene zur Hysterie ist fließend. Und hierzulande, meint der Mikrobiologe Thomas Bosch von der Universität Kiel, werde häufig übertrieben. „Mittlerweile findet man sogar in ganz normalen Hotels oder auf der Restaurant-Toilette Desinfektionsmittel für die Hände. Das brauchen wir nicht. Auch die Küche muss nicht desinfiziert werden.“ Der kanadische Mikrobiologe Brett Finlay hat mit „Let them eat dirt“ (zu Deutsch „Lasst sie Dreck essen“) vor zwei Jahren ein Buch darüber geschrieben, wie wichtig es für Kinder ist, mit den Keimen der Umwelt in Kontakt zu kommen. Statt nur die krankmachenden Bakterien zu sehen, müssten wir lernen, Keime auch als Helfer zu betrachten.

Denn die Menschen leben seit Jahrtausenden in einer einträglichen Partnerschaft mit ihnen: Ein Wirt, viele Gäste, die sich von dem ernähren, was der Wirt ihnen auftischt. Als Gegenleistung produzieren sie Stoffwechselprodukte, die das Immunsystem, die Lunge, das Herz, ja sogar das Gehirn in ihren Funktionen unterstützen und beeinflussen. Werden nun einige Gäste etwa durch Antibiotika-Gabe oder einseitige Ernährung hinausgeworfen und durch andere ersetzt, kann die gesellige Stimmung im Wirtshaus kippen. Und es spricht einiges dafür, dass manch modernes Leiden auch auf schlechte Stimmung in der Mikrobenwelt zurückzuführen ist.

Welche Mikroben sich bei uns wohlfühlen, ist dabei sowohl genetisch als auch durch unsere Ernährung bedingt. Jeder Mensch hat dadurch sein eigenes Mikrobiom, das ganz individuell ist – ähnlich wie ein Fingerabdruck. Es gibt aber erkennbare Muster, die sich auch aus den menschlichen Hinterlassenschaften herauslesen lassen. So vermehrt sich zum Beispiel bei einer fleischreichen Ernährung unter anderem das Bakterium Bilophila wadsworthia, das Gallensäuren verarbeitet. Eine Häufung dieses Bakterientyps wird mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen in Verbindung gebracht. Der Wechsel zu einer pflanzlichen Kost hingegen lässt die Zahl von Bakterien nach oben schnellen, die Buttersäure produzieren. Diese wiederum senkt den pH-Wert im Darm und hält dadurch vermutlich Krankheitserreger in Schach.

Doch solche Ergebnisse, die oft aus einzelnen kleinen Studien stammen, werfen bisher nur winzige Schlaglichter in das Dunkel der menschlichen Darmbesiedlung. Wie ein gesundes Mikrobiom aussieht, weiß man schlichtweg noch nicht. Zu vielfältig sind die Mikroben, zu komplex ihr Zusammenspiel mit dem menschlichen Körper. Und so probiert man aus: Würmer, Mäuse, Fliegen, Süßwasserpolypen und auch Pflanzen werden als Modellorganismen studiert und manipuliert. Was passiert, wenn Tiere vollkommen keimfrei gehalten werden? Wie schnell wird der Nachwuchs von Mikroben besiedelt? Welche Rolle spielt die Ernährung? Tiere, die man per Kaiserschnitt zur Welt bringt und in einer keimfreien Umgebung hält, sind etwa bei Weitem nicht so fit wie ihre Artgenossen. Schon daran lässt sich ablesen, wie wichtig eine funktionierende Gemeinschaft von Wirtsorganismus und Mikroben ist.

Forschung steht noch am Anfang

Im Experiment mit Tieren wurden schon eine ganze Reihe von Zusammenhängen zwischen Mikrobiom und Krankheiten gezeigt. Oft wird dazu der Stuhl von Kranken genommen und den Tieren injiziert. So bekamen Mäuse Parkinson, nachdem ihnen der Stuhl von menschlichen Parkinson-Patienten in den Darm übertragen wurde. Autismus wiederum wurde bei Mäusen durch Gabe eines bestimmten Darmbakteriums gelindert.

„Auch wenn man dicken und dünnen Mäusen den jeweils komplementären Stuhl verabreicht, sieht man Effekte“, sagt Stephan Ott, Experte für Stuhltransplantation am Uniklinikum Schleswig-Holstein. Wie Thomas Bosch ist auch Ott Mitglied des Kieler Exzellenzclusters zur Entzündungsforschung, das nach neuen Therapien für chronische entzündliche Krankheiten sucht. Ott schiebt aber einen wichtigen Zusatz hinterher: „Das sind alles Tiermodelle. Es gibt noch keine guten Daten, die zeigen, dass das beim Menschen auch funktioniert!“

Der Mensch ist eben keine Maus. Und viele der im Tierversuch einzeln geglückten Therapien ließen sich noch nicht übertragen. Bislang gibt es lediglich eine einzige allgemein akzeptierte Therapie, deren Nutzen durch klinische Studien bewiesen wurde: Bei einer Darminfektion mit dem Keim Clostridium difficile, der starken Durchfall auslöst und tödlich enden kann, wurden 90 Prozent der Patienten durch einen Transfer von gesundem Stuhl geheilt.

Bei aller Euphorie über die spannende Welt der Mikroben und neuen Therapiemöglichkeiten darf daher nicht vergessen werden, dass die Forschung größtenteils noch ganz am Anfang steht. Tierversuche lassen sich nicht ohne weiteres auf den Menschen übertragen. Und man kann ein gesundes Mikrobiom anscheinend auch nicht so einfach von einem Darm in den anderen verpflanzen und schon gar nicht als Pulver oder Tablette schlucken. Für irgendeinen positiven Effekt von so genannten Probiotika, lebensfähige Mikroben aus der Apotheke, gibt es bisher kaum Belege.

Man könne aber trotzdem etwas für seine Gesundheit und sein Mikrobiom tun, meint Thomas Bosch. „Wir sollten ein bisschen ökologischer denken, uns gesund und faserreich ernähren, Kinder möglichst normal gebären und sie in der Natur spielen lassen.“ Denn vermutlich werden wir die gesunde Mischung an Bakterien niemals in Form von Tütchen, sondern immer eher aus unserer normalen und in der Regel gar nicht so gefährlichen Umgebung bekommen. Das Kind hat sich wieder einmal die dreckigen Finger in den Mund gesteckt? „Dreck reinigt den Magen“, weiß schon ein altes Sprichwort. Also: Schwamm drüber!


Dies ist der zweite Teil unserer Serie zu „Mensch und Mikrobiom“. Den letzten Teil „Der Mensch als Ökosystem – ein neues Selbstbild“ lesen Sie am 31. März. Weitere Infos unter www.mikrobiom-cluster.de

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