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Medizin und Gesundheit

12. Dezember 2017 | 05:45 Uhr

Studie : Wenn die Narbe zur Beule wird

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Bei etwa jeder zehnten Bauchoperation kommt es anschließend zum Bruch / Ob jeder operiert werden muss, soll eine Studie klären

svz.de von
erstellt am 16.Jun.2014 | 12:33 Uhr

Wo nach einer Operation eine Wunde verschlossen wird, entsteht eine – oft kaum sichtbare – Narbe. Das ist normal und unvermeidlich. Bei zehn bis 15 Prozent aller Bauchoperationen aber kommt es anschließend zu einem Narbenbruch – einer Hernie, wie Mediziner sagen. Auch das ist nicht immer vermeidbar, erläutert Prof. Dr. Jörg-Peter Ritz, Chefarzt der Allgemein- und Viszeralchirurgie an den Schweriner Helios Kliniken. Wahrscheinlich liegt der Neigung zu Hernien eine Bindegewebsveränderung zugrunde, so der Mediziner. Erwiesen sei, dass Ältere, Männer, Übergewichtige und Raucher besonders oft Narbenbrüche bekämen. Auch die Einnahme bestimmter Medikamente sowie Wundheilungsstörungen gelten als Riskofaktoren.

Der Operateur könne Risiken aber durch die Auswahl bestimmter Nahtmaterialien und Operationstechniken verringern, erläutert Prof. Ritz. So käme es nach minimal-invasiven Eingriffen in Schlüssellochtechnik deutlich seltener zu Narbenbrüchen als bei konventionellen Operationen.

Der Begriff Hernie stammt vom griechischen Wort hernios – Knospe ab. Zutreffender wäre aber wohl eher der weniger prosaische Begriff Beule: Die Bauchdecke wölbt sich nach vorn, weil Eingeweide durch ein „Loch“ in der Bauchdecke hindurchgetreten sind. Längst nicht jeder Betroffene leidet deshalb unter Schmerzen. Allerdings ist ein Narbenbruch auch nicht immer harmlos. So kann es – wenn auch nur sehr selten – dazu kommen, dass Darminhalt eingeklemmt oder aber die Durchblutung einer eingeklemmten Darmschlinge unterbunden wird.

Bis heute sei vorherrschende Lehrmeinung, dass jeder Narbenbruch operiert werden müsse, so Prof. Ritz. Jährlich würden an deutschen Kliniken 50 000 derartige Operationen vorgenommen. Das dabei am häufigsten angewandte Verfahren sei die Patch-Technik, bei der ein spezielles Netz in den Bauchraum eingebracht wird, das den Defekt in der Bauchdecke von innen verschließt. „Solch ein Netz kann durchaus 30 mal 30 Zentimeter groß sein, schließlich soll es den Defekt in der Bauchdecke an jeder Seite um mindestens drei Zentimeter überragen“, erläutert der Schweriner Chirurg. Dessen ungeachtet sei es erfahrenen Operateuren möglich, auch wirklich große Netze minimal-invasiv einzubringen. „Das ist schonender für den Patienten, der anderenfalls eine riesige Wundfläche hätte“, erklärt Prof. Ritz.

Studien aus den USA legten nun allerdings nahe, dass es gar nicht erforderlich sei, jeden Narbenbruch zu operieren. Die US-Wissenschaftler hätten sich mit Leistenbrüchen beschäftigt und herausgefunden, dass tatsächlich nur sehr selten Eingeweide in dem Defekt in der Bauchwand eingeklemmt würden. „Die Wahrscheinlichkeit liegt bei 1 zu 120 Patientenjahren“, weiß der Schweriner Chirurg.

Eine Studie in Deutschland, an der Prof. Ritz in Zusammenarbeit mit der Charité als Studienleiter mitwirkt, soll jetzt klären, ob das Risiko bei nicht operierten Narbenbrüchen ähnlich gering ist. 34 Kliniken aus Deutschland seien zurzeit an der Studie beteiligt, aus Mecklenburg-Vorpommern außer den Schweriner Helios Kliniken auch noch das Rostocker Südstadtklinikum und die Uniklinik in Greifswald. Insgesamt 600 Patienten – je 300 mit operiertem und mit nicht operiertem Narbenbruch – werden über zwei Jahre engmaschig kontrolliert. Erfasst werden unter anderem Komplikationen, Schmerzen, eine Größenzunahme des Bruchs, aber auch die Patientenzufriedenheit und die Lebensqualität. „Sollten nicht operierte Patienten Schmerzen oder andere Probleme bekommen oder sollten sie sich einfach subjektiv nicht mehr wohl fühlen, können sie natürlich jederzeit wechseln und sich operieren lassen“, betont Prof. Ritz. Er ist davon überzeugt, dass sich durch diese Studie erstmals klären lässt, ob und welcher Patient mit einem Narbenbruch wirklich von einer Operation profitiert und wer besser ohne sie auskommt.

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