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Medizin und Gesundheit

14. Dezember 2017 | 03:45 Uhr

Gesundheit : Wenn die Haut Alarm funkt

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Eine Selbsthilfegruppe hat nicht für jeden Betroffenen Rezepte parat, kann aber für Ablenkung und damit Lebensfreude sorgen

svz.de von
erstellt am 08.Sep.2014 | 14:31 Uhr

Waschen ist ein Martyrium, Duschen eine Tortour: Kommt Edith Lehmann mit Wasser in Berührung, beginnt ihre Haut, wie Feuer zu brennen. Auch innerlich spürt sie dieses Feuer, Hitze schießt in ihr hoch, sie beginnt zu schwitzen – und alles wird noch schlimmer. „Ich hechle dann wie ein Hund, um mich irgendwie wieder abzukühlen“, erzählt die Schwerinerin. Bis der Schmerz wieder abebbt, würde sie hin und her laufen, oft eine Stunde oder noch länger. Trotzdem könne sie oft nicht anders, als sich „zu schubbern und zu scheuern“, weil es so unerträglich weh tut. Frühestens anderthalb, eher erst zwei Stunden nach dem Duschen fühle sie sich wieder so, dass sie unter Menschen gehen mag.

Die meisten Fremden glauben Edith Lehmann nicht, wenn sie ihre Beschwerden schildert, denn äußerlich sichtbar ist davon nichts. Selbst Ärzte – auch Hautärzte – wissen mit den Problemen der Rentnerin nichts anzufangen.

In der Selbsthilfegruppe Hauterkrankungen dagegen nimmt man sie ernst. Denn dort hat jeder sein Päckchen zu tragen. Und es gibt noch andere, denen auch nach jahrelangem Krankheitsverlauf niemand sagen konnte, woran genau sie leiden.

Eine von ihnen ist Annerose Zappe. Immer wieder werden bei ihr sichtbare und nicht sichtbare Körperpartien von dicken, juckenden Pusteln und Beulen überzogen – „Sie müssen sich das wie Akne vorstellen, nur noch viel, viel schlimmer“ versucht sie, ihre Erkrankung zu veranschaulichen. 13 verschiedene Hautärzte habe sie mittlerweile konsultiert, zweimal sei sie zur Kur gefahren – nichts und niemand konnte ihr helfen. Ihr früherer Arbeitgeber hielt sie so, wie sie auf dem Höhepunkt der Krankheitsschübe aussah, am Empfangsschalter nicht mehr für tragbar, verbannte sie in die Telefonzentrale. Dennoch nahm die Schwerinerin vor fünf Jahren all ihren Mut zusammen und suchte die Öffentlichkeit. „Ich dachte mir, wenn ich eine Selbsthilfegruppe gründe, dann treffe ich da auf Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie ich – und die vielleicht auch wissen, was bei Beschwerden wie meinen hilft.“

Eine Hoffnung, die sich nicht erfüllte. Dafür aber fand die Schwerinerin in der Gruppe etwas anderes: Freunde – und durch sie auch wieder Lebensfreude. „Wer zu uns kommt, sucht einfach Anschluss – möglicherweise hat sie oder er überhaupt keine anderen Kontakte mehr“, weiß Annerose Zappe. Denn Hautkrankheiten machen einsam – auch, weil viele Gesunde deutlich sichtbar von den Betroffenen abrücken würden. „Sie haben Angst, sich anzustecken, dabei sind nur zwei von 200 Hautkrankheiten tatsächlich ansteckend“, betont Werner Kühn, der zu den Gründungsmitgliedern der Selbsthilfegruppe gehört – so wie auch Edith Lehmann. Ihr Martyrium begann 2005 knapp ein Vierteljahr nach einer Schilddrüsen-Operation – „in meinen Augen muss es einen Zusammenhang geben, denn erst nach der OP gingen die Beschwerden los“.

Anfangs hatte Edith Lehmann sie auf das Duschbad geschoben – und zu einer anderen Sorte gegriffen. Doch es änderte sich nichts, ebenso wenig, als sie auf seifenfreie Präparate umstieg. Hautärzte, von denen die Schwerinerin inzwischen mehrere kennengelernt hat, versuchten ihr mit Salben und einer Lichttherapie zu helfen – alles vergeblich. Durch andere Mitglieder der Selbsthilfegruppe hat sie mittlerweile von einer auf Juckreiz spezialisierten Ambulanz in Münster gehört, noch weiß sie allerdings nicht, ob sie den Weg dorthin auf sich nehmen will.

Offiziell trifft sich die Gruppe einmal im Monat (jeweils am letzten Mittwoch um 17 Uhr). Längst nicht alle Mitglieder sind immer dabei, einige kommen nur sporadisch, andere über einen längeren Zeitraum regelmäßig, dann aber gar nicht mehr. Die gesundheitlichen Beschwerden sind bei den Treffen ein, aber lange nicht immer das dominierende Thema, betont Bruno Petrulat, der auch schon von Anfang an dabei ist. Wie die anderen Gruppenmitglieder schwärmt er von Radtouren, Ausflügen in die Dampfsauna oder eine Salzgrotte – und dem absolute n Höhepunkt, eine r gemeinsamen Übernachtung im Baumhaus im Schweriner Zoo.

Kontakt zur Schweriner sowie zu anderen Selbsthilfegruppen für Hauterkrankte über die Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen (KISS) unter Telefon 0385/3924333.

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