zur Navigation springen

Lesertelefon Alkohol : Trinkspiele hebeln Warnsystem aus

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Zahlreiche Leser nutzten gestern unsere Telefonaktion mit Beratern der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zum Thema Alkohol.

von
erstellt am 02.Mär.2017 | 05:00 Uhr

Mein Vater trinkt jeden Tag mindestens eine halbe Flasche Wodka und erklärt mir, dass das noch im normalen Rahmen ist. Das kann ich mir nicht vorstellen …
Dem ist auch nicht so. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt Menschen, die gesund leben wollen, bestimmte Alkohol-Grenzen einzuhalten. Die liegen für den gesunden, erwachsenen Mann bei 24 Gramm reinem Alkohol pro Tag, für die Frau bei 12 Gramm. 12 Gramm reiner Alkohol stecken zum Beispiel in einem Wodka (40 ml) oder in einem kleinen Glas Bier.

Ich trinke in der Woche überhaupt keinen Alkohol. Können es dann am Wochenende in geselliger Runde zwei, drei Flaschen Bier sein?
Wenn es nur Bier ist – und nicht weitere alkoholische Getränke dazu kommen – wäre bei einem gesunden Mann nichts dagegen zu sagen. Das verkraftet der Körper. Empfehlenswert ist, nach jedem Bier immer ein großes Glas Wasser oder eine Apfelschorle zu trinken. Der Flüssigkeitsbedarf wird so gestillt und man nimmt nicht zu viel Alkohol zu sich.

Wenn mein Sohn (42) betrunken ist, ruft er mich an, auch mitten in der Nacht. Das kommt sehr oft vor. Er hat durch den Alkohol schon seine Arbeit verloren. Ich habe ihm oft vorgeschlagen, eine Therapie zu machen. Er will absolut nicht. Aber ohne, dass er es will, funktioniert die Therapie doch nicht, oder?
Sie haben recht. Er muss die Therapie wollen. Ohne seinen Willen geht gar nichts. Das ist schwer zu ertragen. Um mit der Situation besser klar zu kommen, können Sie sich bei einer Familien- oder Frauenberatung Unterstützung holen. Auch Suchtberatungsstellen sind oft gute Ansprechpartner für Angehörige. Sagen Sie Ihrem Sohn ruhig, dass Sie sich beraten lassen. Eventuell ändert sich bei ihm etwas, wenn Sie aktiv werden. Ansonsten: Gehen Sie auf Distanz zu ihm. Verbitten Sie sich die Anrufe in der Nacht. Fruchtet das nicht, können Sie abends vielleicht Ihr Telefon abschalten.

Meine Großtante ist mit den Jahren leider zur Alkoholikerin geworden. Sie lebt allein, trinkt extrem viel, mindestens eine Flasche Schnaps pro Tag. Kürzlich ist sie volltrunken schwer gestürzt. Sie will aber nicht weg vom Alkohol. Weder Familie noch Freunde kommen an sie ran. Ich fürchte um ihr Leben. Was kann ich tun?
In dem Fall – bei dem akute Lebensgefahr besteht – können Sie sich mit dem sozialpsychiatrischen Dienst des Gesundheitsamtes in Verbindung setzen. Die Fachärzte, Psychologen Sozialarbeiter und Sozialpädagogen kommen bei Bedarf ins Haus und können vor Ort entscheiden, ob eine Einweisung in eine Klinik notwendig ist. Die Gespräche werden vertraulich behandelt.

Meine Schwester und ich sind echt gute Freundinnen. Aber wenn ich ihr sage, dass sie viel zu viel trinkt, dreht sie sich weg. Wie kann ich ihr helfen, weniger zu trinken?
Helfen kann man nur Menschen, die sich helfen lassen wollen. Ist sich Ihre Schwester des Alkoholmissbrauchs bewusst und will sie Hilfe annehmen, gibt es eine Menge Möglichkeiten. Aber offensichtlich ist Ihre Schwester noch nicht so weit, den Alkohol als Problem zu sehen. Halten Sie den guten Kontakt, sagen Sie ihr, was Sie beobachten, so konkret wie möglich und ohne Vorwurf. Versuchen Sie, in der Ich-Form zu sprechen.

Mein Mann meint, dass unser Sohn (17) sich ruhig hin und wieder betrinken kann. Das gehöre zum Erwachsenwerden dazu. Aber mich beunruhigt es. Wie sehen Sie das?
Insbesondere das Rausch-Trinken ist für Jugendliche gesundheitlich riskant, da der Reifungsprozess des zentralen Nervensystems bei ihnen noch nicht abgeschlossen ist. Wer in dieser Phase zu viel oder regelmäßig Alkohol konsumiert, kann im Hirn bleibende Schäden anrichten. Versuchen Sie, mit Ihrem Sohn darüber ins Gespräch zu kommen. Sagen Sie ihm, dass und warum Sie sich Sorgen machen.

Für mehr Informationen können Sie ihm das Internetportal der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung speziell für Jugendliche und junge Erwachsene unter www.kenn-dein-limit.info empfehlen.

Bei mir fing es mit einem Glas an, inzwischen sind es zwei, drei Gläser Kognak am Abend. Ich weiß eigentlich, dass das zu viel ist und nehme mir immer wieder vor, weniger zu trinken, schaffe es aber nicht …
Sie haben bereits viel erreicht – nämlich die Erkenntnis, dass Sie zu viel trinken. Wenn Sie die Reduktion allein nicht schaffen, können Sie Hilfe in Anspruch nehmen. Dann wird es leichter. Vereinbaren Sie dafür einen Termin bei Ihrem Hausarzt oder bei einer Suchtberatungsstelle. Genau wie Ärzte haben diese Beratungsstellen eine Schweigepflicht. Die Beratung ist kostenlos. Ich rate Ihnen, sich innerhalb der nächsten zwölf Stunden einen Termin zu holen. Wartet man zu lange, löst sich die schöne Motivation oft wieder in Luft auf.

Entgegen der landläufigen Meinung beraten die Suchtberatungsstellen nicht nur Alkoholabhängige, sondern auch Menschen, die ihren Konsum reduzieren möchten. Kontaktmöglichkeiten finden Sie im Internet unter www.bzga.de/service/beratungsstellen/suchtprobleme


Neulich bot ich meiner Enkelin, die im 6. Monat schwanger ist, ein kleines Glas Wein an. Sie fragte, ob ich denn nicht wüsste, dass das dem Kind schadet. Ist so ein Gläschen wirklich schon problematisch?
Ihre Enkelin verzichtet völlig zu Recht auf jeglichen Alkohol. Alkohol ist ein Zellgift. Er kann auch in kleinen Mengen die geistige und körperliche Entwicklung des Embryos in allen Phasen der Schwangerschaft behindern. Nach wie vor werden in Deutschland Babys mit so genannten fetalen Alkoholspektrum-Störungen geboren, weil werdende Mütter Alkohol getrunken haben. Im schlimmsten Fall sind betroffene Kinder ihr ganzes Leben lang auf Hilfe angewiesen. Leider wird Alkoholkonsum in der Schwangerschaft noch immer verharmlost. Bestärken Sie Ihre Enkelin darin, weiter keinen Alkohol zu trinken.

Bei einer Party habe ich zum ersten Mal bei Trinkspielen mitgemacht. Zuerst war es lustig, endete aber im totalen Chaos. Wie übersteht man solche Abende?

Wie Sie ja gesehen haben, geht es bei Trinkspielen darum, in kurzer Zeit möglichst viel Alkohol zu trinken. Nicht mehr Sie bestimmen die Menge, sondern die Regeln des Spiels. Es gibt nur eine Gegenwehr: Meiden Sie solche Spiele, wenn Sie nicht am Ende total abstürzen wollen. Trinkspiele sind auch deshalb so tückisch, weil der Alkohol seine volle Wirkung nicht sofort entfaltet. Entsprechend gefährlich ist es, in kurzer Zeit viel zu konsumieren – vor allem Hochprozentiges. Sie übertölpeln das Warnsystem Ihres Körpers und sind irgendwann sturzbetrunken.

Früher habe ich nur in Gesellschaft getrunken. Jetzt gieße ich mir abends immer ein, zwei Gläser Wein ein, um zu entspannen. Ist das noch in Ordnung?
Was die Menge betrifft, liegen Sie gerade noch im Limit. Zwei Tage in der Woche sollten Sie aber auf Ihre Gewohnheit verzichten, damit sich keine Sucht entwickelt. Sonst werden aus zwei Gläsern schnell drei oder mehr. Der Körper gewöhnt sich an den Alkohol. Und um immer wieder den gleichen Effekt zu erzielen, muss man die Dosis erhöhen. Bleiben Sie aufmerksam und legen Sie ruhig einmal eine Alkohol-Pause ein, um zu testen, ob das noch problemlos möglich ist. Der Zeitraum bis Ostersonntag wäre ja eine gute Gelegenheit …

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen