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Medizin und Gesundheit

19. November 2017 | 06:11 Uhr

Teuer und nutzlos?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

AOK-Studie: Jedem dritten Patienten werden „Individuelle Gesundheitsleistungen“ offeriert – Debatte über gesetzgeberische Korrekturen

Für Mediziner ist es ein lukratives Zusatzgeschäft: Jährlich werden jedem dritten Patienten individuelle Gesundheitsleistungen – kurz IGeL – angeboten. Experten warnen vor einem Abkassieren der Patienten. Eine neue AOK-Studie heizt die Debatte jetzt wieder an. „Die Befunde sind keine Überraschung, aber besorgniserregend. Viele Angebote haben keinen Nutzen, manche richten sogar Schaden an“, erklärte SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Hintergründe zum neuen Streit über IGeL-Zusatzleistungen beim Arzt von Rasmus Buchsteiner.

Was sind

IGeL-Leistungen?
Bei den Individuellen Gesundheitsleistungen handelt es sich um Untersuchungen und Behandlungen, die nicht zum Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung gehören und daher von den Versicherten aus eigener Tasche bezahlt werden müssen. Im Durchschnitt kosten diese Angebote 35 Euro, für manche Leistungen werden aber bis zu vierstellige Summen fällig. Laut AOK erzielen vor allem Gynäkologen, Augenärzte, Orthopäden, Urologen und Hautärzte so zusätzliche Einnahmen – im Jahr 2014 beliefen sie sich auf rund eine Milliarde Euro. Und:Diese Leistungen werden immer häufiger angeboten. Dabei geht es zum Beispiel um Selbstzahler-Behandlungen wie Akupunktur zur Migräneprophylaxe, Prostata-Vorsorge bei jungen Männern sowie Augen-Innendruckmessungen gegen den grünen Star. Aktuell berichten rund 33 Prozent der Patienten, in den letzten zwölf Monaten ein IGeL-Angebot von ihrem Arzt erhalten zu haben. 2001 lag der Anteil noch bei 8,3 Prozent.

Was sind die häufigsten

IGeL-Angebote?
Laut AOK-Studie sind die mit Abstand häufigsten Angebote Ultraschalluntersuchungen unter anderem zur Krebs-Früherkennung bei Frauen (24,8 Prozent) sowie Messungen zur Früherkennung beim grünen Star (17,6 Prozent). Rund 11 Prozent der Angebote entfallen auf Medikamente – zum Beispiel homöopathische Mittel.

Wie ist es um den

medizinischen Nutzen

bestellt?
Die Krankenkassen bezweifeln den Sinn vieler IGeL-Behandlungen. „Ganz abgesehen von seinem medizinischen Nutzen ist der IGeL-Selbstzahlermarkt kaum dazu geeignet, die Gesundheitsversorgung stärker am tatsächlichen Versorgungsbedarf der Patienten auszurichten“, kritisiert Jürgen Klauber, Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK. Versicherte können sich beim Medizinischen Dienst der Krankenkassen unter www.igel-monitor.de über den Nutzen einzelner Angebote informieren. Fragwürdige Leistungen werden dort mit der Bewertung „tendenziell negativ“ versehen. Beispiel: Die sogenannte „Hyperbare Sauerstofftherapie“ zur Hörsturz-Behandlung. Es lasse sich nicht erkennen, dass diese Therapie „den Hörsturz heilen kann oder ihn auch nur günstig beeinflusst“, so das Urteil der Experten.

Welche Rechte haben

Patienten bei

IGeL-Leistungen?
Gesetzlich vorgeschrieben ist eine schriftliche Leistungsvereinbarung zwischen Arzt und Patient. Außerdem muss eine Rechnung ausgestellt werden, die detailliert Aufschluss über Leistungsbestandteile und Preis gibt. Laut AOK gibt jeder zehnte Patient an, keine Rechnung erhalten zu haben.
Lediglich 44,5 Prozent berichten davon, dass es vor der Behandlung eine Leistungsvereinbarung gegeben habe.

Sieht die

Bundesregierung Reformbedarf?
Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann (CDU), kritisierte Ärzte, die nicht richtig über Sinn und Kosten von IGeL-Leistungen aufklärten. Oder die Patienten unter Druck setzten, diese zu akzeptieren. Das sei eine „Riesensauerei“, so Laumann. „Sollte sich gesetzgeberischer Korrekturbedarf zeigen, werden wir natürlich handeln.“ SPD-Fraktionsvize Lauterbach sieht ebenfalls Korrekturbedarf. „Das IGeL-Geschäft ist im Großen und Ganzen Abzocke. Die Ärzte werden zu Verkäufern degradiert.“ Die AOK-Studie gebe Anlass, die Zusatzleistungen auf den Prüfstand zu stellen. So sei der PSA-Test zur Prostata-Krebs-Früherkennung potenziell schädlich: „Ich werde das Thema in der Koalition auf die Tagesordnung setzen.“

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