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Medizin und Gesundheit

18. Dezember 2017 | 17:46 Uhr

Gesunde Orangen? : Süße Enttäuschung

vom
Aus der Onlineredaktion

Unsere Liebe zu Orangen hält schon über Jahrtausende. Aber sind sie wirklich so gesund? Studien kommen zu erstaunlichen Ergebnissen.

svz.de von
erstellt am 14.Jan.2017 | 16:00 Uhr

Zunächst die gute Botschaft: Orangen sind gesünder als Fleisch und Lebensmittel, die tierische Produkte enthalten. Obst und Gemüse sind für Ernährungsforscher klar die bessere Wahl. Das liegt vor allem an den Substanzen, die sie nicht enthalten: Cholesterol und Fett. Eine Studie, die 2010 im Journal „Nutrition Research“ veröffentlich worden ist, belegt sogar einen positiven Effekt auf die Blutfettwerte. Probanden, die über zwei Monate hinweg jeden Tag Orangensaft getrunken haben, senkten ihren Cholesterinspiegel. Aber die Sache mit den Blutfettwerten ist nicht der einzige Grund dafür, dass viele Ernährungsexperten Zitrusfrüchte empfehlen. Orangen, Zitronen und Co. enthalten bei einer relativ geringen Kaloriendichte (80 Kalorien pro Orange, 29 Kalorien pro Zitrone) viele Vitamine, Spurenelemente und sekundäre Pflanzenstoffe, von denen einige biologisch aktiv sein sollen – und zwar so, dass der Mensch gesund bleibt.

Vitamin C ist der Klassiker, der jedem sofort beim Begriff „Zitrusfrucht“ einfällt. Schließlich ist der Effekt, den die Ascorbinsäure auf die Seefahrer zu Cooks Zeiten hatte, kulturelles Gemeingut. Zuvor starben viele Matrosen am Skorbut, sobald sie aber Vitamin C in Form von Sauerkraut oder Zitrusfrüchten aufnahmen, war die Mangelerkrankung von den Schiffen gebannt.

Tatsächlich enthält eine mittelgroße Orange mit einem Gewicht von 150 Gramm 130 Prozent des von internationalen Ernährungsgesellschaften empfohlenen Tagesbedarfs an Vitamin C. Da heute allerdings auch auf Schiffen meist mehr als nur Schiffszwieback und Pökelfleisch gereicht wird – und die meisten Menschen sich einigermaßen ausgewogen ernähren –, kommt ein Vitamin-C-Mangel kaum noch vor. Ein leerer Vitamin-C-Speicher dient kaum noch als Begründung für eine Orangendiät.

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Vor einer Erkältung schützt Vitamin C übrigens nicht, wie mehrere internationale Studien ergeben haben. Wer bereits einen Schnupfen hat, kann die Dauer der Erkrankung möglicherweise leicht senken. Die Studienlage dazu ist allerdings nicht eindeutig. Manche Untersuchungen belegten eine Verkürzung der Schnupfendauer um maximal einen Tag.

Vitamine sind heutzutage ohnehin nicht mehr das Hauptargument dafür, mal wieder Orangen zu essen. Denn außer Vitamin C stecken kaum welche unter der Schale. Nur zwei Prozent des täglichen Vitamin-A-Bedarfs deckt man mit einer Orange – da empfiehlt es sich eher, Karotten, Kürbisse oder Aprikosen zu essen. Einem Kaliummangel kann man mit Orangen schon eher begegnen: Mit einer Orange nimmt man rund 250 Milligramm Kalium auf – mit acht Orangen erreicht man den täglichen Mindestbedarf von zwei Gramm.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsforschung (DGE) stellt positiv heraus, dass Orangen das „Ernährungsprofil positiv beeinflussen“. Anders ausgedrückt: Wer sich den Magen mit Orangen füllt, der ist erst einmal satt und isst keine ungesunden Lebensmittel. 200 bis 250 Gramm Obst und 400 Gramm Gemüse am Tag sind die aktuellen Empfehlungen in Deutschland.

Übrigens sollte man Orangen nicht zu ordentlich schälen oder filetieren. Denn in der weißen „Haut“ stecken relativ viele sekundäre Pflanzenstoffe wie Flavonoide, Carotinoide, Phenolsäuren und Terpene. Zudem sind diese Häutchen Ballaststoffe. Diese helfen offenbar bei Diabetikern vom Typ 1, die Blutzuckerwerte zu regulieren. Darum verleiht die Amerikanische Diabetes-Gesellschaft Zitrusfrüchten auch den Titel „Superfood“.

Vor gut einem Jahr haben Wissenschaftler der Universität Hohenheim allerdings eine erstaunliche Erkenntnis veröffentlicht. Sie wollten wissen, ob eine Orange als Frucht oder als frisch gepresster Fruchtsaft gesünder ist. Im Labor hatte sich wiederholt gezeigt, dass Carotinoide aus Fruchtsaft besser von Mäusen aufgenommen werden als aus dem Fruchtfleisch. In einem Test mit menschlichen Probanden untersuchten die Wissenschaftler, ob dies auch für Menschen gilt. Es zeigte sich, dass die Probanden tatsächlich doppelt so viele Carotinoide aus pasteurisiertem Orangensaft aufnahmen wie aus einer Orange. Wer pasteurisierten Fruchtsaft mit Fruchtfleisch trinkt, bekommt dann auch noch Ballaststoffe.

Es gibt auch Wissenschaftler, die explizit zum Verzehr der gesamten Schale raten. Wenn man Bio-Orangen nimmt und diese vor dem Essen mit heißem Wasser gut wäscht, bestehe keine Gefahr. In der Schale, so die Argumentation, sind viele Flavonoide enthalten. Dass diese Substanzen, wenn man sie in Form von Orangenschalen isst, tatsächlich vom Körper aufgenommen und als Schutz für die Zellen genutzt werden, ist längst nicht eindeutig bewiesen. Wer sicher gehen möchte, dass die Orangen tatsächlich unbehandelt sind, sollte Früchte nehmen, die nicht knallorange, sondern eher gelblich oder auch grünlich aussehen. Je schöner, desto größer die Gefahr, dass die Orangen mit chemischen Substanzen behandelt wurden.

Und auch bei Orangen gilt der Grundsatz: Die Dosis macht das Gift. Wer zu viele Zitrusfrüchte isst, kann wegen des hohen Ballaststoff- und Vitamin-C-Gehalts Verdauungsprobleme bekommen. Menschen, die zu Sodbrennen neigen, sollten die sauren Früchte auch nicht zu häufig essen.

Experten warnen Menschen, die Betablocker einnehmen, vor einem übermäßigen Orangen- und Zitronenkonsum. Die Medikamente erhöhen den Kalium-Gehalt im Blut. Wenn ein Patient dann noch zusätzlich Früchte isst, die Kalium enthalten, kann die Konzentration des Mineralstoffs deutlich steigen. Normalerweise wird er über die Nieren aus dem Blut entfernt. Häufig haben aber gerade Menschen mit hohem Blutdruck oder Herzschwäche auch ein Nierenproblem. So können Betablocker in Kombination mit Zitrusfrüchten schädlich sein.

Zitrusfrüchte wie Orangen sind also generell gesund – aber bestimmt kein Superfood, das vor allen Krankheiten schützt. Eine Apfelsine am Tag wird den Doktor auch nicht fernhalten können. Und wer Orangenduft als beruhigend empfindet, sollte ein Experiment im Hinterkopf behalten, das Forscher der Universitäten von Sankt Gallen und Washington bereits vor vier Jahren durchgeführt haben. Sie sprühten in einem Geschäft für Inneneinrichtung zwei verschiedene Düfte aus. Der eine war ein reiner Orangenduft, der andere ein Gemisch aus Orange, Basilikum und grünem Tee. Dann untersuchten sie, welcher Duft mehr Geld in die Kasse des Geschäfts spülte. Es war der reine Orangenduft: Im Schnitt gaben Käufer unter seinem Einfluss 57 Schweizer Franken aus, der Kombigeruch führte zu Ausgaben von 43 Franken und die Kontrollgruppe, die ohne Zusatzgeruch shoppen durfte gab 46 aus. Orangenduft verführt zum Kauf. Oder, anders ausgedrückt: Der Duft von Orangen macht uns entspannt und großzügig.

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