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Medizin und Gesundheit

23. November 2017 | 01:16 Uhr

Stromstöße kontra Bauchspeicheldrüsenkrebs

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Stralsunder Tumor-Experte Prof. Dr. Matthias Birth wendet deutschlandweit als Erster neue Methode an

svz.de von
erstellt am 11.Mai.2015 | 14:30 Uhr

Das Helios-Hanseklinikum Stralsund sorgt deutschlandweit für Aufsehen. Als erste in Deutschland wendet die Klinik eine neuartige Methode bei Bauchspeicheldrüsenkrebs im fortgeschrittenen Stadium an. Irreversible Elektroporation (IRE) mit Nanoknife heißt das Verfahren, das Prof. Dr. Matthias Birth, Ärztlicher Direktor des Klinikums und Chefarzt der Chirurgie, seit Januar bei nicht zu operierenden Pankreaskarzinomen einsetzt. Mit kurzen und für den Laien unvorstellbar mehr als 1000 Volt starken Stromstößen werden bei dieser Methode die Krebszellen während der Operation abgetötet. Der Tumor, der nicht mehr operiert werden kann, weil z.B. der Kontakt zu den lebenswichtigen Leber- und Darmschlagadern zu eng ist, wird zerstört.

Elektroden, ungefähr so groß wie Stopfnadeln, mit aktiven Spitzen platziert Prof. Birth dabei um und im Tumor. Sie geben die Stromstöße pulsartig ab, durchlöchern die Membran der Tumorzellen und lassen sie absterben. Die Zellreste entsorgt der Körper selbstständig. Neu und das Besondere an dieser Technik ist, dass Nerven, Blutgefäße und gesunde Zellen im und in der Nähe des Tumors verschont werden. „Die Bindegewebsstrukturen der Gefäße bleiben bestehen. Dadurch kann sich die innere Auskleidung neu bilden, sensible Nachbarorgane werden erhalten und können weiter durchblutet werden“, erläutert der Professor. Das sei der entscheidende Unterschied zu allen anderen Techniken, bei denen Tumoren mit Wärme, Strahlen oder Kälte zerstört werden. Vor der Operation bekommt der Patient allerdings noch eine Chemotherapie.


Immer auf der Suche nach Innovationen


Dass dieses innovative Verfahren in Deutschland gerade in Stralsund von Prof. Matthias Birth und nicht in einer der etablierten Uni-Kliniken angewendet wird, ist beileibe kein Zufall. Sondern es entspricht dem Anspruch des 50-jährigen gebürtigen Stralsunders. Der nutzte nach seinem an der Uni Greifswald mit Auszeichnung abgeschlossenen Medizin-Studium nach der Wende alle Möglichkeiten seines Traumberufs, um seine ärztlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten zu vervollkommnen. So hospitierte Birth z.B. Mitte der 1990er-Jahre in mehreren Kliniken in den USA. Von 1998 bis 2004 wurde aus dem Assistenzarzt an der Chirurgischen Klinik der Medizinischen Universität Lübeck der Chef des Transplantationszentrums.

Weltweit machte sich der anerkannte Spezialist in der Leberchirurgie und der minimal-invasiven Tumorentfernung einen Namen, als er als Erster eine navigierte Leberresektion ausführte.

„Das, was ich mache, will ich so gut realisieren wie es nur möglich ist und den Patienten anbieten. Dafür reise ich um die Welt und bin z.B. bei vielen Kongressen. Außerdem studiere ich viele Publikationen. Da ist es dann auch nicht wichtig, ob man an einer Uni-Klinik arbeitet oder so wie ich seit 2004 in meiner Heimatstadt. Es zählt nur die Entscheidung, es zu tun“, erklärt der Tumorspezialist.

Birth hilft aber auch, dass er immer versucht, sich in die Lage der Patienten zu versetzen, die die Krebsdiagnose erhalten und dann sogar erfahren, dass eine Operation bzw. Entfernung des Tumors nicht möglich ist. „Das ist eine dramatische Situation, die das Leben von einem Moment auf den anderen total verändert und nichts mehr so sein lässt, wie es vorher einmal war“, schildert der Professor. Sein Herangehen erklärt er auch mit dem Krebs-Tod seines Vaters vor sechs Jahren, dem selbst er nicht mehr helfen konnte.


Ein Zeichen
der Hoffnung setzen


Besonders trifft das auf den Bauchspeicheldrüsenkrebs zu, der die schlechtesten Prognosen für ein Besiegen der Krankheit hat. „Dazu kommt, dass es bei diesem Karzinom in den vergangenen zehn Jahren nur ganz kleine Fortschritte in der Behandlung gegeben hat, die einen Arzt wie mich einfach nicht befriedigen können“, betont Matthias Birth weiter.

Für den Spezialisten war das die Herausforderung, nach etwas zu suchen, um hier ein Zeichen der Hoffnung zu setzen. Fündig wurde er in dem Land, in dem es nach seiner Meinung die größten Innovationsmöglichkeiten in der Medizin gibt. So beobachtete er monatelang die Arbeit von amerikanischen Kollegen in der Universität Louisville in Kentucky, die mit der IRE-Methode inzwischen rund 100 Patienten an der Bauchspeicheldrüse operiert haben. Abwarten, bis dieses Verfahren vielleicht in Deutschland offiziell zugelassen und verfügbar ist, wollte er aber nicht. Matthias Birth telefonierte deshalb darüber hinaus mit Ärzten in renommierten Kliniken in London, Uppsala und Zürich, in denen die Methode bereits in Europa angewendet wurde. „Außerdem habe ich mir Operationsvideos angesehen. Da wurde mir schnell klar, dass das mein Kompetenzbereich ist“, erinnert er sich.

Birth informierte sich darauf hin noch intensiver, sprach mit dem amerikanischen Hersteller, der das Verfahren 2006 einführte, und unterhielt sich mit Produktspezialisten. Danach kam der Zeitpunkt, dass sich der Ärztliche Direktor an den Stralsunder Geschäftsführer des Helios-Hanseklinikums wandte, mit dem IRE-Verfahren operieren zu dürfen. Ein entscheidender Moment, geht es doch bei der Methode darum, viel Geld in die Hand zu nehmen. Birth fiel ein Stein vom Herzen, als er grünes Licht bekam. „Ich bin der Geschäftsführung dankbar, dass sie für diese Operationsmethode hier in Stralsund trotz des großen Kostendrucks die Weichen gestellt und auch die Gespräche mit den Krankenkassen aufgenommen hat.“ Denn für Matthias Birth war und ist eines wichtig: „Solch eine Operation darf nicht nur für Menschen möglich sein, die sich das geldlich leisten können.“

In der vergangenen Woche hat der Professor das dritte Mal mit dem Gerät operiert. Das wird immer eigens aus London eingeflogen. Ein Techniker baut es auf und ein Produktspezialist übernimmt die Einstellung. Dann ist der Professor am Zuge.

Zwölf Patienten wurden in Stralsund mittlerweile mit der Methode operiert. „Natürlich können wir mit ihr nicht immer Wunder vollbringen. Aber ich denke, dass sich mit dem IRE-Verfahren die Prognosen auch für ein längeres Überleben der Patienten deutlich verbessern“, ist der Professor überzeugt. Nach ersten Kontrollen von Patienten nach dem Eingriff fühlt sich Matthias Birth bestätigt. Endgültigen Aufschluss könne aber erst eine engmaschige Kontrolle ergeben. Birth: „Es geht um ständige und regelmäßige Untersuchungen und das genaue Erfassen aller Daten. Das wird im engen Kontakt mit den Patienten geschehen.“ Besonders baut der Experte auf eine Kollegin, für die diese Studie als Doktor-Thema vergeben wird. „In einem Jahr, denke ich, können die ersten belastbaren Ergebnisse vorgelegt werden“, ist der Stralsunder zwar nicht euphorisch, aber optimistisch.




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