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Medizin und Gesundheit

19. November 2017 | 07:54 Uhr

Trampolinspringen : Spaß mit Nebenwirkungen

vom
Aus der Onlineredaktion

Trampolinspringen ist beliebt wie nie. Doch Ärzte warnen vor den Gefahren des Hüpfspaßes. Übertreiben sie?

svz.de von
erstellt am 02.Sep.2017 | 16:00 Uhr

Julius und seine Familie waren gerade im Urlaub auf Föhr angekommen, als es passierte: Der Zwölfjährige ging mit seinem Freund auf das Trampolin eines Campingplatzes und versuchte einen Handstand-Überschlag. Im nächsten Moment lag er „wie ein Fisch auf dem Bauch und konnte sich nicht umdrehen“, erzählt seine Mutter Bettina Eichmeier-Harksen.

Die Diagnose: beide Unterarmknochen waren gebrochen, der gesamte Kapsel-Bänder-Apparat im Ellenbogen war gerissen. Julius wurde operiert, doch das Schlimmste begann erst danach: „Er konnte gar nichts“, erinnert sich seine Mutter. „Wir mussten ihm bei allem helfen: essen, auf Toilette gehen, an der Nase kratzen.“ Erst nach vielen Wochen konnte er seine Arme wieder richtig benutzen, immer noch hat er Probleme, den rechten Arm zu drehen. „Das Defizit wird wohl bleiben“, glaubt Bettina Eichmeier-Harksen.

Trampolinunfälle wie die von Julius sind nicht ungewöhnlich. „Die Zahl der Verunglückten steigt von Jahr zu Jahr“, sagt Dr. Christopher Spering, Unfallchirurg der Uniklinik Göttingen. „Trampolinspringen ist uns schon ein Dorn im Auge. Wir haben das Gefühl, dass unterschätzt wird, was passieren kann“, meint auch Prof. Dr. Andreas Seekamp, Direktor der Klinik für Unfallchirurgie in Kiel.

In einer viel beachteten Pressemitteilung machte die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) kürzlich auf die Gefahren des Freizeitspaßes aufmerksam. „Das Trampolin ist ein Sport- und kein Spielgerät“, warnt darin der DGOU-Generalsekretär. Eine bayerische Studie zeigt, dass sich die Zahl der Trampolinunfälle bei Kindern zwischen 2002 und 2010 mehr als verdreifacht hat. Und eine Untersuchung der Uniklinik Göttingen belegt zwischen 2010 und 2015 einen jährlichen Anstieg der Unfälle um drei Prozent. „Wir behandeln rund 80 Kinder und Jugendliche pro Trampolinsaison. Jeden Tag kommen ein bis zwei mit ernsthaften Verletzungen zu uns“, erklärt Spering. „Das sind mehr als nach Radunfällen.“

Bedenken muss man dabei nicht nur, wie oft, sondern auch, wie gravierend sich die Kleinen verletzen – denn rund 28 Prozent der Verletzungen sind laut der Studie aus Bayern schwer. Deren Autoren bezeichnen daher Trampolinspringen als „Hochrisikosport“.

Am häufigsten brechen sich die jungen Hüpfer den Unterarm – „meistens müssen wir operieren“, so Seekamp. Zudem gibt es oft Kopfplatzwunden, Handgelenks- und Unterschenkelbrüche, Gehirnerschütterungen und verstauchte Sprunggelenke. Auch schwere Halswirbelsäulenverrenkungen kommen immer wieder vor, vereinzelt berichten Ärzte gar von Lähmungen. Ältere Kinder ab 13 Jahren verletzen sich seltener, aber schwerer. „Sie bringen sich an die Leistungsgrenze und machen waghalsige Sprünge“, erklärt Spering. Erst kürzlich kam ein Jugendlicher zu ihm, dem ein Salto missglückt war – er war auf dem Gesicht gelandet und hatte sich massiv an der Halswirbelsäule verletzt. „Er hat Glück, dass er nicht querschnittsgelähmt ist“, so Spering.

Die Verletzungen kommen nicht von ungefähr: Auf dem beliebten Sprunggerät katapultieren sich seine Nutzer rasant meterhoch in die Luft – und verlieren dabei schnell die Kontrolle. Weil sie motorisch noch nicht so fit, die Knochen recht weich und ihre Gelenke instabil sind, sind Kleinkinder besonders gefährdet. „Kinder ermüden auch schneller. Aber sie interpretieren ihre Ermüdungszeichen nicht“, weiß Christopher Spering. Sprich: Die Konzentration schwindet, doch weil es so viel Spaß macht, hüpfen die Lütten fröhlich weiter – und landen schnell mal unkontrolliert auf oder gar neben dem Sprungtuch.

Besonders gefährlich wird es, wenn mehrere gleichzeitig hüpfen. „Jedes Kind hat einen anderen Sprungrhythmus. Springen zwei Kinder gemeinsam, führt das fast zwangsläufig zu unkontrollierten Sprüngen oder Zusammenstößen“, sagt Spering. Sei ein Kind kleiner und leichter als das andere, werde es noch riskanter: Denn durch den Gewichtsunterschied entsteht ein Energietransfer, der „das leichtere Kind mitunter unkontrolliert durch die Luft fliegen lässt.“ Davon kann Seekamp ein Lied singen: Besonders „Hüpfburgen sind für uns ein Graus, wenn viele Kinder jeden Alters auf- und gegeneinanderspringen“, sagt er.

Ungefährlich war Trampolinspringen noch nie. Aber es war auch noch nie so populär. Denn der Anstieg der Unfallzahlen hat natürlich vor allem mit einem zu tun: Das Hüpfgerät ist in Mode. Wer durch ein Neubaugebiet auf dem Land mit vielen jungen Familien fährt, sieht in jedem zweiten Garten ein großes blaues Sprungtuch stehen. Der Boom bei Gartentrampolins habe vor etwa 15 Jahren eingesetzt, berichtet Sven Esslinger, der die zumeist in China gefertigten Geräte mit seiner Firma seit 2002 vertreibt. Die Verkaufszahlen seien innerhalb weniger Jahre um das 25-Fache nach oben geschnellt und hätten sich mittlerweile auf hohem Niveau eingependelt. Hinzu kommt ein weiterer Trend der letzten Jahre, den zum Teil schon städtische Krankenhäuser zu spüren bekommen: Trampolinhallen, die in immer neuen Orten eröffnen.

Aber sind die Verletzungszahlen auf dem Freizeitgerät angesichts seiner starken Nutzung wirklich so gewaltig? Wie groß die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls in Relation zur Sprungdauer ist, kann niemand sagen. Aber „Verletzungen auf einem Trampolin sind im Vergleich zu anderen Spielgeräten wie einer Schaukel häufig und schwer“, betont Seekamp.

Laut Robert-Koch-Institut ist das Trampolin für vier Prozent aller Unfälle bei den Drei- bis Sechsjährigen verantwortlich – das entspricht fast der Hälfte in der Kategorie „Sportausrüstung / Freizeitgerät“. „Was uns überrascht, ist auch die Schwere der Verletzungen“, so Seekamp. Selbst die Läsionen im Kleindkindalter seien zum Teil „ziemlich heftig“, bestätigt Spering.

Dabei ist der Sport – das darf man über all den Schreckensmeldungen nicht vergessen – grundsätzlich sehr gesund. „Das Trampolin ist ein positives und kein negatives Trainingsgerät“, betont Prof. Dr. Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule in Köln. Trampolinspringen sei „ein tolles Ganzkörpertraining der motorischen Fähigkeiten und Fertigkeiten: Es stärkt Ausdauer, Kraft, Koordination, Gleichgewichtssinn und Beweglichkeit.“ Doch das ist nicht alles: Herz-Kreislauf-System, Rückenmuskulatur, Wirbelsäule, Bandscheiben, Knochenwachstum – die Springerei wirkt sich praktisch auf den ganzen Körper positiv aus. „Auch die Psyche profitiert“, so Froböse. Durch das Hüpfen werden Glückshormone freigesetzt, die für gute Laune und weniger Stress sorgen.

All das bestreiten die Unfallchirurgen nicht. „Trampolinspringen ist gesund“, betont auch Spering. Und während in den USA Trampoline noch stärker in der Kritik stehen und Ärzte gar fordern, sie für den Privatgebrauch zu verbieten, sagt der Mediziner: „Wir wollen kein Verbot. Es ist ja gut, wenn Kinder rausgehen und sich bewegen, statt vor dem Computer zu sitzen.“ Nur eben nach den richtigen Regeln.

Eine der wichtigsten: Nur einer allein darf rauf. So gehen etwa drei Viertel aller Trampolin-Verletzungen darauf zurück, dass mehrere Kinder gleichzeitig gesprungen sind. Außerdem raten Ärzte, Kinder nicht vor dem Schulalter hüpfen zu lassen. „Bei kleinen Kindern ist die Wurfkraft unverhältnismäßig stark gegenüber ihrem geringen Gewicht – sie sind damit besonders verletzungsgefährdet“, heißt es in der Pressemitteilung der DGOU.

Julius, inzwischen 14, geht seit seinem Unfall im Urlaub nicht mehr aufs Trampolin. „Das ist für ihn gegessen“, sagt seine Mutter. „Das war richtig Mist.“ Überraschend kam noch dazu: Der Junge war zuvor jahrelang im heimischen Garten gehüpft, „ohne dass jemals etwas passiert ist“.

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