Grenzen durch Berufsordnung : So wollen Ärzte die Telemedizin in Deutschland ausbauen

Nicht immer ist ein Besuch im Behandlungszimmer erforderlich. Manchmal tut es auch ein Videochat. Doch viele Ärzte verzichten noch auf diesen Service. /dpa
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Nicht immer ist ein Besuch im Behandlungszimmer erforderlich. Manchmal tut es auch ein Videochat. Doch viele Ärzte verzichten noch auf diesen Service. /dpa

Durch technische Mittel muss ein Arzt heute nicht unbedingt vor Ort sein, um eine Diagnose stellen zu können.

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04. April 2018, 00:00 Uhr

Telemedizin soll Behandlungen aus der Ferne vereinfachen. Weil sie nicht überall genutzt werden darf, soll nun eine jahrzehntealte Regel geändert werden. Die Diagnose bespricht der Arzt am Telefon oder per Videokonferenz, Rezepte bekommt der Patient ohne Wartezimmeraufenthalt: Mediziner wollen die Telemedizin in Deutschland weiter ausbauen. Technisch ist schon einiges möglich und wird in über 200 bei der Bundesärztekammer gelisteten Modellprojekte praktiziert.

So helfen Oldenburger Spezialisten Sanitätern bei Notfällen auf Windparks in der Nordsee per Videoschalte, in Schleswig-Holstein werden Blutzuckerwerte von Kindern per Videokonferenz an die Unikliniken nach Kiel oder Lübeck weitergeleitet. Radiologen aus Schwerin empfangen Bilder von Computertomografien aus ländlichen Regionen ohne Spezialisten und stellen Diagnosen. Ärzte der Medizinischen Hochschule Hannover erhalten regelmäßig von Herzschrittmachern ihrer Patienten Daten, woran sie aus der Ferne frühzeitig mögliche Probleme erkennen können.

Fernbehandlungsverbot schränkt Telemedizin ein – Kommt die Liberalisierung?

Gleichzeitig bremst ein jahrzehntealter Paragraf den Ausbau der telemedizinischen Versorgung aus. Die Berufsordnung für Ärzte untersagt die Fernbehandlung. Auch bei telemedizinischen Verfahren sei zu gewährleisten, dass ein Arzt den Patienten unmittelbar behandelt, heißt es dort. Seit April 2017 dürfen Ärzte Videosprechstunden zwar anbieten, jedoch nur wenn sie den Patienten bereits in ihrer Praxis behandelt haben und seinen Gesundheitszustand kennen. Dadurch können Kontrollbesuche wegfallen, eine Erstuntersuchung ist auf dem Wege noch nicht erlaubt.

Die Bundesärztekammer will beim nächsten Deutschen Ärztetag das sogenannte Fernbehandlungsverbot entsprechend auflockern. Sprechstunden aus der Ferne sollen dann auch beim Erstkontakt per Videokonferenz oder Telefon möglich sein. Das soll vor allem ärztliche Beratungsangebote entlasten, bei denen der Arzt den Patient nicht treffen muss. So können etwa ländliche Regionen mit wenig niedergelassenen Ärzten versorgt werden. (Weiterlesen: So läuft das Projekt „Telearzt“ im Kreis Osnabrück)

Nur sinnvoll, wenn kein Arztbesuch nötig ist

„Es geht weniger um eine abschließende Behandlung, als vielmehr um eine Ersteinschätzung, wie dringend ein Arztbesuch ist und wo der Arztbesuch stattfinden soll“, sagt Franz Joseph Bartmann, Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein und Vorsitzender des Telematik-Ausschusses der Bundesärztekammer im Gespräch mit unserer Redaktion.

Bei einer erkennbar schwereren Krankheit führe so ein Austausch meist zu dem Rat, eine entsprechende Praxis aufzusuchen. „Aber man weiß dann auch genau welche.“ Sobald ein Arzt den Eindruck habe, er könne etwas übersehen, müsse er den Patienten in eine Praxis schicken, sagt Bartmann. Telemedizin sei nur dann wirklich sinnvoll, wenn kein Arztbesuch erforderlich ist.

Rahmenbedingungen stehen aus

In Baden-Württemberg hat die Landesärztekammer schon zwei Modellprojekte genehmigt, mit denen Ärzte auch unbekannte Patienten online beraten dürfen. Ein Startup vermittelt über eine App Videosprechstunden bei mehr als 200 Ärzten.

Telemedizin schon heute vielfältig einsetzen. Um sie zu etablieren müssen aber weitere Rahmenvoraussetzungen geschaffen werden. Etwa in Sachen Recht, Datenschutz oder schnellem Internet. Bedenken seitens der Ärzte gibt es auch bei der Honorierung der Fernbehandlung. Die Mediziner erhielten eine geringere Vergütung für die Sprechstunde per Videochat behandeln, müssen aber gleichzeitig eine teure datenschutzsichere Software anschaffen.

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