Tabletten : So rutschen Pillen leichter

Jeder Zweite, der Probleme  mit dem Schlucken von Medikamenten hat, nimmt sie von vornherein gar nicht ein.
Jeder Zweite, der Probleme mit dem Schlucken von Medikamenten hat, nimmt sie von vornherein gar nicht ein.

Etwa ein Drittel der Menschen hat Schwierigkeiten, Medikamente zu schlucken / Zwei einfache Tricks können ihnen helfen

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13. April 2015, 23:31 Uhr

Fast jeder muss irgendwann einmal oder sogar regelmäßig Medikamente einnehmen. Doch jeder Dritte hat Probleme beim Schlucken von Tabletten und Kapseln. Die Tablette bleibt am Gaumen kleben, die Kapsel will erst gar nicht im Rachen verschwinden. Oder sie bleibt einem förmlich im Hals stecken.

„Viele Medizinerinnen und Mediziner unterschätzen, wie viele Menschen Probleme bei der Einnahme von Medikamenten haben“, sagt Professor Dr. Walter Haefeli. Eine Studie mit über 1000 Patientinnen und Patienten in allgemeinmedizinischen Praxen in Baden-Württemberg hat Ende 2012 allerdings ergeben: Mehr als die Hälfte der Menschen, die Probleme beim Schlucken von Tabletten haben, nehmen deshalb weniger als die ihnen verordnete Anzahl ein. Und sogar jeder Zehnte nimmt deshalb seine Medikamente gar nicht erst ein. Das kann Komplikationen verursachen und den Gesundheitszustand verschlechtern.

„Es gilt also Wege zu finden, den Betroffenen zu helfen“, so Haefeli. Der ärztliche Direktor der Abteilung für Klinische Pharmakologie und Pharmakoepidemiologie an der Uniklinik Heidelberg machte sich mit seinem Team auf die Suche nach Techniken, die sich als Schluckhilfe eignen könnten.

Dabei erschien es ihnen als sinnvoll, zwei verschiedene Techniken zu erproben. Eine Technik, um das Schlucken von Tabletten zu erleichtern, und eine zweite für Kapseln. „Warum dieser Unterschied nötig ist? Kapseln sind – anders als Tabletten – in der Regel zur Hälfte mit Luft gefüllt. Sie sind deshalb leichter als Wasser und schwimmen auf der Flüssigkeit. Während Tabletten dichter sind und zum Absinken neigen. Man braucht deshalb verschiedene Schlucktechniken“, erklärt Haefeli. Mit 151 freiwilligen Personen – ungefähr die Hälfte davon mit Schwierigkeiten beim Schlucken von Medikamenten – testeten die Forscherinnen und Forscher kürzlich, ob die beiden Techniken tatsächlich das Einnehmen erleichtern.


„Flaschen-Trick“ für Tabletten


Bei der Einnahme großer Tabletten hilft der „Flaschen-Trick“. Hierbei kommt es darauf an, eine flexible Plastikflasche mit nicht zu enger Öffnung zu verwenden, aus der das Wasser gut eingesaugt werden kann. Die Tablette wird auf die Zunge gelegt, die Lippen dicht um die Flaschenöffnung geschlossen. Nun wird ein kräftiger Schluck stilles Wasser eingesogen und in einem Zug mitsamt Tablette geschluckt. Der Kopf darf dabei leicht nach hinten geneigt sein. Die Kunststoffflasche muss sich beim Trinken zusammenziehen. Die Tablette folgt so der Schwerkraft zum Zungengrund und wird beim Schlucken mitgespült.


„Nick-Trick“ für Kapseln


Die zweite Technik ist der „Nick-Trick“. Er eignet sich für Kapseln. Auch hier wird die Kapsel auf die Zunge gelegt und ein Schluck Wasser aufgenommen, allerdings ohne ihn sofort hinunterzuschlucken. Nun neigt man den Kopf nach vorne, Kinn Richtung Brust. In dieser Position wird geschluckt. „Diese Technik eignet sich ausschließlich für luftgefüllte Kapseln. Bei geneigtem Kopf steigen diese auf in Richtung des jetzt höher liegenden Rachens und lassen sich so leichter schlucken“, erklärt Haefeli.

Mit dem „Flaschen-Trick“ fiel zwei Dritteln der Teilnehmer einer vom Bundesforschungsministerium geförderten Studien das Schlucken großer Tabletten deutlich leichter als vorher. Dank des „Nick-Tricks“ hatte sogar keiner der Probanden mehr Probleme, große Kapseln zu schlucken.

„Insgesamt sind die Tricks trivial und einfach umsetzbar. Das Hauptproblem ist, dass sie nicht bekannt sind und bislang nicht wissenschaftlich evaluiert wurden“, sagt Prof. Haefeli. Auch würden Probleme beim Tabletteneinnehmen in den Arztpraxen noch zu wenig thematisiert. „Es lohnt sich, als Arzt einmal nachzufragen. Haben Patienten Probleme, gibt es häufig auch die Möglichkeit, auf eine andere Medikamentenmarke mit kleineren oder anders geformten Pillen auszuweichen. Auch das kann Patienten schon helfen.“

Derzeit wertet das Team um Haefeli eine Schluckstudie bei Menschen nach einem Hirnschlag aus. „Denn wir können nicht automatisch davon ausgehen, dass diese Techniken auch bei gelähmten Patienten praktikabel und sicher sind.“

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