zur Navigation springen

Fragen & Antworten : Sinnloses Babyfernsehen als großes Geschäft

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Was sind eigentlich Igel-Leistungen? Haben Sie wirklich einen medizinischen Nutzen? Wir beantworten die wichtigsten Fragen

Man sieht das Näschen, die Arme, die Hände und den Mund, wie er sich öffnet und schließt – per Babyfernsehen können Eltern den Fötus im Mutterleib beobachten. Viele lassen sich davon berühren. Doch bringt der Ultraschall mit der räumlichen Abbildung auch medizinisch etwas? Es ist die bisher letzte der vielen Selbstzahler-Leistungen, die der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDS) überprüft hat. Das Ergebnis ist so negativ wie bei fast allen dieser Angebote: Einen erkennbaren Nutzen attestieren die Kassenprüfer der Methode nicht.

Für Mediziner ist es ein lukratives Zusatzgeschäft: Den meisten Patienten in Deutschland werden sogenannte individuelle Gesundheitsleistungen (Igel) angeboten. Experten warnen vor Abkassieren. Laut einer Untersuchung des MDS, die gestern in Berlin vorgestellt wurde (Igel-Monitor), nimmt gut jeder zweite Patient Selbstzahlerleistungen an. Der Markt mit den kostenpflichtigen Leistungen boomt. Aber, drei Viertel der Patienten fühlen sich nicht über Nutzen und mögliche Risiken der Untersuchungen aufgeklärt. „Für manche Facharztgruppe ist das Igeln zum Volkssport geworden. Die Arztpraxis wird zum Verkaufsraum“, warnt MDS-Geschäftsführer Peter Pick. Teuer und nutzlos? Hintergründe von Larissa Koch.

Was sind eigentlich Igel-Leistungen?

Bei den Individuellen Gesundheitsleistungen handelt es sich um Untersuchungen und Behandlungen, die nicht zum Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung gehören und daher von den Versicherten aus eigener Tasche bezahlt werden müssen. Die Kosten für die Zusatzleistungen sind sehr unterschiedlich, denn die Ärzte können variable Sätze abrechnen. Laut MDS erzielen vor allem Gynäkologen, Augenärzte, Orthopäden, Hautärzte und Urologen damit zusätzliche Einnahmen. Nach Schätzungen des wissenschaftlichen Instituts der AOK handelt es sich um jährlich eine Milliarde Euro.

Was sind gängige Igel-Angebote?

Die meisten dieser Leistungen sind Ultraschalluntersuchungen und Glaukom-Vorsorgeuntersuchungen (Grauer Star), gefolgt von Blutuntersuchungen und Laborleistungen. Ebenfalls zu den „Igeln“ gehören Glaukom-Früherkennungen und ergänzende Krebsfrüherkennungsuntersuchungen für Frauen.

Haben solche Zusatzangebote einen medizinischen Nutzen?

Die Ergebnisse der MDS-Untersuchung (nachzulesen unter www.igel-monitor.de) sind ernüchternd. Demnach hat der überwiegende Teil der Igel keinen ausreichenden Nutzennachweis für den Patienten oder sie schaden sogar. Negativ bewertet wurde etwa die Bestimmung des Immunglobulin (IgG) zur Ermittlung von Nahrungsmittelallergien. Als wirkungsvoll gelten laut MDS dagegen die Selbstzahlerleistung Lichttherapie für Patienten mit saisonalen depressiven Störungen und die Akkupunktur bei Migräne. Neu bewertet wurden in dem Report zusätzliche Ultraschalluntersuchungen in der Schwangerschaft zur Beobachtung des Kindes. Das Fazit: „Ergänzende Ultraschalluntersuchungen, die über die üblichen Vorsorgeleistungen der gesetzlichen Krankenversicherung hinausgehen, schaden nicht. Sie nützen aber auch nicht“.

Wie steht es um die Information der Patienten zu IGeL?

Genau an dieser Stelle sieht der MDS einen großen Mangel. Bei den Igel gehe es in den Arztpraxen um den Verkauf, Information und Aufklärung gerieten in den Hintergrund. Die Patienten fühlten sich der Untersuchung zufolge verunsichert und unzureichend aufgeklärt. Es fehlten neutrale und seriöse Informationen über die Untersuchungen.

Was fordert der Medizinische Dienst der Krankenkassen?

Ein Teil der Ärzteschaft müsse ihr Verhalten ändern, so die Forderung von MDS-Geschäftsführer, Peter Pick. „Einige Ärzte arbeiten mit massivem Verkaufsdruck.“ Demnach setzen Ärzte mit Aussagen wie etwa „Das sollte Ihnen Ihre Gesundheit wert sein“ Patienten unter Druck, eine Igel-Leistung in Anspruch zu nehmen. Eine schriftliche Vereinbarung über die jeweilige Igel-Leistung fehlt häufig, obwohl sie gesetzlich vorgeschrieben ist, wie der MDS moniert. Laut einer Umfrage der Techniker Krankenkasse erhält jeder dritte Patient keine schriftliche Aufklärung über Nutzen und Schaden der Maßnahme. Der MDS fordert zudem eine Bedenkzeit für die Patienten.

Beim Arzt die richtigen Fragen stellen
Wenn es um individuelle Gesundheitsleistungen (Igel) geht, sollten Patienten auf ein persönliches Informationsgespräch mit dem Arzt bestehen. Darauf weisen die Verbraucherzentralen auf dem Portal www.igel-ärger.de hin. In dem Gespräch sollte man dann nach dem konkreten Nutzen der Selbstzahlerbehandlung fragen, außerdem nach möglichen Risiken oder Nebenwirkungen sowie nach den Kosten. Patienten sollten zudem nachhaken, warum die Behandlung nicht von den Krankenkassen bezahlt wird. In diesem Punkt kann man auch ruhig bei seiner Versicherung direkt nachfragen, denn etwa bei bestimmten Vorerkrankungen kann es Ausnahmen bei der Kostenübernahme geben. Grundsätzlich gilt: Igel sind nie eilig – man sollte sich also Bedenkzeit nehmen und keinesfalls drängen lassen.



 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen