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Interdisziplinärer Behandlungsansatz : Schmerzfrei ohne Rücken-OP

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Eine verschlissene Wirbelsäule lässt sich nur selten „gesund“ operieren / Neuer interdisziplinärer Behandlungsansatz in Schwerin

svz.de von
erstellt am 18.Aug.2014 | 11:23 Uhr

Rückenbeschwerden sind in Deutschland für jeden zehnten Krankschreibungstag verantwortlich. Und: Wer „Rücken“ hat, ist mit durchschnittlich 17,5 Tagen im Durchschnitt fünf Tage länger krank als die durchschnittliche Arbeitsunfähigkeit. Vor diesem Hintergrund hat die Techniker Krankenkasse (TK) unlängst untersuchen lassen, wie effektiv Rückenschmerz-Patienten behandelt werden. Das Resultat: Viel zu viele von ihnen werden operiert, ohne dass das die ersehnte Linderung bringt. Seit 2005, so die TK, hat sich die Zahl der Wirbelsäulenoperationen deutschlandweit verdoppelt.

Das Problem sei, dass es bei Rückenschmerzen und verschleißbedingten Beschwerden keine Standards für die Behandlung gibt, so Privatdozent Dr. Oliver Heese (Foto), Chefarzt der Neurochirurgie an den Schweriner Helios Kliniken. Doch „dass tendenziell zu viel operiert wird, lässt sich nicht abstreiten“.

Rückenbeschwerden basieren selten nur auf einer Ursache, oft kommt ein ganzes Bedingungsgefüge zusammen, erläutert der Neurochirurg. Doch genauso vielfältig wie die zugrunde liegenden Ursachen sind auch die Behandlungsmöglichkeiten. „Orthopäden, Schmerztherapeuten, Neurologen und Neurochirurgen behandeln Rückenschmerzen alle unterschiedlich.“ Erst wenn ein Facharzt nicht mehr weiterkäme, würde er unter Umständen einen Kollegen aus einem anderen Fachgebiet zu Rate ziehen.

An den Schweriner Helios Kliniken ist das seit einigen Monaten anders. Im April sei dort ein „Rückenboard“ installiert worden, so Heese, eine regelmäßig stattfindende Konferenz, auf der Vertreter verschiedener Fachrichtungen über die optimale Therapie von Patienten mit komplizierten Rückenbeschwerden diskutieren. „Viele Patienten werden vom Hausarzt zu uns eingewiesen mit der Bemerkung: ,Lassen Sie sich mal operieren‘“, weiß der Neurochirurg. Ursächlich für die Beschweren sind oft Einengungen des Wirbelkanals (Spinalkanalstenose) oder Verschleiß der Wirbelgelenke (Spondylarthrose). Tatsächlich aber sei es selten möglich, eine verschlissene Wirbelsäule „gesund“ zu operieren. Den Patienten könne man durch eine gezielte Schmerztherapie Linderung verschaffen – auch dann, wenn sich mit den zur Verfügung stehenden bildgebenden Verfahren keine Ursachen für ihre Beschwerden ausmachen lassen. Möglicherweise sei es erforderlich, nacheinander verschiedene Stellen anzuspritzen und zu beobachten, wo die Medikamentenwirkung am größten ist. Wichtig sei, längere beschwerdefreie Phasen zu schaffen, damit das Schmerzgedächtnis des Patienten ausgeschaltet wird, so Heese. Sollte dies nicht gelingen kann eine gezielte Operation angeboten werden (Erweiterung des Spinalkanals, Versteifung eines Wirbelsegments). Auch bei Bandscheibenvorfällen – allerdings nur bei solchen, die nicht zu akuten Ausfallerscheinungen führten – könne durch gezielte Medikamentengaben die gereizte Nervenwurzel beruhigt und so der Schmerz ausgeschaltet werden – ohne OP.

„Oft gehen Beschwerden auch dadurch zurück, dass man die Rückenmuskulatur so kräftigt, dass sie als Stütze für die abgenutzte Wirbelsäule dient. Und manchem Patienten muss man auch sagen, dass es wichtig ist abzunehmen, weil das Gewicht seines Bauches ihn so nach vorne zieht, dass der Rücken dadurch dauerhaft belastet ist“, betont Heese.

„Eine Operation sollte immer erst dann erfolgen, wenn wirklich alle anderen Optionen ausgeschöpft sind“, betont Heese. Gräbt ein Neurochirurg, der so denkt, sich nicht selbst das Wasser ab? „Keinesfalls“, beteuert der Schweriner Mediziner, „wir haben dennoch genug zu tun.“ Entscheidend sei doch der Behandlungserfolg – und damit die Zufriedenheit der Patienten.

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