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Neue Statistik zu Behandlungsfehlern : Rezepte gegen Ärztepfusch

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Kritik des Medizinischen Dienstes: Sicherheitskultur unterentwickelt

Der übersehene Oberarmbruch, die gefährliche Wundinfektion nach einer nicht notwendigen OP oder die vergessenen Tupfer im Körper – die Zahl der Begutachtungen wegen Verdacht auf Behandlungsfehler ist erneut gestiegen. „Die Sicherheitskultur ist in Deutschland noch unterentwickelt“, erklärte Stefan Gronemeyer, stellvertretender Geschäftsführer des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK), gestern in Berlin. Experten fordern einen offenen Umgang der Ärzte mit Fehlern. Hintergründe zur neuen Behandlungsfehlerstatistik von Rasmus Buchsteiner:

Was gilt eigentlich als Behandlungsfehler?
Wenn eine Behandlung nicht angemessen, sorgfältig, richtig oder rechtzeitig durchgeführt wird, verstößt ein Mediziner gegen seine Verpflichtungen. Als Fehler gilt, wenn eine Behandlung nicht den medizinischen Standards entspricht, eine gebotene Behandlung unterlassen oder eine Diagnose trotz eindeutiger Hinweise nicht gestellt wird.

Wie hat sich die Zahl der Verfahren entwickelt?
In 14 828 Fällen von vermuteten Behandlungsfehlern veranlasste der Medizinische Dienst der Krankenkassen im vergangenen Jahr eine Überprüfung. Das waren 165 mehr als im Jahr 2014. Knapp zwei Drittel der Vorwürfe bezog sich auf Behandlungen und Operationen in Krankenhäusern, der Rest auf niedergelassene Mediziner. 7693 Fälle standen in direktem Zusammenhang mit Operationen.

Wie oft bestätigt sich der Verdacht auf Ärztefehler?
Im vergangenen Jahr wurden 4064 Behandlungsfehler offiziell bestätigt. Das sind 27,3 Prozent der Verdachtsfälle. In 21,3 Prozent der Fälle stellten die Gutachter fest, dass der Behandlungsfehler auch die Ursache für den Schaden war. Bei 1148 Patienten, also etwa fast jedem dritten von Behandlungsfehlern Betroffenen, kam es zu einem dauerhaften Schaden. Zwei Drittel der Patienten, bei denen ein Ärztefehler festgestellt wurde, erlitten vorübergehende Schäden. In 205 Fällen starben die Patienten.

Welche Fehler werden am häufigsten gemacht?
Die meisten Vorwürfe – 4695 Fälle – bezogen sich im vergangen Jahr auf die Bereiche Unfallchirurgie und Orthopädie. Die zweitmeisten Verdachtsfälle gab es in der Inneren Medizin. Es folgen Chirurgie, Zahnmedizin sowie Gynäkologie/Geburtshilfe mit jeweils mehr als 1000 Begutachtungen wegen vermuteten Behandlungsfehlern.

Ärzteverbände warnen bei der Veröffentlichung von Behandlungsfehler-Statistiken regelmäßig vor Überinterpretationen der Zahlen – angesichts von jährlich fast 700 Millionen ambulanten Behandlungsfällen und mehr als 18 Millionen Aufenthalten in Krankenhäusern.

Wie sind Behandlungsfehler vermeidbar?
Experten empfehlen zum Beispiel Checklisten für die Vorbereitung von Operationen, regelmäßige Notfall- und Teamtrainings sowie kritisches Hinterfragen der verabreichten Medikamente, gerade mit Blick auf Nebenwirkungen. Der Medizinische Dienst fordert eine Meldepflicht für Behandlungsfehler.

Welche Rechte hat der Patient bei Verdacht auf Behandlungsfehler?
Das neue Patientenrechtegesetz – seit 2013 in Kraft – ermöglicht Betroffenen, Schadensersatzansprüche mit Hilfe ihrer Krankenkasse leichter durchzusetzen. Jeder Versicherte hat nun Anspruch auf ein kostenloses Gutachten. Die Beweislast liegt grundsätzlich beim Patienten: Er muss dem Mediziner Fehlverhalten nachweisen. Nur bei groben Behandlungsfehlern ist der Arzt in der Pflicht nachzuweisen, dass der Fehler nicht Ursache des Schadens war.
 

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