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Lesertelefon Extra : Pflegeberater kommen auch ins Haus

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Thema Pflege ließ gestern die Drähte bei unserem Lesertelefon glühen / Experten gaben Tipps für Betroffene und Angehörige

svz.de von
erstellt am 21.Mai.2014 | 12:00 Uhr

Wir hatten für meinen Mann auf Empfehlung der Krankenhausärzte Pflegestufe III beantragt. Allerdings hat die Pflegekasse das abgelehnt, er bleibt in Stufe II eingestuft. Können wir dem Bescheid widersprechen?
Das Recht haben Sie selbstverständlich. Allerdings sollten Sie sich das Gutachten des Medizinischen Dienstes schicken lassen, um den Widerspruch auch begründen zu können. Am besten, Sie nutzen die kostenfreie und neutrale Pflegeberatung, um sich das Gutachten erklären zu lassen. Dabei kann auch besprochen werden, ob ein Widerspruch erfolgversprechend ist.
Wir hatten für unseren Vater ein Pflegetagebuch geführt, um abschätzen zu können, ob er eine Pflegestufe bekommen kann. Ist ein solches Tagebuch verbindlich?
Nein. Verbindlich ist der Bescheid der Pflegekasse auf der Basis des Pflegegutachtens. Ein Pflegetagebuch kann eine Orientierung sein, zumal Sie dadurch auch die Kriterien für die Pflegestufen kennen lernen. Bei der Feststellung einer Pflegestufe wird die Zeit berücksichtigt, die der Betroffene an Unterstützung für die Grundpflege und für die Hauswirtschaft benötigt.

Zur Grundpflege gehören die Hilfe bei der Körperpflege, bei der Mobilität sowie bei der Ernährung. Für Pflegestufe I müssen im Durchschnitt mindestens 46 Minuten pro Tag Unterstützungsbedarf in der Grundpflege vorliegen, insgesamt sind 90 Minuten notwendig. Bei der Begutachtung können allerdings nicht die tatsächlich benötigten Zeiten berücksichtigt werden – manche brauchen länger zum Baden als andere. Deshalb gelten für die Begutachtung bestimmte Standardwerte. Erleichternde bzw. erschwerende Faktoren können berücksichtigt werden. Das alles ist letztlich maßgeblich, nicht Ihre individuellen Aufzeichnungen im Pflegetagebuch.
Was bekommt man eigentlich überhaupt von der Pflegekasse?
Das sind verschiedene Leistungen. Zunächst ist die Pflegeberatung eine wichtige Hilfe. Die Berater informieren nicht nur über die gesetzlichen Ansprüche, die ein Pflegebedürftiger hat. Sie haben auch die Adressen von Pflegediensten oder sozialen Netzwerken, die helfen können. Anspruch auf die Pflegeberatung hat man übrigens auch dann, wenn noch keine Pflegestufe vorliegt.

Außerdem beauftragt die Pflegekasse den Medizinischen Dienst beziehungsweise Medicproof bei Privatversicherten mit der Begutachtung und entscheidet dann über die Pflegestufe. Wurde eine solche festgestellt, stellt die Pflegekasse Geld zur Verfügung: Pflegegeld für jene, die zu Hause von Angehörigen oder Freunden versorgt werden. Oder die Pflegekasse übernimmt bis zu einer festgelegten Höhe Kosten von ambulanten Diensten oder Pflegeheimen. Verhinderungs- und Kurzzeitpflege bezahlt die Pflegekasse ebenfalls in festgelegtem Umfang.

Zudem werden in bestimmtem Umfang Pflegehilfsmittel finanziert oder Beiträge zur Rentenversicherung für nicht erwerbsmäßige „Pflegekräfte“ überwiesen. Damit sind beispielsweise Personen gemeint, die einen oder mehrere Angehörige pflegen.

Auch die Zuschüsse für wohnumfeldverbessernde Maßnahmen, wie etwa den Badumbau, kommen von der Pflegekasse. Voraussetzung ist in der Regel, dass eine Pflegestufe vorliegt. Ausnahme: Personen mit festgestellter eingeschränkter Alltagskompetenz ohne Pflegestufe können ebenfalls bestimmte Leistungen nutzen.
Mein Mann hat Pflegestufe I. Allerdings hat sich sein Zustand erheblich verschlechtert. Bekommt er nun eine höhere Pflegestufe?
Automatisch passiert das nicht. Er sollte eine neue Pflegestufe beziehungsweise eine neue Begutachtung beantragen.
Bekommen nur Personen mit Demenz zusätzliche Leistungen?
Nein. Korrekt bezeichnet geht es um Menschen mit „dauerhaft eingeschränkter Alltagskompetenz“. Das können also auch Personen sein, die eine langwierige psychische Erkrankung oder geistige Behinderungen haben und der Betreuung bedürfen.

Um festzustellen, ob die betreffende Person Anspruch auf diese Leistungen hat, ist eine gesonderte Begutachtung notwendig. Mit „Dauerhaft“ ist ein Zeitraum von mindestens sechs Monaten vom Gesetzgeber festgelegt.
Ich pflege meinen Mann zu Hause, muss aber zu einer Hüft-OP. Wie kann ich sicherstellen, dass mein Mann während meiner Abwesenheit richtig betreut wird? Er hat Pflegestufe I.
Sie können für ihn eine so genannte Verhinderungspflege nutzen. Die Kassen stellen dafür bis zu 1550 Euro für maximal 28 Tage im Jahr zur Verfügung. Statt Ihrer würde dann entweder ein Verwandter oder ein ambulanter Dienst die Unterstützung Ihres Mannes übernehmen. Da bei der Höhe der Kostenerstattung der Verwandtschaftsgrad eine Rolle spielt, sollten Sie sich zuvor entsprechend beraten lassen. Die Entscheidung, wer ihn betreuen soll, trifft dann Ihr Mann.
Kommen die Pflegeberater auch ins Haus?
Ja, selbstverständlich kann die Beratung auf Wunsch des Betroffenen bei ihm zu Hause stattfinden. Die Beratung zu Hause hat auch den Vorteil, dass die Experten beispielsweise auch Hinweise geben können, wie die Wohnung der Situation angepasst werden kann.
Wie lange muss ich warten, bis ich weiß, ob ich eine Pflegestufe bekommen?
Der Gesetzgeber hat eine Frist von fünf Wochen gesetzt. Innerhalb dieser Zeit muss die Begutachtung stattgefunden haben und der Bescheid der Pflegekasse bei Ihnen vorliegen.
Mein Schwiegervater hatte eine Pflegestufe beantragt, der Gutachter war auch schon da. Allerdings ist der Schwiegervater kürzlich verstorben. Ist es sinnvoll, den Bescheid trotzdem noch anzufordern? Bisher war er noch nicht in der Post.
Ja – den Bescheid sollten Sie anfordern, wenn er nicht innerhalb von fünf Wochen nach der Antragstellung im Briefkasten liegt. Denn wurde eine Pflegestufe festgestellt, besteht auch Anspruch auf die Leistungen der Pflegekasse – auch wenn Ihr Schwiegervater inzwischen verstorben ist. Das gilt rückwirkend für den Zeitraum ab Antragstellung bis zum Tag, an dem er verstorben ist. Wenn Sie einen Pflegedienst vorfinanziert haben, übernimmt die Pflegekasse je nach Pflegestufe den entsprechenden Anteil. Hatten Sie oder ein anderer Angehöriger die Pflege übernommen, wird Pflegegeld gezahlt.
Muss meine verwitwete Mutter ihr Haus verkaufen, wenn sie den ambulanten Pflegedienst nicht bezahlen kann? Ihre Rente ist einfach zu gering. Sie lebt allein im Haus.
Ihre Mutter kann einen Antrag beim Sozialamt stellen, damit dieses die Restkosten übernimmt, die die Pflegekasse nicht bezahlt. Das Amt verlangt in der Regel nicht, das Haus zu verkaufen, solange Ihre Mutter im Haus wohnt und dies eine angemessene Größe hat. Allerdings prüft das Amt die Vermögensverhältnisse Ihrer Mutter und die der unterhaltspflichtigen Kinder. Diese wiederum haben gesetzliche Freibeträge. Erst wenn Ihre Mutter in ein Pflegeheim ziehen sollte, kann das Sozialamt die Verwertung des Hauses verlangen. Dabei kann es sich um Vermietung, Verpachtung oder Verkauf handeln. Wenn allerdings die Kinder freiwillig die Restkosten übernehmen würden und das Sozialamt nicht in Anspruch genommen werden muss, spielt das Haus keine Rolle.
Meine Frau hat zwar keine nennenswerten körperlichen Beschwerden, lässt aber geistig stark nach. Da es für mich (81) nicht einfach ist, Sie zu betreuen – kann eine Pflegebegutachtung etwas bringen?
Vielleicht. Eine der Pflegestufen I-III kommt für Ihre Frau vielleicht nicht in Frage. Wird hingegen eine eingeschränkte Alltagskompetenz festgestellt, hat Ihre Frau beispielsweise Anspruch auf 120 Euro Pflegegeld oder auf 225 Euro, wenn ein ambulanter Dienst hinzugezogen wird. Außerdem übernimmt die Pflegekasse 100 oder 200 Euro monatlich für zusätzliche Betreuungsleistungen. Für die Verhinderungspflege – also wenn Sie beispielsweise einmal Urlaub machen wollen – werden bis zu 1550 Euro für 28 Tage im Jahr übernommen. Anspruch besteht zum Beispiel auch auf den Zuschuss von bis zu 2557 Euro für wohnumfeldverbessernde Maßnahmen. Am besten lassen Sie sich individuell beraten.

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