Lesertelefon : Organspende kennt kein Alter

Zwei Arbeiter montieren ein Plakat zum Thema Organspende.
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Zwei Arbeiter montieren ein Plakat zum Thema Organspende.

Gibt es für Organspenden eine Altersbegrenzung? Welche Organe können überhaupt gespendet werden? Zahlreiche Leser nutzten unser Telefonforum mit Experten.

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02. Juni 2016, 05:00 Uhr

Bei unserer Telefonaktion zum Thema Organspende fragten Leser gestern vor allem nach Voraussetzungen für eine Organentnahme, nach Altersgrenzen für Spender und nach der Funktionsfähigkeit gespendeter Organe. An den Lesertelefonen antworteten Tanja Rögner und Brigitte Lenzky-Roth vom Info-Telefon Organspende der Deutschen Stiftung Organtransplantation und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Für eine Organentnahme muss man hirntot sein. Wer stellt das zweifelsfrei fest?
Zwei erfahrene und speziell qualifizierte Fachärzte müssen umfangreiche Diagnoseverfahren unabhängig voneinander durchführen und den Hirntod dokumentieren. Hierbei müssen sie sich exakt an die Richtlinie der Bundesärztekammer halten. Beide Ärzte dürfen nicht an der Organ- und Gewebeentnahme oder Transplantation beteiligt sein.

Dass Koma-Patienten aufwachen, weiß man. Kann ein hirntoter Mensch wieder ins Leben zurückkehren?
Nein, nach dem Hirntod wird das Hirngewebe nach und nach vollständig abgebaut. Eine Rückkehr ins Leben ist ausgeschlossen.
Wenn ein Hirntoter wirklich tot ist, braucht er doch keine Narkose mehr. Warum ist dann bei der Entnahme der Organe ein Anästhesist dabei?
Mit dem Hirntod ist die Schmerzwahrnehmung unwiederbringlich erloschen. Der Anästhesist überwacht aber die künstliche Beatmung und die Kreislauftätigkeit, um zu verhindern, dass der Kreislauf instabil wird oder erhebliche Störungen im Stoffwechsel, bei der Blutgerinnung, bei der Blutsalzkonzentration oder bei der Temperaturregulation auftreten. Diese Veränderungen können die Organe schädigen.

Ich bin schon über 60. Gibt es für Leute, die Organe spenden wollen, eine Altersbegrenzung?
Nein, es gibt keine feste Altersgrenze. Auch die funktionstüchtige Niere eines 60-jährigen Verstorbenen kann einem Dialysepatienten wieder ein fast normales Leben schenken. Ob gespendete Organe oder Gewebe für eine Transplantation geeignet sind, kann ohnehin erst im Fall einer tatsächlichen Spende medizinisch überprüft werden. Der älteste Organspender war im letzten Jahr 98 Jahre alt.

Warum muss ein Hirntoter, dem man Organe entnehmen will, künstlich beatmet werden?
Eine hirntote Person kann nicht mehr selbstständig atmen. Durch maschinelle Beatmung und Medikamente wird die Funktion des Herz-Kreislauf-Systems aufrechterhalten, und die Organe werden weiter durchblutet. Andernfalls kommt es zum Herz-Kreislauf-Zusammenbruch. Organe werden aufgrund der fehlenden Durchblutung und Sauerstoffversorgung zunehmend geschädigt, so dass sie nicht mehr übertragen werden können.

Welche Organe kann man denn überhaupt spenden?
Nach dem Hirntod können folgende Organe und Gewebe entnommen und übertragen werden: Niere, Herz, Lunge, Leber, Bauchspeicheldrüse, Darm und Teile der Haut sowie die Hornhaut der Augen, Herzklappen, Teile der Blutgefäße, des Knochengewebes, des Knorpelgewebes und der Sehnen.

Wie erfolgversprechend sind Transplantationen? Wie lange funktionieren gespendete Organe im fremden Körper?
88 Prozent der transplantierten Nieren funktionieren noch nach einem Jahr, nach fünf Jahren sind es 74 Prozent. Bei den anderen Organen liegt die Rate nur geringfügig darunter. Auch Augenhornhäute sind beispielsweise gut transplantierbar: 95 Prozent haben ihre volle Funktionstüchtigkeit noch nach einem Jahr, 80 Prozent nach fünf Jahren.

Vor drei Jahren erfuhr man von manipulierten Organvergaben. Was wird getan, um Derartiges unterbinden?
Es wurden flächendeckende unangekündigte Stichprobenprüfungen in den Transplantationszentren eingeführt. Damit wird das Vergabe-System transparenter und sicherer gestaltet. Um Manipulationen bei Organvergaben zu verhindern, wurden interdisziplinäre Transplantationskonferenzen eingeführt. Dabei wird gemeinsam mit medizinischen Fachrichtungen, die keine Verbindung zur Transplantationsmedizin haben, über die Aufnahme in die Warteliste und deren Führung entschieden.

Wird meine Entscheidung für oder gegen eine Organspende irgendwo registriert?
Die persönliche Entscheidung für oder gegen eine Organspende wird nach wie vor nicht registriert. Es genügt, wenn Sie einen Organspendeausweis ausfüllen und diesen am besten zusammen mit Ihrem Personalausweis stets bei sich tragen. Allerdings soll bis zum Jahresende ein Gesetz zum Aufbau eines Transplantationsregisters in Kraft treten. Darin sollen aber nur Daten von Organspendern und Organempfängern aufgenommen werden.

Wie erfolgt die Vergabe eine Spenderniere? Wie lange muss man darauf warten?
Ist man auf eine Niere von einem verstorbenen Spender angewiesen, erfolgt die Vergabe über die Warteliste der Stiftung Eurotransplant. Die Wartezeit beträgt dann durchschnittlich fünf bis sechs Jahre, wobei der erste Tag der Dialyse als Beginn der Wartezeit zählt.

Bin ich automatisch Organspender, wenn ich einen Spenderausweis bei mir trage?
Nein, man kann in dem Ausweis auch dokumentieren, dass man einer Organspende widerspricht, oder dass man die Einwilligung auf bestimmte Organe begrenzt. Außerdem kann man die Entscheidung über eine Organspende auf eine andere Person übertragen, die in dem Ausweis benannt wird.

Ich habe mit einem anatomischen Institut eine Körperspende vereinbart. Kann ich dennoch Organspender sein?
Das kommt auf die vertragliche Vereinbarung an, die Sie mit dem anatomischen Institut getroffen haben. Es gibt Einrichtungen, die eine Körperspende auch nach einer Organentnahme entgegennehmen. Ansonsten gilt, dass bei einem potenziellen Körperspender, der zusätzlich Organspender ist, die Organspende Vorrang vor der der Körperspende hat. Dann entfällt – wenn nicht anders vereinbart – die Körperspende.

Eine Organspende ist für mich ausgeschlossen. Kann das automatisch passieren, wenn niemand da ist, der meine Entscheidung im Falle meines Hirntods vertritt?
Nein. Wenn kein Spenderausweis mit Zustimmung und keine Angehörigen mit Zustimmung vorhanden sind, ist per Gesetz auch keine Organspende möglich. Wollen Sie ganz sicher gehen, dokumentieren Sie Ihren Willen ausdrücklich – mit dem „Nein“ auf einem Organspendeausweis oder mit einer Festlegung in Ihrer Patientenverfügung.

Mein Freund war alkoholkrank und hat jetzt einen Organspendeausweis von der Apotheke mitgebracht. Kann er unter diesen Umständen überhaupt Spender werden?
Das ist durchaus möglich. Die Ärzte können nach einem eventuellen Hirntod feststellen, ob und welches Organ den Anforderungen einer Transplantation entspricht.

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