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Erste Hilfe : Neun Minuten, die alles entscheiden

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Jeder kann mit wenigen Handgriffen zum Helfer werden / Man könne nichts falsch machen, sagen Ärzte

Wenn hierzulande jemand einen plötzlichen Herzstillstand erleidet, kann es passieren, dass niemand ihm hilft. Nur zwei von zehn Anwesenden reagieren sofort und versuchen, den Patienten wiederzubeleben. Damit steht die Bundesrepublik auf einem der letzten Plätze einer internationalen Ersthelfer-Studie. In Skandinavien oder den Benelux-Ländern versuchen 50 bis 80 Prozent der Leute sofort zu helfen.

Die Gründe der deutschen Zurückhaltung sind vielfältig: Angst vor Infektionen oder auch vor rechtlichen Konsequenzen, manchmal auch Ekel, vor allem aber die Angst, Fehler zu machen. „Dabei ist aber nichts falsch zu machen – falsch ist nur, überhaupt nichts zu tun, denn dann könnte der Patient sterben“, betont Dr. Gernot Rücker, Leitender Notfallmediziner an der Universitätsmedizin Rostock.

Wiederbelebung ist nach Rückers Aussage eins der wenigen Themen, bei dem bewiesen ist, wie stark die Überlebensrate von einem Ersthelfer abhängt. Bis der Rettungsdienst den Ort des Geschehens erreicht, vergehen in der Regel nur wenige Minuten. Nur so lange müsste der Helfer also versuchen, den Patienten am Leben zu erhalten. Versucht er es aber nicht einmal, sinkt bei einem Herz-Kreislauf-Versagen die Überlebenschance des Betroffenen mit jeder Minute um zehn Prozent.

Rechtlich gibt es absolut keine Gefahr für den Helfer. „Und sollte er bei der Hilfe selbst Schaden davontragen, wäre er sogar versichert“, erläutert Rücker. „Sieht er aber weg und bleibt untätig, macht er sich der unterlassenen Hilfeleistung schuldig.“ Diese Straftat kann mit Geldbußen oder bis zu einem Jahr Haft geahndet werden.

Auch die Ausrede, man wüsste nicht, wie Wiederbelebung funktioniert, lässt der Notfallmediziner nicht gelten. „Jeder Autofahrer hat das im Erste-Hilfe-Kurs gelernt. Und man kann sich wohl auch über viele Jahre merken, dass man dafür kräftig von oben auf den Brustkorb drücken muss, fünf bis sechs Zentimeter tief, möglichst 100 Mal pro Minute. Das ist anstrengend, ja. Aber es rettet wahrscheinlich das Leben des Betroffenen.“

Dass lebensrettende Maßnahmen nach Verkehrsunfällen gebraucht werden, ist laut Rücker gar nicht so häufig. Viel öfter ginge es durch Herzstillstände um Leben und Tod. Deshalb sei in den allermeisten Fällen die Abfolge „(Zustand) prüfen – (Hilfe) rufen – (Brustkorb) drücken“ eigentlich alles, was zu tun sei.

Überhaupt gibt es nach seiner Meinung nur drei Dinge, die ein Ersthelfer unbedingt und sofort machen muss: eben die Wiederbelebung, dann das Stillen sehr starker Blutungen und die Rettung aus einem Gefahrenbereich, etwa einem Brand. In den meisten anderen Fällen reiche es, den Rettungsdienst zu alarmieren und dann bei dem Patienten zu bleiben.

Wodurch die mangelnde Bereitschaft zur Hilfe ausgelöst wird, ist Rückers Forschungsthema. Er sieht in erster Linie soziokulturelle Gründe. „Wir haben es einfach verlernt, zur Hilfe bereit zu sein“, sagt er. Man müsse schon bei Kindern anfangen, sie zu schulen. Dafür hält er es für sinnvoll, allgemeine Erste-Hilfe-Kurse von der Wiederbelebung abzugrenzen.

„Ein gut unterrichteter Kurs in Wiederbelebung dauert nur anderthalb Stunden. Und wir brauchen eine angstfreie Umgebung, um das zu lernen.“ Richtig sinnvoll wird es, wenn ausreichend Spezial-Puppen zur Verfügung stehen, um die Herzdruckmassage inklusive Beatmung zu üben.

    

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