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Zecken im Norden auf dem Vormarsch : Neuer Verdachtsfall: Zeckenvirus durch Rohmilch übertragen

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Zecken sind auch in Deutschlands Norden auf dem Vormarsch. Warum sie die gefährlichsten Tiere Deutschlands sind und wie Zeckenviren in die Rohmilch kommen, erklärt die Parasitologin Ute Mackenstedt von der Universität Hohenheim.

svz.de von
erstellt am 29.Mai.2017 | 11:45 Uhr

Die nur wenige Millimeter großen Zecken werden oft als die gefährlichsten Tiere Deutschlands bezeichnet. Tragen sie diesen Titel zu Recht?
Indirekt schon. Denn sie haben das Potenzial, eine ganze Breite von verschiedenen Erregern zu übertragen. Darunter auch solche, die schwere Erkrankungen wie zum Beispiel Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) und Borreliose auslösen können.

Im vergangenen Jahr wurden bundesweit 348 FSME-Fälle gemeldet – 59 Prozent mehr als 2015. Jetzt wurde neben den Zecken auch noch eine andere Ansteckungsquelle entdeckt . . .
In Reutlingen und Tübingen sind jetzt zwei Fälle dokumentiert, wo sich Menschen durch Rohmilchprodukte, die mit dem FSME-Virus verunreinigt war, angesteckt haben. Auch Rohmilch bzw. Rohmilchprodukte können also durchaus FSME-Viren enthalten. Wenn diese Rohmilchprodukte nicht pasteurisiert werden, dann werden auch die Viren nicht abgetötet.

Wie gelangen die Viren in die Milch?
Im Landkreis Reutlingen haben auf einem Ziegenhof Zecken die FSME-Viren auf Ziegen übertragen. In einer bestimmten Phase, die etwa neun bis vierzehn Tage dauert, kreisen die Viren nach der Ansteckung in den Ziegen. Wenn in dieser Zeit Milch abgezapft und Menschen angeboten wird, dann können die sich über das Trinken von Rohmilch oder sogar Rohmilchkäse infizieren. Das scheint gar nicht so selten zu sein, wie man bisher geglaubt hat. Diese Form der Infektion ist in Osteuropa durchaus gängig. In Deutschland war das aber der erste dokumentierte Fall. Ein zweiter Fall wird gegenwärtig in Tübingen untersucht.

Welche Konsequenzen sollten daraus gezogen werden?
Man muss sich schon klar darüber sein, dass, wenn diese Rohmilch nicht weiter behandelt wird, also nicht pasteurisiert wird, das Risiko besteht, dass dort Erreger übertragen werden können.

Bislang galt der Gemeine Holzbock als Haupt-Übeltäter bei der FSME-Übertragung. Nun hat man offenbar auch noch einen zweiten Player ausgemacht . . .
Ja. Die Angaben eines FSME-Patienten haben Wissenschaftler der Universität Leipzig und des Instituts für Mikrobiologie der Bundeswehr in München in ein Gebiet geführt, wo sie sehr viele Auwald-Zecken gefunden haben, aber weniger Holzböcke. Bei der Untersuchung der Zecken haben sie zu ihrer Überraschung dann festgestellt, dass auch Auwaldzecken FSME-positiv waren. Deshalb geht man jetzt davon aus, dass noch eine zweite Zeckenart gegebenenfalls FSME-Viren übertragen kann. Experimentell bewiesen ist das allerdings noch nicht.

Die Auwaldzecken gelten als klimatisch sehr robust. Verschärft das die Gefahrenlage in Deutschland?
Tatsächlich sind die Auwaldzecken die ersten, die nach dem Winter wieder aktiv sind. Allerdings beobachten wir schon seit einigen Jahren eine zunehmende Winteraktivität von Zecken insgesamt. Das hängt damit zusammen, dass wir häufig Winter hatten, in denen die Temperaturen im November bis Januar zwischen fünf und zehn Grad lagen. Bei solchen Temperaturen ist dann auch schon der Holzbock aktiv. Ärzte sollten sich also darüber im Klaren sein, dass FSME-Fälle inzwischen durchaus auch schon früh im Jahr auftauchen können.

US-Experten haben erst jüngst vor einem neuen Erreger namens Powassan- Virus gewarnt, der durch Zecken übertragen wird. Täuscht der Eindruck oder steigt die Zahl der Erreger, die die Zecke überträgt?
Die Frage ist zunächst mal, ob es in einer Region diese Erreger überhaupt gibt. Das ist ja nicht immer der Fall. Als Folge des Klimawandels könnten aber auch nach Deutschland immer neue Zeckenarten kommen, möglicherweise sind sie auch schon da. Wenn sie aus dem Mittelmeerraum oder aus Südosteuropa einwandern, können sie dann auch für unsere Breitengrade neue Erreger mitbringen. Es ist also durchaus möglich, dass sich das Erregerspektrum auch bei uns in der Zukunft noch verändern wird.

Kann ein Holzbock, der zum Beispiel Träger von FSME-Viren und von Borreliose-Bakterien ist, beide Erreger gleichzeitig auf den Menschen übertragen?
Der Holzbock kann theoretisch fast alles übertragen: Einzeller, Fadenwürmer, Bakterien und Viren – auch FSME-Viren und Borreliose- Bakterien gleichzeitig. Allerdings geht man davon aus, dass die Zecken die ersten 12 bis 15 Stunden eher keine Borreliabakterien auf den Menschen übertragen, weil sie eine gewisse Zeit brauchen, bis sie sich entwickelt haben. Wenn Sie die Zecken also sehr schnell absammeln, können Sie eine Übertragung noch verhindern. Bei FSME ist das aber leider nicht so. Die übertragen sofort.

Was halten Sie denn für die beste Methode, die Tiere zu entfernen?
Vor allem Schnelligkeit ist hier Mittel der Wahl. Zur Entfernung bevorzuge ich eine Pinzette. Wenn ich nichts dabei habe, versuche ich es mit den Fingernägeln. Wichtig ist, dass man versucht, die Zecke direkt über der Haut zu erwischen, und dann zieht man. Ob Sie drehen oder nicht, das spielt keine Rolle. Auch nicht, ob gegen oder mit dem Uhrzeigersinn.

Sie beschäftigen sich in einem Forschungsprojekt vor allem mit den sogenannten FSME-Hotspots. Was ist Ihre Fragestellung?
Die FSME-Hotspots haben oft die Größe von einem Fußballfeld, nicht mehr. Statt einer flächigen Verteilung gibt es sehr häufig eine Art Patchwork aus ganz kleinen FSME-Flächen, die aber stabil sind. Ein solcher Hotspot in einem Vorort von Stuttgart ist zum Beispiel schon seit über 20 Jahre bekannt. Er verändert sich nicht, und um ihn herum gibt es keine FSME-positiven Zecken. In Kooperation mit anderen Arbeitsgruppen wollen wir nun ergründen, warum die FSME-Hotspots so klein und so begrenzt sind.

Nur klimatisch kann das ja nicht begründet sein, denn es gibt diese Hotspots ja auch im Norden?
Die Hochendemie-Gebiete für die FSME sind nach wie vor Baden-Württemberg und Bayern. In diesen beiden Bundesländern finden etwa 80 Prozent aller humanen FSME-Erkrankungen statt. Dann gibt es noch einige wenige bekannte Hochrisiko-Gebiete im Saarland und in Rheinland-Pfalz. Die Entwicklung der letzten Jahre hat aber gezeigt, dass die Anzahl der humanen FSME-Fälle auch in Norddeutschland zunimmt: in Niedersachsen, in Nordrhein-Westfalen, in Thüringen und in Sachsen.

Die Kriterien des Robert-Koch-Instituts für die Aufnahme in die Hochrisiko-Gebiete erfüllen diese Regionen aber noch nicht?
Das muss man aber sicher weiter im Auge behalten. Man kann wohl nicht ausschließen, dass es in Zukunft auch im Norden Hochrisiko-Gebiete geben könnte. Da läuft gerade etwas ab, was sich abschließend noch keiner erklären kann.

Haben Sie einen Verdacht, womit die Zunahme auch im Norden zusammenhängen könnte?
Da spielen sehr viele Player eine Rolle. An erster Stelle steht wohl der Klimawandel: Der Holzbock zum Beispiel, der in Deutschland der Hauptüberträger der FSME-Viren ist, wandert immer mehr nach Norden und kommt gleichzeitig aber auch in immer größeren Höhen vor. Weil der FSME-Zyklus normalerweise zwischen Zecken und Nagetieren abläuft, spielt natürlich auch deren Dichte und Verbreitung eine Rolle. Und in Frostjahren haben auch Nagetiere Schwierigkeiten, ihre Jungen großzuziehen oder zu überleben. In diesem Lebenszyklus des FSME-Erregers, der sich eben zwischen Zecken und Nagetieren abspielt, spielen Menschen normalerweise gar keine Rolle.

Der humane FSME-Fall ist im Lebenszyklus einer Zecke also eine Art Kollateralschaden?
Genau. Es ist wirklich ein Unglück. Deshalb sollten wir uns in der Forschung viel mehr auf die ökologischen Faktoren konzentrieren. Wir müssen fragen: Wo findet man am ehesten diese FSME-positiven Zecken? Womit hängt das zusammen? Vielleicht mit der Dichte der Rötelmäuse? Es macht keinen Sinn, wie es früher gemacht wurde, Zecken nur zu sammeln und teure Untersuchungen durchzuführen. Das hat de facto nichts gebracht.

2016 hat es besonders viele Bucheckern, Kastanien und Ahornsamen geben. Das wiederum soll zu einem Anstieg der Wühlmaus-Population geführt haben. Die wiederum Ursache für die steigende Zahl von Infektionen mit dem Hantavirus in unserer Region ist. Müssen wir aus dem selben Grund in diesem Jahr mit mehr Zecken rechnen?
Die Frage kann ich im Moment nicht beantworten. Die Hauptaktivitätsphase der Zecken beginnt ja jetzt erst. Im übrigen entscheidet sich die Dichte der Zecken häufig schon ein bis zwei Jahre vorher. Der Lebenszyklus etwa des Holzbock dauert wenigstens drei Jahre, eher fünf bis sieben Jahre.

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