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Medizin und Gesundheit

21. November 2017 | 16:57 Uhr

Albträume : Nachricht aus dem Unterbewusstsein

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Sind Albträume nur Zufall? Keineswegs, sagt Tiefenpsychologe Peter Lorenzen, denn Träume sagen viel über unser Seelenheil aus. Wenn wir sie richtig deuten.

„Ach was, Träume sind doch nur Schäume“, habe ich meine Urgroßmutter noch im Ohr. Wenn sie das sagte, dann machte sie einen sehr geraden Rücken, schüttelte leicht den Kopf und sprach ausnahmsweise im besten Hochdeutsch, obwohl sie sonst durch und durch eine „plattdütsche angeliter Deern“ war. Nur wenn sie es ernst meinte, dann kramte sie ihre Sonntagsausgeh-Sprache hervor – und Träume waren ihr ernst, sie machten ihr oft Angst.

Recht hatte sie trotzdem nicht, meine Urgroßmutter. Träume sind keineswegs nur Schäume, sondern Botschaften von uns selbst an uns selbst, eine Möglichkeit unbewusste Vorgänge bewusst zu machen. Und weil das so ist, können wir sie ganz individuell für uns deuten und sie für uns nutzen, als Entscheidungshilfe oder zur persönlichen Entwicklung. Ob dabei allerdings die vielen verschiedenen Lexika der Traumdeutung helfen, die online oder auf dem Buchmarkt zu haben sind? Vermutlich nicht, denn Träumen ist eben eine sehr persönliche Sache und die eigene Deutung, vielleicht mit Hilfe von Fachleuten, ist durch keine symbolgläubigen, allgemein gültigen Vorschriften zu ersetzen.

Dennoch: Auch Träume folgen Regeln, und „es gibt ganz verschiedene Kategorien von ihnen“, erläutert der Landwirt und Tiefenpsychologe Peter Lorenzen aus Langballig. Gemeinsam mit seiner Frau Christa, ebenfalls Tiefenpsychologin, leitet er Kurse, in denen die Teilnehmer lernen, ihre Träume zu deuten. Und beiden ist anzumerken, wie begeistert sie von diesen nächtlichen Sequenzen sind, die laut Lorenzen selbst dann Wirkung entfalten, wenn wir uns nicht mehr an sie erinnern können. Das sei möglich, weil „das Unbewusste die Symbole der Träume versteht“, erklärt Peter Lorenzen. „Dennoch ist die Wirkung größer, wenn wir uns erinnern können und noch größer, wenn wir die Träume deuten, denn damit holen wir ihre Botschaften direkt in unser Bewusstsein.“

Nun ist da also dieser Traum, an den ich mich noch so gut erinnern kann, den ich schon als kleines Kind geträumt habe: Ich sitze in unserem guten, alten August, unserer ersten Familienkutsche, einem VW Käfer, habe mich wie gewohnt gemütlich in die Sitzbank gekuschelt. Aber plötzlich bin ich allein im Auto und August fällt und fällt Schnauze abwärts direkt in einen Graben, den ich vor mir schon immer näher kommen sehe und dann – zack, wach.

„Ha“, sagt Peter Lorenzen. „Das ist ein Klassiker, ein sogenannter Falltraum.“ Fallträume kennen fast alle Menschen. Sie gelten als Albträume. Ihnen gemein ist, dass der Träumende der Situation ausgeliefert ist und oft panische Angst empfindet. Häufig wachen Betroffene schweißgebadet auf. Doch: „Schaden will uns ein solcher Traum mit Sicherheit nicht“, sagt Peter Lorenzen. „Seine Absicht ist es, den Menschen zu zeigen, dass sie etwas ändern müssen, wenn sie in bestimmten Lebenssituationen den Boden unter den Füßen verloren haben.“ Wird ein Falltraum zu einem dauerhaften Problem, sei es sinnvoll, professionelle Hilfe zu suchen, um die Traum-Symbole zu deuten und daraus die richtigen Schlüsse für mögliche Veränderungen im realen Leben zu ziehen.

„Um Träume richtig deuten zu können, braucht es ein klares Symbolverständnis. Das ist wie eine Fremdsprache. Man muss es erst lernen“, erklärt Lorenzen als Kursleiter zu Beginn der ersten Stunde im Traumdeutungskurs. Zehn Teilnehmer – Männer und Frauen ab ungefähr 40 Jahren – haben sich in dem Gruppenraum der Lorenz’schen Lebenswerkstatt an der Ostsee versammelt. Nun erfahren sie, dass es verschiedene Arten von Träumen gibt. Nicht immer brauchen sie Symbole. Der Wahr- oder Warntraum etwa zeigt uns die Welt genauso, wie wir sie kennen. So berichtet eine Dame im Kurs davon, wie sie kürzlich träumte, auf dem Weg zur Arbeit einen Unfall zu erleben. Alles war völlig real. Üblicherweise sei sie auf dem Weg zur Arbeit immer etwas verspätet und deshalb zumeist ein wenig schnell. Nach diesem Traum aber sei sie sie gewarnt gewesen und langsamer als üblich gefahren. Tatsächlich überquerte dann ein Radfahrer bei rot die Ampel und tauchte plötzlich direkt vor ihrem Wagen auf. Nur um Haaresbreite habe sie noch bremsen können. „Wäre ich so schnell wie sonst gewesen, hätte es böse ausgehen können.“

Die meisten Träume allerdings brauchen Symbole. „Und weil viele Menschen diese Traumsprache nicht verstehen, halten sie das Geträumte für dummes Zeug“ – für Schäume eben, wie es auch meine Urgroßmutter tat. Welche typischen Symbole gibt es denn? „Zähne zum Beispiel; sie stehen für Aggressionen“, erklärt der Fachmann. „Aggressionen, die ich brauche, um mich im Leben durchzubeißen – keine zerstörerische Wut. Und wenn mir die Zähne im Traum ausfallen, zeigt mir das, dass ich aktuell nicht genügend Biss habe, um mich in einer bestimmten Situation durchzusetzen.“ Ein anderes Beispiel: „Haare sind ein Symbol für Gedanken. Fallen sie mir aus, heißt das, dass ich in Bezug auf ein aktuelles Geschehen gedankenlos handle oder vielleicht schon gehandelt habe.“

Und was bedeuten Träume von Menschen oder auch Tieren? Menschen und Tiere, von denen wir träumen, stehen nicht für die realen Personen, Hunde, Katzen und so weiter, mit denen wir zu tun haben, lernen die Kursteilnehmer. Sie seien lediglich Repräsentanten eigener Aspekte. „Tiere etwa zeigen Emotionen und Verhaltensweisen. Ich kann mich ja bissig wie ein Wolf oder treu wie ein Schaf verhalten. Menschen stehen für unbewusste Seiten meiner Persönlichkeit, die ich mit diesen Menschen verbinde und die mir der Traum zeigen will.“ Und träume ich von meinem Partner, gehe es tatsächlich um Gefühle und Meinungen, die ich in einer bestimmten Situation zu mir selbst habe. Wer also im Traum erlebe, von seinem Partner oder seiner Partnerin verlassen zu werden, bekomme die Botschaft, dass er aktuell nicht zu sich selbst steht.

Ein anderes Beispiel: Viele Menschen – meine Urgroßmutter etwa – haben Angst, wenn sie vom Tod träumen und mögen sich mit diesen „Hirngespinsten“ gar nicht beschäftigen. Das ist schade, denn der Traum vom Tod könne anzeigen, dass wir in unserem Leben etwas verändern müssen, wenn wir die in uns angelegten Talente oder Fähigkeiten sterben lassen wollen. „Wenn ich vielleicht eigentlich eine Führungspersönlichkeit bin, mich gegen meine Natur aber ständig klein mache, dann stirbt diese Qualität in mir. Es geht dabei also um den seelischen Tod.“

Während ich Peter Lorenzen zuhöre, arbeitet es in mir. Was bedeutet mein Auto-Traum? Was repräsentiert dieser alte VW Käfer – weiß mit roten Sitzpolstern? Das Auto stehe für das, was in mir veranlagt sei, das, was sich verwirklichen wolle, erläutert der Tiefenpsychologe. Was ich mit meinem Auto im Traum erlebe, zeige mir, wie es mit dieser Selbstverwirklichung im wahren Leben bestellt sei.

In meinem Traum ist der VW Käfer mit dem schönen Namen August zunächst ein sicherer, gemütlicher Ort – er gehört aber nicht mir, sondern ist das Auto der Familie. Mit ihm stürze ich plötzlich ab ins Ungewisse, in Richtung Graben. Die Aussage des Traumes ist damit klar: „Geh deinen eigenen Weg, mach es dir nicht in den Lebensgewohnheiten deiner Eltern bequem.“ Und das offene Ende? „Alles ist offen“, sagt Peter Lorenzen. „Du hast die Wahl, ob du aussteigen oder in den Graben rauschen willst.“ Wobei auch der Graben wieder ein Symbol wäre, nämlich für das Unterbewusste; nein, lieber nicht dort stecken bleiben und weitermachen wie bisher.

Die Deutung meines alten Traumes macht Sinn für mich. Und dass ich ihn irgendwann überwunden und nie wieder geträumt habe, zeigt mir, dass ich diese Stufe auf der Lebensleiter genommen habe. Zu träumen allerdings ist mir geblieben und nach dem Kurs sehe ich heute mit anderen Augen auf diese Fähigkeit. Träume sind für mich eben keine Schäume, sondern „spannende und nützliche Lebensbegleiter“, wie es eine Teilnehmerin sagt. So ist aus dem ehemaligen Kurs inzwischen eine feste Gruppe geworden, die sich regelmäßig trifft, um gemeinsam ihre Träume zu deuten.

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