Kreisrunder Haarausfall : Mehr als ein kahler Fleck

Kerstin Zienert hat eine schwere Form des kreisrunden Haarausfalls.
Kerstin Zienert hat eine schwere Form des kreisrunden Haarausfalls.

Kreisrunder Haarausfall macht Betroffenen Angst: Droht jetzt der Verlust aller Haare?

svz.de von
20. Juni 2016, 21:00 Uhr

Es begann mit einer kahlen Stelle am Hinterkopf. Als ihre Frisörin sie darauf hinwies, war Kerstin Zienert 20 Jahre alt. Bei der einen Stelle blieb es nicht, ihr fielen alle Haare aus. Sie wuchsen nach, fielen ein Jahr später aber wieder aus. Dabei ist es seitdem im Prinzip geblieben. „Ich habe seit 25 Jahren keine Haare“, sagt die heute 45-Jährige. „Die meiste Zeit habe ich Wimpern und Augenbrauen, in einem Schub fallen sie auch aus.“ Kerstin Zienert hat eine schwere Form des kreisrunden Haarausfalls.

Die Alopecia areata – so der medizinische Fachbegriff – ist eine entzündliche Haarausfallerkrankung. Dabei entstehen typischerweise auf dem Kopf – es können aber auch andere Körperstellen wie der Bart betroffen sein – eine oder mehrere münzgroße, haarlose Stellen, wie Christoph Liebich, Hautarzt in München und Mitglied des Berufsverbandes der Deutschen Dermatologen, erläutert. Im Prinzip kann jeder unabhängig vom Alter und vom Geschlecht jederzeit erkranken.

Mitunter kann der Haarausfall auf dem Kopf sich wie bei Kerstin Zienert weiter ausbreiten - dann ist von einer Alopecia totalis die Rede. Ist der ganze Körper betroffen, spricht man von einer Alopecia universalis. Die Ursachen sind weitgehend unklar. Nach derzeitigem Stand der Forschung handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung.

Die Erkrankung ist weder lebensbedrohlich, noch haben die Betroffenen Schmerzen oder Juckreiz. Aber: „Die Menschen haben einen hohen Leidensdruck, und die Behandlung ist sehr limitiert“, sagt Prof. Hans Wolff, Leiter der Haarsprechstunde an der Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Nichtsdestotrotz sollten Betroffene zum Dermatologen gehen, wenn sie eine oder mehrere kahle Stellen bemerken – auch, um andere Erkrankungen auszuschließen. In der Regel bekommt man zunächst für drei bis sechs Monate Zinktabletten. Dass das hilft, sei nicht wissenschaftlich belegt, betont Wolff. Auch eine Behandlung mit Kortison komme infrage, wenn das Haar plötzlich und büschelweise ausfällt. Die Behandlung ist allerdings in der Regel mit Nebenwirkungen wie Gewichtszunahme verbunden und führt fast nie zu einem nachhaltigen Haarwachstum.

Eine weitere Möglichkeit ist die topische Immuntherapie mit einem Kontaktallergen wie Diphencyprone (DCP), wie Wolff sagt. Er betont aber: Das Kontaktallergen DCP ist nicht als Medikament zugelassen – es handelt sich dabei um eine Chemikalie. Sie wird auf die Kopfhaut aufgetragen. Durch die Reizung soll das Haarwachstum wieder angeregt werden. „Im Extremfall kann man davon Ausschlag am ganzen Körper bekommen.“ Einige Ärzte empfehlen auch die immunsuppressive Behandlung, wie sie bei Schuppenflechte und Rheuma durchgeführt wird, sagt Wolff. Dabei wird das Immunsystem mit Medikamenten unterdrückt, damit soll der Haarausfall verhindert werden. Patienten werden dadurch aber unter anderem auch anfälliger für Infekte.

Immer wieder hört Kerstin Zienert von Freunden oder Bekannten, dass Haare etwas Oberflächliches seien. Dass man sie nicht braucht.„Nein!“, betont sie. „Die Haare sind ein Teil von mir. Und wenn der geht, darf ich auch weinen.“ Sie engagiert sich in der Selbsthilfegruppe Alopecia Areata Deutschland. Und sie trägt eine Perücke - aus echten Haaren, das ist ihr wichtig. „Als Frau mit Glatze wird man angestarrt. Mit Perücke gehe ich ganz normal in der Masse unter.“

Elena Zelle

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