Jahreswechsel : Krach, bum, taub

Explodiert  ein  Böller  in  der Hand, wird    meist  auch  das Gehör  in Mitleidenschaft  gezogen.
Explodiert ein Böller in der Hand, wird meist auch das Gehör in Mitleidenschaft gezogen.

Jährlich tragen in Deutschland tausende Menschen Ohrenverletzungen und Hörschäden durch explodierende Feuerwerkskörper davon.

svz.de von
31. Dezember 2013, 12:00 Uhr

Zum Jahreswechsel lassen es in Deutschland viele Menschen im wahrsten Wortsinne ordentlich krachen. Der Verband der pyrotechnischen Industrie hofft darauf, in diesem Jahr zu Silvester in Deutschland Raketen und Böller im Gesamtwert von rund 124 Millionen Euro verkaufen zu können.

Durch unsachgemäßen oder leichtsinnigen Umgang mit Feuerwerkskörpern kommt es allerdings alljährlich auch zu zahlreichen Unfällen und Bränden. So erleiden nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie pro Jahr etwa 8000 Menschen Verletzungen des Innenohres durch explodierende Feuerwerkskörper.

„In der Regel kommen Betroffene erst zeitversetzt zu uns“, so Dr. Jan-Phillip John, Stationsarzt in der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten sowie Plastische Operationen an den Schweriner Helios Kliniken. Sie klagen dann – oft erst Tage nach Silvester – über länger andauernde Hörbeeinträchtigungen oder Ohrgeräusche. Einzelne Patienten würden sich aber auch direkt in der Silvesternacht vorstellen, weil sie beispielsweise aus dem Ohr bluten oder von schwerem Schwindel geplagt sind. „Zwei- , dreimal hatten wir in der Zeit, in der ich hier arbeite, im Klinikum auch Patienten, bei denen ein Böller noch in der Hand explodiert war und die deshalb in die Handchirurgie eingewiesen wurden. In solchen Fällen muss man dann immer auch an Gehörschäden denken.“

Symptome eines Knall- oder Explosionstraumas – so die medizinischen Fachbegriffe – sind Ohrenschmerzen, Schwindel, gedämpfte Geräuschwahrnehmung oder Tinnitus, also Ohrgeräusche. Nur sehr selten sind mechanische Verletzungen der Grund für diese Beschwerden, fast immer ist Lärm schuld daran.

„Ob und wie das Ohr geschädigt wird, hängt sowohl vom Lautstärkepegel als auch von der Zeitdauer der Lärmeinwirkung ab“, erläutert Dr. John. Das Tückische an den Explosionsgeräuschen beim Silvesterfeuerwerk sind die kurzen Einwirkzeiten, in denen die Lautstärkeempfindung stark eingeschränkt ist, so das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lagus) in Rostock. Der Lärm werde darum gar nicht als gefährlich wahrgenommen. „Ab Schallpegeln von 140 Dezibel kann es zu Gehörschäden kommen – und viele Feuerwerkskörper überschreiten diesen Wert“, warnt Lagus-Sprecherin Anja Neutzling. Illegale Knallkörper aus Osteuropa seien besonders gefährlich.

„Etwa zehn Millisekunden dauert es, bis das Ohr auf ein sehr lautes Geräusch reagieren kann“, erläutert Dr. John. „Im Mittelohr gibt es Mechanismen, die dazu führen, dass sich die Gehörknöchelchenkette in solch einem Fall versteift statt wie normal mitzuschwingen. Allerdings ist bei einem Knall oder einer Explosion die Einwirkzeit von oft nur zwei Millisekunden zu kurz, und dieser Reflexbogen funktioniert nicht mehr.“

Der durch das laute Geräusch entstehende Schalldruck kann dann das Innenohr und die Haarzellen schädigen, erläutert Dr. John. Im Extremfall könne ein lautes Geräusch sogar dazu führen, dass das Trommelfell zerreißt. „In solch einem Akutfall wird der Riss erst einmal provisorisch abgedeckt in der Hoffnung, dass er von selbst wieder heilt“, erläutert der Hals-Nasen-Ohren-Arzt.

Generell sei es in den meisten Fällen eines vermuteten Lärmschadens angezeigt, erst einmal abzuwarten. „Nach circa 24 Stunden klingen die Symptome eines Knall- oder Explosionstraumas oft von allein wieder ab“, so Dr. John. „Der Körper hat sich dann selbst geholfen.“ Hilfreich ist es in dieser Phase des Abwartens, den Ohren tatsächlich Ruhe zu gönnen. Das gelte im Übrigen auch nach Konzerten oder Discobesuchen, nach denen sich ein (vorübergehendes) Schwerhörigkeits- oder gar Taubheitsgefühl einstellt.

Schwerwiegende Hörstörungen verschwinden allerdings nicht von allein wieder, sondern verschlechtern sich unter Umständen sogar noch. Sie müssen unbedingt fachärztlich versorgt werden, damit es nicht zu dauerhaften Beeinträchtigungen kommt bzw. damit diese zumindest abgemildert werden können.

Die Therapie hat zum Ziel, das Gleichgewicht im Organ wieder herzustellen. In aller Regel wird dabei Cortison als Entzündungshemmer verabreicht, bei leichteren Beschwerden als Tablettenkur zu Hause, bei schwereren Verläufen über Infusionen in der Klinik.

Egal ob die Beschwerden danach ganz oder zumindest teilweise verschwinden: Vorgeschädigte sollen künftig verstärkt auf Gehörschutz achten. Auch Hörgesunden raten Mediziner, in der Silvesternacht auf ausreichenden Sicherheitsabstand zu Böllern und Raketen zu achten bzw. einen Gehörschutz oder zumindest Ohrstöpsel zu tragen. Am Neujahrstag sollte man dem Gehör in jedem Fall eine Erholungspause gönnen. Treten die beschriebenen Symptome danach immer noch auf, empfiehlt Dr. John umgehend der Besuch beim Facharzt.

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