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Serie: Woche der Sicherheit : „Keimfrei ist nicht notwendig“

vom
Aus der Onlineredaktion

Viele Bakterien und Krankheitserreger nehmen wir im Alltag über die Hände auf. Umso wichtiger ist das regelmäßige Reinigen der Hände. Kristina Biedermann, Fachärztin für innere Medizin, Gastroenterologie und Infektiologie sowie Krankenhaushygienikerin, gibt im Interview Tipps und klärt über Mythen auf.

Viele Bakterien und Krankheitserreger nehmen wir im Alltag über die Hände auf. Umso wichtiger ist regelmäßiges Reinigen der Hände. Kristina Biedermann, Fachärztin für innere Medizin, Gastroenterologie und Infektiologie sowie Krankenhaushygienikerin, gibt im Gespräch mit Martin Fröhlich wertvolle Tipps und klärt über einige Mythen auf.

Wie oft sollte man sich am Tag die Hände waschen?

Biedermann: Als grobe Faustregel gilt das, was wir als Kinder bereits gelernt haben: Vor dem Tisch und nach dem Essen Händewaschen nicht vergessen. Ebenso natürlich nach jedem Toilettengang. Der größte Teil der ansteckenden Krankheiten wird über die Hände übertragen. Dazu gehören die Erkältungskrankheiten oder auch ansteckende Magen-Darm-Infektionen. Die gute Händehygiene ist eine einfache und wirksame Maßnahme, die vor einer Ansteckung schützen kann. Das gründliche Händewaschen senkt die Anzahl der Keime an den Händen erheblich. Somit wird das Risiko reduziert, dass diese Keime mit dem Essen in den Mund oder über die Schleimhäute von Mund, Nase oder Augen in den Körper gelangen oder auch an andere Personen weitergereicht werden. Die Gesamtzahl der Händewaschungen über den Tag hängt von den jeweils durchgeführten Tätigkeiten ab.

Muss man die Hände auch desinfizieren?

Im Allgemeinen ist es nicht notwendig, im häuslichen Bereich die Hände zu desinfizieren. Im Gegenteil, es ist sogar kontraproduktiv, unsere natürliche Hautflora permanent zu zerstören, denn die Barriere hat ja auch eine Schutzfunktion. In Ausnahmen, etwa bei der Betreuung kranker Familienmitglieder, die multiresistente Bakterien auf der Haut haben, die über ein krankheits- oder therapiebedingt schwaches Immunsystem verfügen, kann die Desinfektion der Hände sinnvoll sein, um die kranken Familienmitglieder zu schützen oder eine Weiterverbreitung der resistenten Bakterien zu verhindern.

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Sollte man die Hände desinfizieren, wenn man Geldautomaten, Fahrscheinautomaten oder Ähnliches benutzt hat?

Auch in diesen Fällen ist eine Waschung der Hände ausreichend. Für Menschen, die dazu neigen, sich ständig ins Gesicht zu fassen, kann es in Grippezeiten schon mal überlegenswert sein, sich ein Desinfektionsmittel in die Tasche für unterwegs zu stecken, um sich vor den zirkulierenden Infektionen zu schützen.

Es gibt Menschen, die sich nach jedem Händeschütteln die Hände reinigen – ist das übertrieben?

Das ist übertrieben. Der alte Spruch „In Grippezeiten Handschlag meiden“ kann sicher einige Infektionsüber-tragungen verhindern, aber sich nach jedem dieser sozialen Kontakte insbesondere außerhalb der Grippezeiten und mit sichtbar gesunden Mitmenschen die Hände zu waschen wirkt eher verstörend auf Außenstehende – und ist auch unnötig.

 

Müssen wir heute mehr auf Hygiene achten als zu Großmutters Zeiten? Oder tun wir es nur, obwohl es gar nicht notwendig wäre?

Das Hygienebewusstsein ist in den letzten Jahren, sicherlich auch geprägt durch die Medien und letztlich auch durch Werbung zu Hygieneprodukten, gewachsen. Aber gerade der Einsatz von Desinfektion im häuslichen Bereich ist oft übertrieben und unnötig. Ein keimfreies Zuhause ist nicht notwendig und kann auch mit Desinfektionsmitteln nicht erreicht werden. Zudem enthalten Desinfektionsmittel Stoffe, die nicht nur den Mikroorganismen, sondern auch Körper und Umwelt schaden können. Sie können Allergien, Ekzeme oder Vergiftungen auslösen. Ein weiterer Aspekt ist, dass sie, wenn sie in großen Mengen in den Abfluss gelangen, auch die Umwelt belasten.

Was muss man im Büro beachten in Sachen Hygiene? Sollte man Tastatur und Maus desinfizieren, wenn eine andere Person sie benutzt hat?

Das verhält sich ähnlich wie das Schütteln der Hände. Hat der Vornutzer der Tastatur einen Infekt, kann das Desinfizieren der Flächen zum Eigenschutz vor Ansteckung sinnvoll sein. Ist man selbst sehr diszipliniert und greift sich nicht in das Gesicht, reicht ein Händewaschen nach Arbeit an der Tastatur vollkommen aus. Grundsätzlich ist eine regelmäßige Desinfektion der Tastatur im Büro nicht notwendig und muss individuell abgewogen werden.

Sollte man in Umkleiden oder öffentlichen Bädern grundsätzlich Gummilatschen tragen?

Im Schwimmbad ist es auch auf dem Boden warm und feucht, hier lieben es Bakterien und Pilze. Es bewegen sich zudem viele Menschen dort, die Hautschuppen und ihre eigene Hautflora hinterlassen. Zum eigenen Schutz ist es also unbedingt ratsam, den intensiven Kontakt zum Schwimmhallenboden gering zu halten, um ein Eindringen von Keimen in die im Wasser aufgeweichte Haut zu verhindern.

Stimmt es eigentlich, dass das Abspülen von Geschirr im Spülbecken die Keime erst richtig auf Teller und Tassen verteilt?

Sofern man gerade benutztes Geschirr spült, sollte die Keimbelastung sehr gering sein. Wer in Handarbeit spült, sollte dies bald nach der Mahlzeit tun, denn je länger das Geschirr steht, desto mehr Krankheitserreger siedeln auf ihm. Schon gar nicht sollte das Geschirr lange im Wasser eingeweicht werden. Warmes Wasser ist ein guter Nährboden für Mikroben. Problematischer sind Küchenschwämme als wahre Keimherde. Zwei Minuten in der Mikrowelle bei 800 Watt reichen aus, um die Anzahl der Bakterien erheblich zu verringern.

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