zur Navigation springen
Medizin und Gesundheit

22. November 2017 | 19:29 Uhr

Meditation : In der Ruhe sind alle gleich

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Im Zen-Kloster Schönböken werden Sinnsuchende eins mit dem Universum. Durch Meditation sollen Körper und Geist verbunden werden. Unsere Autorin hat es ausprobiert.

„Rücken gerade, Schultern nach unten. Und die Knie sollten möglichst den Boden berühren.“ Mit Engelsgeduld erklärt Wolfgang Rothe mir, worauf es beim aufrechten Sitzen ankommt. Mit gekreuzten Beinen versuche ich, seinen Anweisungen zu folgen. Doch so richtig klappen will das nicht. „Deine Hose ist zu eng“, sagt er und verschwindet kurzerhand, um mir eine weite Jogginghose zu besorgen. Der 49-Jährige ist Mönch und gehört dem Soto-Zen an, einer Strömung des Zen-Buddhismus. Wir sitzen im Dojo, dem „Ort des Übens“, im Zen-Kloster Schönböken. Gleich beginnt hier das Zazen – die Sitzmeditation und Grundlage des Soto-Zen. Weil ich Anfängerin bin, gibt es aber heute nur die Kinderversion: 20 Minuten still sitzen, zehn Minuten Geh-Meditation, und wieder 20 Minuten sitzen. Kann ja nicht so schwer sein, denke ich. Bevor es los geht, kriege ich erst eine Einführung, damit nachher auch alles klappt. Das Wichtigste ist die richtige Haltung. „Du musst für dich ausprobieren, wie du am besten sitzen kannst“, rät mir Wolfgang Rothe. Er macht es mir vor, kreuzt die Beine zu einem halben Lotussitz und legt seine Hände gefaltet in den Schoß. An die Verrenkung beim Lotussitz ist bei mir nicht zu denken, ich versuche es stattdessen mit einem einfachen Schneidersitz. Das passt.

Mehr als 600 Zen-Buddhisten treffen sich regelmäßig, um in den einzelnen Dojos in ganz Deutschland zu meditieren. Die mehr als 200 Jahre alte Gutsanlage im Kreis Plön ist das gemeinsame Zentrum. Die meisten von ihnen kommen nur morgens oder abends zum Zazen ins Kloster, einige der Mönche verbringen auch den Großteil des Tages im Kloster. So wie Wolfgang Rothe. Er kommt fast jeden Tag, um gemeinsam mit seiner Frau und zehn bis zwölf anderen Mönchen und Nonnen zu meditieren. Einzige Ausnahme ist mittwochs – da ist „Beziehungsmorgen“. Nebenbei kümmert sich der gebürtige Hesse um die Verwaltung.

Außer den festen Mitgliedern der Vereinigung haben auch Gäste die Möglichkeit, ins Kloster zu kommen. „Die Modelle hier sind sehr verschieden“, weiß Rothe. Vom konsequenten Langzeit-Meditierer bis zum zweiwöchigen Kloster-Urlauber sei alles dabei.

Was Zen von anderen Glaubensrichtungen unterscheidet, ist seine Offenheit. Keine Götter, keine starren Formen, keine Dogmen. „Es ist kein Glaubenssatz, den wir formen. Es geht vielmehr darum, Vertrauen zu gewinnen. Vertrauen in das, was man tut“, erklärt mir auch Jörg Baro. Der 54-Jährige ist Mönch und hat sich vor gut 20 Jahren dem Zen verschrieben. Mittlerweile wohnt er sogar im Kloster – obwohl er eine Freundin hat. Jeden Tag um 5.30 Uhr steht Baro auf, eine halbe Stunde später ist Zazen-Beginn. Jeden Tag. Als Verzicht empfindet er das nicht. „Zen ist mein Lebensmittelpunkt. Ich mache es, weil ich es will, nicht, weil ich es muss.“

Einen kleinen Einblick in dieses Leben bekomme auch ich. Während ich auf den Beginn der Meditation warte, ertönt ein hölzernes Klopfen. Erst langsam, dann immer schneller. „Das ist das Zeichen, dass es gleich los geht“, flüstert Wolfgang Rothe. Nach und nach betreten die Meditierenden den Dojo, auch ich suche mir einen freien Platz auf einer der schwarzen Matten, den Zabutons. Meditiert wird mit dem Gesicht zur Wand. Passt mir eigentlich ganz gut, dann fühle ich mich nicht so beobachtet. Dann ertönt ein Gong, und es herrscht Stille. Nur das gleichmäßige Atmen ist zu hören.

Ich widerstehe der Versuchung mich umzudrehen und beschließe stattdessen, einen Punkt an der Wand zu fixieren. Außerdem soll ich mich aufs Atmen und auf meine Haltung konzentrieren, hatte mir Wolfgang Rothe vorher geraten. Es dauert nicht lange, und meine Gedanken schweifen ab. Nachher auf dem Rückweg muss ich unbedingt noch Milch besorgen. Morgen um zehn ist Konferenz, da muss ich früher zur Arbeit. Ich könnte den Text später mit einem szenischen Einstieg beginnen. Oder vielleicht lieber mit einem Zitat? Woher wohl der kleine rote Strich an der Wand kommt? Mist, ich sollte doch auf meine Atmung achten.

„Das ist normal“, beruhigt mich Wolfgang Rothe, als ich ihm hinterher davon erzähle. „Es ist ein ständiger Wechsel zwischen dem Abschweifen der Gedanken und der Konzentration auf die Atmung und die Haltung des Körpers.“ Der 49-Jährige muss es wissen – schon seit 25 Jahren praktiziert er Soto-Zen. Früher führte der ehemalige Unternehmensberater eine Art Doppelleben. Vor der Arbeit in einem Berliner Büro fuhr er zum Meditieren ins Dojo, verbrachte seine Wochenenden und Urlaube mit Meditieren. Irgendwann wurde ihm der Spagat zu viel. „Ich empfand es als Zwang, mich zum Sklaven der Zahlen zu machen. Das Leben ist oft so künstlich, man steht immer unter Druck, alles erfüllen zu müssen.“

Druck ist auch bei mir das Stichwort. Mein linker Fuß beginnt langsam einzuschlafen und am liebsten würde ich mich an der Nase kratzen. Denk an was anderes, rede ich mir ein. Diesen Satz wiederhole ich innerlich immer wieder, wie ein Mantra. Und siehe da, nach einer Weile habe ich die Nase vergessen und mich an das Kribbeln im Fuß gewöhnt. Gerade als ich mich frage, wie viele der ersten 20 Minuten wohl schon vergangen sind, ertönt ein Gong. Der erste Teil ist um. Was dann kommt, nennt sich Geh-Meditation und ist recht simpel. Einatmen, ausatmen, einen halben Schritt gehen. Zehn Minuten machen wir das. Nach dem langen Sitzen ist die leichte Bewegung eine Wohltat, doch außer mir lässt sich keiner der anderen Teilnehmer etwas anmerken.

„Im Dojo sind alle gleich“, sagt Wolfgang Rothe und zeigt dabei auf den langen schwarzen Umhang, den hier jeder trägt. „Man zieht sich um, weil die soziale Welt hier keine Rolle spielt.“ Ärztinnen und Anwälte meditieren mit Bauarbeitern und Sozialarbeiterinnen. Sich nur auf den Menschen zu konzentrieren, egal welchen Beruf er ausübt, welche Kleidung er trägt oder welche Sprache er spricht – vor allem bei jüngeren Menschen wird der Zen-Gedanke immer beliebter. Viele von ihnen seien in den letzten Jahren ins Kloster gekommen,weil sie sich anders orientieren wollten, sagt Rothe. Doch nicht immer werden die Erwartungen erfüllt. „Am Anfang wollen alle Samurai werden, doch nach einer Weile merken sie, dass daraus nichts wird.“

Der Begriff Zen-Buddhismus sei jedoch irreführend. Denn anders als zum Beispiel im Diamantweg-Buddhismus gehe es im Soto-Zen weder um Wiedergeburt noch um Erleuchtung. Besonders ärgern ihn falsche Versprechungen, wie vor einger Zeit in einem Artikel im Spiegel. Krankheiten heilen durch Meditation, hieß es da. Darüber kann der 49-Jährige nur den Kopf schütteln. „Das wirkt so, als ob Meditation eine Art Pille gegen alles wäre. Dabei kommen aber nicht nur gute Gefühle hoch, sondern auch schlechte wie Wut, Trauer und Aggression.“

„Streben Zen-Mönche denn gar nicht nach Erleuchtung?“, frage ich. Wolfgang Rothe und Jörg Baro müssen lachen. Mit Erleuchtung habe das nichts zu tun, erklären sie. „Am Ende ist es eine Sinnfrage: Was soll das hier eigentlich alles?“

Auch Jörg Baro hat im Zen seine Erfüllung gefunden. Der gebürtige Magdeburger war lange auf der Suche nach etwas, das er auch nach eineinhalb Jahren Reisen um die Welt nicht fand. Erst die Meditation und der Glaube an das eigene Handeln ermöglichten es ihm, zur Ruhe zu kommen. „Wenn man sein Leben darauf basiert, sind die Erschütterungen nicht mehr so schwer. Das kann einem keiner nehmen.“

Und ich? Nach der zweiten Runde Meditieren werde ich ruhiger. Eigentlich ganz schön, die Stille, denke ich und beschließe, den Fernseher heute Abend mal aus zu lassen.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen