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Medizin und Gesundheit

23. September 2017 | 07:47 Uhr

Blinddarmentzündung : Im Zweifel unters Messer

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Blinddarmoperationen gehören zu den häufigsten Eingriffen / Neuerdings kommen bei Entzündungen auch Antibiotika zum Einsatz

Beim Verdacht auf eine Blinddarmentzündung fackeln Ärzte in der Regel nicht lange. „Raus damit, dann kann er keinen Schaden mehr anrichten“, lautet die Devise in Notaufnahmen und kinderchirurgischen Abteilungen. Blinddarm-Operationen gehören zu den häufigsten chirurgischen Eingriffen in Deutschland, jedes Jahr kommen deswegen über 100 000 Patienten unters Messer. Erst seit kurzer Zeit werden unkomplizierte Blinddarmentzündungen bei Erwachsenen manchmal auch mit Antibiotika behandelt.

Bei einer Blinddarmentzündung entzündet sich der Wurmfortsatz, ein kleines Anhängsel am Blinddarm, das von Medizinern Appendix genannt wird. „Der Begriff Blinddarmentzündung ist medizinisch eigentlich nicht korrekt, es müsste Wurmfortsatzentzündung heißen“, erklärt Siegbert Faiss, Chefarzt für Gastroenterologie und Interventionelle Endoskopie an der Asklepios Klinik Barmbek. Mediziner sprechen daher lieber von „Appendizitis“ als von „Blindarmentzündung“.

Die häufigste Ursache für eine Appendizitis ist eine Verstopfung der winzigen Öffnung zwischen Wurmfortsatz und Blinddarm - beispielsweise durch Kotsteine oder kleine Obstkerne. Darmsekret, das sich im Wurmfortsatz befindet, kann dann nicht mehr in den Blinddarm abfließen. Durch den Sekretstau kommt es zu einer Entzündung. „Nicht immer findet man bei einer Operation eine solche Verstopfung, manchmal ist daher die Ursache unklar“, erklärt Faiss. Experten vermuten, dass auch Viren, Parasiten, generelle Infektionen des Darms oder eine eingeschränkte Blutversorgung eine Appendizitis auslösen können.

Da sich grundsätzlich jede Entzündung des Wurmfortsatzes verschlimmern und zu einem Blinddarmdurchbruch führen kann, tendieren Ärzte dazu, den Appendix im Zweifel lieber zu entfernen. Bei einem Blinddarmdurchbruch reißt der Wurmfortsatz. Keime gelangen in die Bauchhöhle und können dort lebensbedrohliche Infektionen auslösen. Ein besonders hohes Risiko besteht für Kleinkinder, ältere Menschen und Personen mit einem schwachen Immunsystem.

Der schnelle Griff zum Skalpell bewirkt allerdings, dass viele Patienten operiert werden, deren Wurmfortsatz gar nicht entzündet ist. Zwischen 10 und 40 Prozent der Operationen erweisen sich im Nachhinein als unnötig, erklärt Faiss. Das Problem: Eine Appendizitis kann man vor einer Operation nicht immer mit hundertprozentiger Sicherheit erkennen oder ausschließen.

„Die Diagnose einer Blinddarmentzündung ist schwierig“, erklärt der Bremer Hausarzt Hans Michael Mühlenfeld. „Es gibt typische Symptome, aber viele Fälle sind eben nicht typisch.“ Ein deutliches Warnsignal sind Schmerzen, die am Nabel beginnen und dann in den rechten Unterbauch wandern. Je nach Länge und Lage des Wurmfortsatzes kann es aber auch an anderen Stellen weh tun. „Schmerzen im Unterbauch können außerdem viele Ursachen haben, bei Frauen im gebärfähigen Alter muss man beispielsweise immer auch an eine Eileiterschwangerschaft denken“, erklärt Mühlenfeld. Aus der Zusammenschau von körperlicher Untersuchung, Ultraschall und Blutbild ergebe sich zunächst nur eine Verdachtsdiagnose, die sich häufig erst im weiteren Verlauf erhärte.

Der Wurmfortsatz gilt als entbehrlich, deswegen wird eine Operation im Zweifelsfall als kleineres Übel angesehen. Zwar gibt es die Theorie, dass der Appendix eine Rolle im Immunsystem spielt, als möglicher Rückzugsort für nützliche Bakterien. „Eine lebenswichtige Funktion hat er aber sicherlich nicht“, erklärt Faiss. „Wer keinen Wurmfortsatz mehr hat, hat deswegen keinen Nachteil.“

Allerdings können sich im Operationsbereich Verwachsungen bilden, die Jahre später möglicherweise Probleme bereiten - von Schmerzen bis hin zum Darmverschluss.

Um die Rate an unnötigen Operationen zu senken, gibt es seit einigen Jahren den Ansatz, unkomplizierte Entzündungen zunächst nur mit Antibiotika zu behandeln. In einer finnische Studie aus dem Jahr 2015 lag die Erfolgsquote dieser „antibiotics-first“-Strategie bei über 70 Prozent. Teilgenommen hatten 530 erwachsene Patienten, bei denen mittels Computertomographie (CT) eine unkomplizierte Appendizitis diagnostiziert worden war.

Auch wenn drei von vier Patienten der Studie eine Operation erspart werden konnte, bleiben Chirurgen skeptisch. „Dass eine Entzündung unkompliziert ist, kann man in der Regel nur im CT erkennen. Das ist eine enorme Erweiterung der Diagnostik“, erklärt Hans-Joachim Meyer, Generalsekretär Deutsche Gesellschaft für Chirurgie. Außerdem müssten die Patienten, auch wenn sie ein Antibiotikum erhalten, zunächst stationär beobachtet werden. Ein großer Aufwand dafür, dass am Ende bis zu 30 Prozent der Betroffenen doch noch operiert werden. Meyer warnt außerdem vor der Gefahr einer fortschreitenden Resistenzentwicklung gegen Antibiotika, wenn die Medikamente immer häufiger verschrieben werden.

Was dem Chirurgen vor allem wichtig ist: Alle Antibiotika-Studien wurden bisher nur an Erwachsenen durchgeführt. Sie lassen daher keine Aussage über Kinder zu. Für Kinder gelte nach wie vor: Im Zweifelsfall muss der Appendix raus.

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