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Klinikum Schwerin mit Studie : Fett verhindert Amputationen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Körpereigene Stammzellen und Wachstumsfaktoren helfen beim Verschluss chronischer Wunden

svz.de von
erstellt am 23.Jan.2015 | 14:42 Uhr

Fettpölsterchen am Körper sind nach dem Jahreswechsel besonders vielen Menschen ein Dorn im Auge. In der Tat belasten sie Herz und Kreislauf und stellen so ein Risiko für eine Reihe von Erkrankungen dar. Der Vorsatz, etwas gegen die Pölsterchen zu tun, ist also aus medizinischer Sicht durchaus zu begrüßen.

Doch Fett kann auch heilen, zum Beispiel hilft es, Gewebedefekte wieder aufzufüllen. An den Schweriner Helios Kliniken nutzt man Fettzellen mittlerweile sogar, um große chronische – also über längere Zeit nicht heilende – Wunden zu behandeln, bei denen alle anderen Therapieoptionen ausgeschöpft sind.

Schon seit mehreren Jahrzehnten beschäftigt sich die Medizin intensiv mit dem Einsatz von körpereigenem Fett. „Am Anfang stand die Überlegung, ob man Fett, das man am Körper absaugt, nicht dort wieder transplantieren kann, wo zu wenig Fett vorhanden ist“, erläutert Dr. Roland Mett, Chefarzt der Klinik für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie der Helios Kliniken Schwerin. Seit den 80er-Jahren seien Techniken entwickelt worden, bei denen mit körpereigenen Fettzellen Defekte im Gesichtsbereich, später aber auch nach tumorchirurgischen Operationen an der Brust aufgefüllt werden.

Dabei kristallisierte sich die Erkenntnis heraus, dass Fett zahlreiche Stammzellen und Wachstumsfaktoren enthält – „500-mal mehr, als man aus einem vergleichbaren Volumen Knochenmark gewinnen könnte“, betont Dr. Mett. Transplantierte Fettzellen regen deshalb das umgebende Gewebe zur Neubildung an. „Je nachdem, wo wir sie einbringen, können sie verschiedene Aufgaben übernehmen“, erläutert der Mediziner. So können sie die Neubildung von Blutgefäßen anregen, aber beispielsweise auch eine verstärkte Bindegewebsbildung.

Aus dieser Erkenntnis heraus haben sich Mediziner weitere Einsatzbereiche für körpereigene Fettzellen erschlossen. „Narben werden weicher, wenn man dort Fettzellen einbringt“, nennt Dr. Mett einen davon. Durch vier bis fünf Behandlungen könne man so ganze Narben „aufweichen“.

Die Heilung chronischer Wunden durch Stammzellen und Wachstumsfaktoren aus dem eigenen Fettgewebe nennt Dr. Mett „die derzeit größte Innovation in der rekonstruktiven und regenerativen Medizin“. Vor allem für Diabetiker eröffnet sie neue Behandlungsoptionen.

Nach wie vor gehört ein diabetischer Fuß aber zunächst in die Hand des Fußchirurgen und ein durchblutungsgestörtes Bein zum Gefäßchirurgen. Erst wenn die Ausschöpfung der bewährten Behandlungen nicht zum Erfolg führt, kann die Methode der Eigenfetttransplantation, z. B. bei Diabetikern mit nicht heilenden Wunden im Fuß- und Unterschenkelbereich, gewebeschonend und für den Patienten wenig belastend angewandt werden. „In einigen Fällen ist es damit sogar möglich, eine Amputation von Gliedmaßen zu verhindern“, so der Chefarzt.

„Nach der chirurgischen Wundsäuberung entnehmen wir mit Hilfe eines feinen Wasserstrahls und einer speziellen dünnen Kanüle schonend Unterhautfettgewebe des Patienten und setzen es in spezieller Technik an der benötigten Stelle wieder ein“, beschreibt Dr. Mett das Verfahren, das erfahrenen Operateuren vorbehalten sein sollte. Die bei dieser wasserstrahlassistierten Liposuktion gewonnenen Fettzellen würden, je nach Größe und Tiefe der Läsion, unmittelbar nach der Entnahme an den Wundrand oder auch in den Wundgrund gespritzt. Das alles erfolgt unter örtlicher Betäubung und im Dämmerschlaf. Bereits nach einer Woche kann der Patient in der Regel die Klinik wieder verlassen. Nach vier bis sechs Wochen Schonung und angemessener Wundversorgung sollte der Defekt verschlossen sein. Eine erste Studie in Aachen bei mehr als 40 Patienten mit chronischen Wunden im Unterschenkel- und Fußbereich habe ergeben, dass die Heilungsrate der Methode bei 95 Prozent liegt, so Dr. Mett.

„Meine Klinik bereitet in Zusammenarbeit mit der Fuß- und Gefäßchirurgie am Haus sowie unseres Studiensekretariates die Beteiligung an einer Multicenterstudie vor, die unter Federführung der Medizinischen Hochschule Hannover steht“, so der Schweriner Chefarzt. Ziel sei, die bisherigen Ergebnisse in der täglichen Praxis zu prüfen und das Spektrum der Versorgungsmöglichkeiten chronischer Wunden durch eine innovative und den Patienten wenig belastende Methode zu erweitern.

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